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Schneiden, hämmern, basteln: Karnevalsfrauen verwandeln den Ratskellersaal für ihre Prunksitzung / Drei Tage Arbeitseinsatz

200 Herzen und 160 Luftballons für sechs Stunden Spaß

Rinteln. In grellen Farben liegen sie prall aufgepumpt auf dem langen Tisch. Nebeneinander,übereinander, voreinander, hintereinander. In Trauben, jeweils vier Ballons sind miteinander verbunden. Immer im Wechsel, mal rot, mal weiß, dann mal wieder schwarz. Kommt man ihnen zu nahe, fangen sie an zu quietschen und zu tänzeln. 100, 110, 120 - immer mehr werden es. Eine Arbeit wie am Fließband: Auf das Ventil stecken, Luft hineinpumpen, runternehmen, weiterreichen, Knoten hineinmachen. Dann der der nächste Ballon. Und wieder der nächste. 160 sollen es werden.

veröffentlicht am 25.01.2008 um 00:00 Uhr

Für eine perfekt aufgebaute und edel verzierte Bühne sorgen Ilon

Autor:

Caroline Biallas

"Meine Finger tun schon richtig weh", stöhnt Jutta Meves, die mit ihren Kolleginnen seit fast zwei Stunden Luftballons aufpumpt. "Na, Gott sei Dank haben wir da eine Pumpe für, sonst werden wir ja nie fertig", ergänzt sie schnell, setzt sich auf einen Stuhl und zündet sich eine Zigarette an. Es ist Mittwochnachmittag, 16 Uhr. Eine erste Pause für das Aufbauteam des Rintelner Frauenkarnevals, das seit über zwei Stunden am Schuften und Rackern ist, um in den schlichten großen Saal des Ratskellers für ihre Prunksitzung heute Abend ein karnevalistisches Ambiente zu zaubern. Und das mit etwa 20 Helferinnen, ohne jegliche Unterstützung von Partyservice und sonstigem Personal. Unzählige, mühselige Stunden Arbeit stecken in der Schmückaktion, die fast drei ganze Tage in Anspruch nimmt: Girlanden aus Krepppapier müssen gebastelt und schmucklose Lampen festlich verkleidet werden. 200 schwarze Herzen aus Tonpapier sind sorgfältig mit der Hand ausgeschnitten worden, jetzt müssen sie noch mit einem Silberstift der Reihe nach nummeriert und auf den 200 Plätzen verteilt werden. Die kahlen Wände werden mit lustig-lachenden Clownsmasken und zierlicher Papierunterwäsche verziert, die Fensterseite hinter der riesigen Bühne mit langen Vorhängen kaschiert. Mal kommt ein glitzernder Silberton hinzu, mal eine schimmernde Goldnuance. Farblich ist alles perfekt aufeinander abgestimmt. Rot, weiß, schwarz - seit jeher die Farben der Rintelner Karnevalsfrauen. "Wir haben die Deko bewusst in diesen drei Farben gehalten. Und ich weigere mich immer, wenn eine andere Farbe dazu soll", erklärt Ilona Fromme, während sie liebevoll die winzigen Tonpapierslips und BHs an der Wand befestigt. "Wir wollen halt einfach anders sein als andere Karnevalsvereine." Dafür, dass die Rintelner Karnevalsdamen in jeder Hinsicht anders sind, erinnert allein ihre Gründung: Acht Frauen, genervt von den ewig eintönigen Prunksitzungen, bei denen Männer dominieren und ein "Tä-Tä" aufs nächste folgt, gründeten vor neun Jahren aus einer "Sektlaune" heraus den ersten Rintelner Frauenkarneval. Ihr Debüt hatte die frisch gegründete Gemeinschaft am 4. Februar 2000, als um Punkt 20.11 Uhr im damals schon rappelvollen Ratskellersaal das erste "Rilau" ertönte. 200 ausschließlich weibliche Gäste tanzten wild und ausgelassen miteinander und jubelten beigeistert, wenn ein Programmpunkt den nächsten jagte. Gardetänze, Büttenreden, Gesangseinlagen, Männerballett- auftritte - die Damen schafften es innerhalb kürzester Zeit, sich in der gesamten Region einen Namen zu machen, so dass in den darauf folgenden Jahren nicht nur sieben weitere Prunksitzungen stattfinden konnten, sondern Närrinnen aus dem gesamten Umland nach Rinteln kamen, um hier die "fünfte Jahreszeit" richtig ausgelassen zu feiern. Auch in diesem Jahr waren die 200 Karten ruckzuck ausverkauft. Kein Wunder, denn unzählige Showeinlagen sind geplant. Ein Höhepunkt wird der Auftritt des Elfenrates als klagende, verbitterte Trauerweiber sein. Streng geheim gehalten wird jedoch die Identität des Überraschungsgastes. Zweite Zigarettenpause. Aufgeheizt und kribbelig ist die Stimmung im halbaufgebauten Saal inzwischen. Nur noch zwei Tage bis zum großen Auftritt. Zur Einstimmung rücken die Frauen mit ihren Stühlen enger zusammen, heben ihre Gläser und stoßen mit Elfenlikör und Lambrusco an. Jutta Meves beginnt, ihre wochenlang einstudierte Büttenrede mit überzeugender Mimik und Gestik vorzutragen. Lautes Gelächter und schallender Applaus als Reaktion. Verraten will sie noch nicht, worum es gehen wird. Nur so viel: "Es ist eine Abrechnung mit dem anderen Geschlecht, die sich gewaschen hat!" Das ist eindeutig. Neben ihr treten auch Ilona Fromme als "Hausfrau mit Zweitjob" sowie Waltraut Bauer als "eine Frau von Welt" vor das Publikum. Frauen allein unter sich - Männer sind an diesem Abend unerwünscht. Umso schwerer haben es diejenigen, die wohl oder übel doch gezwungen sind, sich im Ratskellersaal aufzuhalten. Zum Beispiel Hartmut Bauer, der die Bühnen aufgebaut hat und am Mittwoch die letzten Feinarbeiten vornimmt: Ein provisorischer Linoleumboden wird auf dem Podest ausrollt und glattgestreift, um Stolpergefahren zu vermeiden. "Ich habe mir Ohropax besorgt, anders kann man das mit den Weibern ja gar nicht aushalten", fügt er scherzhaft hinzu, während er das Linoleum mit Klebeband fixiert. Einen kleinen Trost gibt es aber doch für ihn: Das dreiköpfige männliche Team vom "Rock Circus" wird heute Abend ebenfalls anwesend sein und dafür sorgen, dass es in den entscheidenen Momenten nicht an einem bunten Musikmix, optimalen Lichtverhältnissen und professioneller Tonqualität mangelt. Plötzlich ein lauter Knall. Ein weißer Ballon ist geplatzt. Damit der Farbrhythmus nicht gestört wird, wird schnell ein neuer aufgepumpt und an gleicher Stelle befestigt. Die 160 Luftballons sind fertig aufgeblasen. Zeit, sie in zwei Schlangen oberhalb der Bühne, neben dem roten Vorhang und den schwarzen Buchstaben "R", "F" und "K" aufzuhängen. Nach links kommt die Schlange mit den roten und weißen, rechts die mit den roten und schwarzen Ballons. Alles muss seine Richtigkeit haben. Waltraut Bauer, Jutta Meves und Sandra Sperlich halten die unhandliche Ballonkette hoch, Steffi Eigelsbach steht auf der Leiter und befestigt das Schnurende an der Wand. Geschafft. Die Bühne steht, die Deko ist so gut wie fertig. Der Abend kann beginnen...

Gemeinsam geht es schneller: Sandra Sperlich, Waltraut Bauer, Ju
  • Gemeinsam geht es schneller: Sandra Sperlich, Waltraut Bauer, Jutta Meves und Steffi Eigelsbach (v.l.) befestigen neben dem roten Vorhang die 160 Luftballons, die sie zuvor alle selbst aufgepumpt haben. Fotos: clb


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