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Bundesbeauftragte Birthler: Arbeit für 300 Jahre / Vortrag der Konrad-Adenauer-Stiftung "ausverkauft"

180 Aktenkilometer belegen Stasi-Spitzeleien

Bückeburg (bus). "Vergangenheit für die Zukunft: Die Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Hilfe der Stasi-Akten" ist am Wochenende das Thema des aktuellen Bückeburger Mittagsgesprächs gewesen. Die von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Reihe präsentierte im großen Saal des Bückeburger Rathauses mit Marianne Birthler eineausgewiesene Expertin der Materie. Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR referierte vor "ausverkauftem" Haus.

veröffentlicht am 05.03.2007 um 00:00 Uhr

Kundig: Marianne Birthler.

Die im Januar 1948 in (Ost)-Berlin geborene frühere Vorstandssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen zeichnet seit September 2000 für die Arbeit der Bundesbehörde verantwortlich. Birthler war von 1988 an Mitarbeiterin der Initiative für Frieden und Menschenrechte sowie zwischen 1990 und 1992 Ministerin für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. Ihr Vortrag im Rathaussaal nahm ausdrücklich Rücksicht auf die unterschiedlichen Wissensstände im Publikum - unter den Gästen befanden sich etwa 80 Schüler, denen das "Schild und Schwert der Staatspartei" vermutlich weniger geläufig war als den geladenen älteren Herrschaften. Die Berücksichtigung dieses Umstands förderte eine Schilderung zutage, in die sehr viele persönliche Erlebnisse und Bezüge einflossen. "Kleine Szenen aus unvergesslichen Tagen", wie Birthler ihre Eindrücke benannte, spielten ebenso eine Rolle wie klar formulierte Statements. Beispiel: "Die SED war Herr im Haus und die Stasi ihr Dienstleister. Die führende Macht hielt sich eine Geheimpolizei, die die Menschen das Fürchten lehren und Feinde unschädlich machen sollte." Oder: "Die Menschen wollten nicht weg sondern ganz vehement die Verhältnisse in der DDR ändern." Und: "Die DDR war kein Volk von Spitzeln." Weniger als zwei Prozent der DDR-Bevölkerung, erläuterte die Bundesbeauftragte, hätten im Sommer 1989 für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet - insgesamt etwa 92 000 hauptamtliche und rund 174 000 inoffizielle Mitarbeiter. Die Truppe agierte unterdessenüberaus "erfolgreich". Postkontrollen inklusive hatte sie beinahe die Hälfte der Einwohnerschaft im Visier. Trotz des subjektiven Gefühls, ständig überwacht zu werden, unterstrich Birthler, hätte mehr als die Hälfte der zur Mitarbeit aufgeforderten Frauen und Männer ihre Zusage verweigert. Die Behörde verwaltet in Berlin und 13 Außenstellen Unterlagen von kaum vorstellbaren Ausmaßen. 120 Aktenkilometer Schriftgut, 16,5 Kilometer zerrissene Akten und 41,7 Kilometer verfilmte Akten stehen für die Aufarbeitung der Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit zur Verfügung. Mehr als 1,5 Millionen Anträge auf Akteneinsicht sind bislang gestellt worden. Dass unter Birthlers etwa 2000 Mitarbeitern um die 60 als ehemalige Stasi-Zuträger gelten, sollte der Aufarbeitung keinen Abbruch tun. Zumal die mitunter recht mühevolle Arbeit noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Birthler: "Falls es im bisherigen Tempo weitergehen sollte, benötigen wir dafür noch etwa 300 Jahre."

Unter den Zuhörern im "ausverkauften" Rathaussaal befinden sich
  • Unter den Zuhörern im "ausverkauften" Rathaussaal befinden sich auch etwa 80 Schüler, die sich für die Thematik Stasi-Akten interessieren. Fotos: bus

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