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Soldorfer Gasthaus Wichmann erlebt in 100 Jahren vier Generationen / Nebenbei Landwirtschaft

400 Pokale, ein Krökeltisch und Fritz, der Wirt

Soldorf (nah). Seit hundert Jahren gibt es das Gasthaus Wichmann. Es ist kein Betrieb mit täglichem Mittagstisch oder einem großen Klubraum für Familienfeiern. Aber drei Mal in der Woche treffen sich dort Einwohner wie seit eh und je am Stammtisch und am Tresen, zum Klönen und zum Krökeln. Wirt Friedrich Wichmann, den alle nur "Fritz" nennen, weiß eine Menge zu erzählen.

veröffentlicht am 07.01.2008 um 00:00 Uhr

Als wäre die Zeit stehengeblieben: der Soldorfer Friedrich Wichm

Die Zeit ist offenbar stehen geblieben in dem kleinen Lokal. Aber das Flair der fünfziger Jahre wirkt gepflegt und gemütlich. Eigentlich guckt der Besucher aber zunächst gar nicht auf Tische und Stühle. Sein Blick richtet sich auf die endlose Reihe von Pokalen und Bechern, von Plaketten und Urkunden. Die große Sammlung von allein knapp 400 Trophäen aus rund 40 Jahren haben sich örtliche Feuerwehrleute erkämpft. Die Soldorfer Blauröcke gelten als die schnellsten im Umgang mit Schlauch und Spritze. Das Gespräch über die unverändert beliebten "Eimerfestspiele" lassen Wichmanns Augen gleich leuchten: "Ich bin doch ein Fan", verrät er, "ich fahre immer mit und schaue zu." Mehr noch: Meist hat er die Stoppuhr in der Tasche und kontrolliert die Leistungen der Kameraden. Früher ist er selber angetreten. Damals seien die Aktiven der Lauenauer Werksfeuerwehr von Casala die stärksten Gegner gewesen. Gelegentlich greift der Gastronom zum Staublappen und poliert die originelle Pokalsammlung. "Das mache ich aber nicht allein, die Feuerwehr hilft mir." Früher war das Reinemachen gar ein Ritual. Als Ehefrau Marie noch lebte, gab es bei der jährlich zweimaligen Aktion je nach Saison anschließend Zwetschgenkuchen oder Rinderwurst. Früher, da wurde auch noch mehr gefeiert. Mangels eines Saals räumte der heute 69-Jährige seine Scheune auf. Dort erlebten die Soldorfer Erntefeste, und der damals noch aktive Radfahrverein "Fahr wohl" richtete zünftige Bälle aus. Wichmann ist Gastwirt in der vierten Generation. Seine Zeitrechnung beginnt mit einer Katastrophe: 1906 verursachte ein Blitzschlag ein Großfeuer, bei dem das Anwesen des Urgroßvaters und das Nachbarhaus abbrannten. Allerdings nahm der Hausherr das Unglück mit Gelassenheit: Er habe das alte Fachwerkhaus ohnehin umbauen wollen. So wurde ein Gebäude aus Stein errichtet, es 1907 eingeweiht und 1908 Hochzeit gefeiert: Wichmanns Großvater gründete seine Familie. Damals hieß das Gasthaus noch "Hattendorf". Erst mit der Einheiratung des Vaters änderte sich auch der Name. Zum Anwesen gehörte seit jeher eine Landwirtschaft mit 7,5 Hektar Fläche, fünf Kühen und etlichen Schweinen: "Bis 1965 wurden die Felder noch mit Pferden bestellt." Dann kam der erste motorisierte Schlepper, erinnert sich der Wirt, der bis 1994 den Bauernhof weiterführte. Das sei nicht einfach gewesen: "Bis nachts um 1 Uhr hinter dem Tresen stehen und morgens um 5 Uhr zum Melken in den Stall." Und dann war ja auch noch der Hauptberuf: Friedrich Wichmann ist 35 Jahre Briefzusteller in Rodenberg und in einigen Dörfern gewesen. Auch die dörfliche Poststelle war in seinem Haus angesiedelt - von 1929 bis 1992. Ein wenig stolz ist er deshalb, dass zumindest eines seiner vier Kinder dem Bundesunternehmen treu geblieben ist: Sohn Andreas trat gewissermaßen durch Rodenbergs Straßen in väterliche Fußstapfen. Als Prunkstück der Schankstube aber gilt der fast museal wirkende Krökeltisch. "Der gehört mir", sagt Wichmann selbstbewusst, weil die ehemalige Wartungsfirma wohl schon lange nicht mehr existiert. Vor über vier Jahrzehnten war das Fußballspiel angeliefert worden - "damals schon als Gebrauchtgerät". Es funktioniert immer noch und ist sogar, wie Andreas Wichman anmerkt, "Euro-kompatibel": Zwei Fünf-Cent-Stücke im Groschenschacht lassen den Ball kullern. Die Stangen putzt und die Bälle wäscht der Chef regelmäßig selber. Und auch die Geldkassette leert er stets zugunsten seiner Gäste aus: Ihnen drückt er die Münzen für die nächsten Spiele in die Hand. Wie lange die Soldorfer hier noch ihr frischgezapftes Bier trinken können, hängt nicht zuletzt von der Gesundheit des Hausbesitzers ab. Es gibt aber auch Überlegungen von Tochter Christine. Die gelernte Hotelfachfrau würde aber wohl eher einen Schwerpunkt auf kleine Familienfeiern legen wollen. Die Präsenz hinter dem Tresen bleibt deshalb wohl auch weiterhin an den drei Tagen in der Woche dem Senior vorbehalten: "Ich will es wohl noch eine Weile machen."



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