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Die Rübenkampagne gilt als logistische Herausforderung / Rund um die Uhr in der Region im Einsatz

3900 Hektar, 100 Mitarbeiter und viel Planung

Groß Berkel (ll). Sebastian Binder ist soeben in der Groß Berkeler Feldmark angekommen. Von Landwirt Wilhelm Köster wird er bereits erwartet. Am Wegesrand türmt sich ein riesiger Berg mit süßlichen Früchten, der zum Abtransport bereit ist. Von Transportfahrzeugen ist aber weit und breit nichts zu sehen. Binder zückt sein Mobiltelefon. „Wo bleibt ihr denn“, fragt er seinen Gesprächspartner. „Wir sind gleich da“, bekommt er zur Antwort. Kein ungewöhnliches Bild in diesen Tagen: Die Zuckerrübenkampagne im Weserbergland läuft auf Hochtouren. Mit ihr stehen auch beteiligte Menschen und Maschinen kaum still.

veröffentlicht am 03.11.2009 um 10:24 Uhr

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Sebastian Binder ist verantwortlich für den reibungslosen Ablauf der Rübenkampagne in der Region. Der 27-jährige Aerzener ist als Einsatzleiter für die Zuckerrüben-Rode-Gemeinschaft Weserbergland (ZRG) im Moment unentwegt tätig. Dabei beginnt für ihn die Rübenzeit bereits im Frühjahr – auch, wenn die eigentliche Ernte der Hackfrüchte erst im September startet. Binder plant die Ernteflächen, schreibt Einsatzpläne, organisiert den Transport und ausreichend Personal, bevor es ihn dann im Spätsommer zur Rübenernte auf die Ackerflächen im Weserbergland treibt.

Aus der Ferne rollen drei 40-Tonnen-Lkw an. Auf dem schmalen Pfad in der Groß Berkeler Feldmark ist definitiv kein Platz zum Drehen und Wenden. Der Abtransport der Zuckerrüben erfolgt nach dem Einbahnstraßen-Prinzip: Anfahrt aus der einen Richtung, Abfahrt in die andere. „Auch das muss gut geplant sein“, sagt Binder. Der junge Mann koordiniert die Einsätze von 17 Lastzügen, drei Rübenrodern und einer Verlademaus, die tagtäglich im Kreisgebiet unterwegs sind – und das rund um die Uhr. „Nur von samstags, 21 Uhr, bis sonntags, 22 Uhr, stehen Mäuse und Lkw still“, berichtet der ZRG-Mitarbeiter. Ruhezeit, in der sich ein Monteur um die Einsatzsicherheit der Maschinen in der Woche kümmern kann.

Gute Koordination und eine funktionierende Logistik sind bei der Rübenkampagne unerlässlich. Schließlich ist die Zuckerrübe ein agrarkulturelles Sensibelchen: Frost, zu viel Feuchtigkeit, Schwitzwasser bei der Lagerung – all dies sind Beeinträchtigungen, die den Zuckergehalt einer Rübe von durchschnittlich 18 Prozent weit nach unten korrigieren und damit für die Zuckerwirtschaft erhebliche wirtschaftliche Einbußen hervorrufen können. An Sebastian Binder liegt es, die Zeiten zwischen Rodung, Verladung und Abtransport möglichst gering zu halten. Sein Mobiltelefon ist dabei sein wichtigstes Arbeitsgerät, bis die Kampagne dann Mitte November enden wird.

Bei gut 70 Tonnen Zuckerrüben liegt der Ertrag pro Hektar.
  • Bei gut 70 Tonnen Zuckerrüben liegt der Ertrag pro Hektar.
Bei ihm dreht sich derzeit alles nur um die Rüben: Sebastian Bin
  • Bei ihm dreht sich derzeit alles nur um die Rüben: Sebastian Binder ist für den reibungslosen Ablauf der Kampagne in der Region verantwortlich.
Alles eine Frage der Logistik: 17 Lastzüge, drei Rübenroder und
  • Alles eine Frage der Logistik: 17 Lastzüge, drei Rübenroder und eine Verlademaus sorgen dafür, dass die Äcker abgeerntet und die Rüben in die Zuckerfabriken zur Weiterverarbeitung kommen.

„Seit Anfang Oktober arbeiten wir im Zwei-Schicht-Betrieb“, erklärt Binder. Etwa 100 Mitarbeiter seien in die Kampagne im Weserbergland eingebunden. Wie der Einsatzleiter weiter berichtet, seien erst in diesem Jahr moderne Erntemaschinen angeschafft worden, die eine möglichst nachhaltige Schonung des fruchtbaren Bodens gewährleisten. „Zwillingsreifen an den Rodern reduzieren durch die größere Aufstandsfläche den Bodendruck“, führt Binder aus. Denn die schonende Nutzung der Ackerböden sei Grundsatz einer verantwortungsvollen fachlichen Praxis in der Landwirtschaft und bewirke gute Aussichten für eine erfolgreiche Ernte in den Folgejahren.

Nach der Rekordernte im vergangenen Jahr sind die Aussichten auf eine gute Rübenernte ganz und gar nicht trübe. „Wir liegen in diesem Jahr nur knapp unter dem Ergebnis vom letzten Jahr“, schätzt Binder. Mit 70 Tonnen Zuckerrüben pro Hektar Ackerland könne man ungefähr rechnen. Die Tonnage, die von den Fahrzeugen in die Zuckerfabriken gebracht wird, ist immens: Im Kreisgebiet werden insgesamt 3900 Hektar durch die ZRG gerodet, verladen und dann abtransportiert.

Für Wilhelm Köster, dessen Rüben gerade über das Förderband der Lademaus in die Lastwagen gleiten, sind ein „feinkrumiges Saatbett, guter Bodenschluss und natürlich trockenes Wetter im Sommer“ Garanten für die erfolgreiche Ernte auf seinen Feldern. Daneben hat sich laut Köster im langjährigen Zuckerrübenanbau eine besondere Fruchtfolge herauskristallisiert. „Auf die Rübenernte folgen zwei Jahre Weizenanbau und ein Jahr Gerste, bevor wieder Zuckerrüben ausgesät werden können“, berichtet der Groß Berkeler Landwirt aus seiner Erfahrung. Sogenannte Zwischenfrüchte würden die Bodenstruktur verbessern und auf natürliche Weise Schädlinge und Unkrautbildung vermeiden – auch ein Teil nachhaltiger Bodenbewirtschaftung.

Die Zuckerrübe ist weiterhin eine äußerst wertvolle Frucht in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Wie Binder berichtet, seien zwar durch die neue Zuckermarktordnung der Europäischen Union die Absatzquoten deutlich gesenkt worden; am Zuckerrübenanbau auf den heimischen Feldern habe sich dies bislang noch nicht bemerkbar gemacht. Die industrielle Nutzung der Rübe als Lieferant für Bio-Ethanol habe hingegen zugenommen. Der Anteil der Zuckerrüben, die zur energetischen Nutzung in Biogasanlagen genutzt werden, ist im Moment laut Binder „noch verschwindend gering“. Bisher sind in einigen Anlagen im Landkreis lediglich Testversuche zur Erzeugung von Strom und Wärme unternommen worden.

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