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Vor 100 Jahren wurde in Rinteln der Gedenkstein für Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) eingeweiht

180 Zentner für den „Turnvater“

Rinteln ist um ein künstlerisches Bildwerk reicher“, meldete am 10. Juni 1912 die Schaumburger Zeitung. „Betrachten wir nur einmal genauer die fein ausgeprägten Gesichtszüge des Kopfes: Das ist doch ein herrliches deutsches Gesicht, ein Manneskopf mit großem, wallendem deutschen Barte, ein Gesicht, das jedem ins Herz lachen und Freude machen muß.“

veröffentlicht am 18.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die schwärmerische Beschreibung galt einem plakettenförmigen, in der Werkstatt des Berliner Künstlers Georg Meyer geprägtes Relief-Portrait von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Das Bildnis war Blick- und Mittelpunkt einer zu Ehren des „Turnvaters“ in der Weserstadt neu geschaffenen Gedenkstätte. Das Kernstück der Anlage, ein mehr als 180 Zentner schwerer Findling, war aus dem Extertal herantransportiert worden. Dort hatte er seit grauer Urzeit an einem Hohlweg in der Nähe des Dorfes Laßbruch kurz hinter der lippischen Landesgrenze gelegen. Sein neuer Standort wurde und ist seit hundert Jahren der Blumenwall. Den Platz hatte die Stadt zur Verfügung gestellt.

Die Einweihungsfeier dauerte drei Tage. Die Festredner überboten sich mit Lobpreisungen. Jahn sei „einer der deutschesten aller deutschen Männer“, war zu hören. Der hier und heute gesetzte Gedenkstein könne „nur ein kleines, schwaches Symbol für die Größe seiner Denkungsart, seines Charakters und seiner männlich edlen großen Seele sein“. Der seit Anfang des Jahres amtierende Bürgermeister Wachsmuth versprach, dass die Stadt das ihr als Eigentum überlassene Denkmal stets in Ehren halten werde. Landrat von Ditfurth brachte ein dreifaches „Gut Heil“ auf den Kaiser aus. Auch die Einwohnerschaft wusste das Ereignis zu würdigen. „Unsere Bürger hatten alles aufgeboten, die Häuser der guten, alten Stadt Rinteln in ein feierliches, ihrer würdiges Gewand zu hüllen“, war nach Ende der Feierlichkeiten in der Zeitung zu lesen.

Die Entscheidung der Rintelner zur Aufstellung des Gedenksteins kam nicht von ungefähr. Der Turnvater galt spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts als Kultfigur. Vor allem das bürgerlich-konservative Lager sah den Pfarrersohn aus Brandenburg als geistigen Wegbereiter der 1871er Reichsgründung. Kaum eine Stadt, die auf ein sichtbares Zeichen der Ehrerbietung und Dankbarkeit verzichten mochte. Das Ergebnis wirkt bis heute nach: Deutschlands Parks und Plätze sind voll von Jahn-Denkmalen und -Büsten. Dazu kommen ungezählte Namensgebungen. Keine andere historische Persönlichkeit ist so oft auf Sportplatz-, Turnhallen-, Schul- und Vereinsschildern verewigt. Allein die Zahl der deutschen Jahnstraßen wird auf mehr als 1100 geschätzt.

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  • Die Jahn-Gedenkstätte in Stadthagen.
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  • Feiert in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag: die Jahn-Gedenkstätte in Rinteln. Fotos/Repro: gp

Die immer höher schwappende Jahn-Begeisterung machte auch von den Toren der preußischen Kreisstadt Rinteln nicht halt. Im Gegenteil. Die Vorreiter der Denkmal-Idee nutzten die Stimmung, um das bis dato in drei konkurrierende Vereine zersplitterte bürgerliche Turnlager zusammenzubringen. MTV, Turnklub Jahn und Kaufmännischer Turnverein kamen überein, die Ehrenmal-Weihe als Start für einen gemeinschaftlichen Neuanfang zu nutzen. Bei der Namenssuche musste man nicht lange überlegen: Die neue Gruppierung wurde „Vereinigte Turnerschaft Rinteln (VTR)“ getauft.

„War es nicht auch Jahn, der uns, seinem Volke, die Einigkeit predigte, der uns zurief: Seid einig, einig, einig, ein Volk von Brüdern?“, kommentierte die Zeitung. Der „Erfinder von Reck und Barren“ werde „heller vom neuen Denkmal herab blicken auf den einen, nun großen Turnverein, als er auf die drei kleinen Vereine geschaut hätte“.

Die Jubelarien für den zum Volkshelden aufgestiegenen Ex-Privatlehrer kamen – auch in der Weserstadt – nicht bei Jedermann (und jeder Frau) gut an. Die Roten waren schon Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts auf Konfrontationskurs gegangen. Nach Aufhebung des sogenannten „Sozialistengesetzes“ (1890) rief man „eigene“ Arbeitersportvereine ins Leben. In Rinteln tat sich 1891 eine Glasmacher-Sportgemeinschaft zusammen. Dachverband der Linken war der „Arbeiter- Turn- und Sportbund“ (ATSB). Die Bürgerlich-Konservativen waren in der „Deutsche Turnerschaft“ (DT) organisiert. Beide Gruppierungen waren sich nicht gerade wohl gesonnen. Auch in Rinteln soll es – vor allem in den Jahren bis zur „Gleichschaltung“ des Sports durch das NS-Regime im Jahre 1933 – des Öfteren hoch hergegangen sein.

Bei den Einweihungsfeierlichkeiten wurden die ideologischen Gegensätze nur durch die markigen Auftritte und die vaterländischen Bekundungen der Funktionäre deutlich. „Daß diese Fröhlichkeit unserer Jünglinge möglich ist, ohne in ungezügelte Freiheit auszuarten“, sei nicht nur von Elternhaus, Schule und durch stramme turnerische Schulung anerzogen, sondern „auch schon durch Tradition vom alten kernechten Sachsenstamm im Weserlande überkommen“.

Im Schaumburger Land ist der Name des Turnvaters in vielfältiger Form „verewigt“. Hier der Gedenkstein auf dem Bückeberg.



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