weather-image
17°
Viereinhalb Jahre für Kinderschänder

13-jährige Schüler "wie Strichjungen behandelt"

Steinbergen/Bückeburg (ly). "Wie Strichjungen" habe der Angeklagte seine beiden Opfer behandelt, meint Staatsanwalt Dr. Malte Rabe von Kühlewein. Dafür muss der 59-Jährige jetzt einen hohen Preis zahlen: Im Kinderschänder-Prozess vor dem Bückeburger Landgericht hat dessen 1. Große Jugendkammer den Steinberger gestern zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Auf den Mann wartet eine schwere Zeit, denn in der Knast-Hierarchie stehen solche Täter weit unten.

veröffentlicht am 28.11.2006 um 00:00 Uhr

Der Schuldspruch lautet auf 25-fachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, davon in 13 Fällen schwer. Motiv: "Der Angeklagte hat seine Alkoholabhängigkeit nicht in den Griff bekommen und war dazu noch isoliert", so die Vorsitzende Richterin Dr. Birgit Brüninghaus. Offenbar wollte der Witwer sich nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1997 so etwas wie Liebe kaufen, beging dabei aber reihenweise Verbrechen. Betrunken dürften die letzten Hemmungen gefallen sein. Zurück bleiben zwei Jungen, die therapeutischer Hilfe bedürfen und "noch viele Jahre benötigen werden, um die Übergriffe zu bewältigen", wie Richterin Brüninghaus fürchtet. "Während der Vernehmung spürte man ihre Scham deutlich." Zu Beginn der Taten in zwei Steinberger Wohnungen des Angeklagten waren beide Schüler 13 Jahre alt. Mit kleineren Geldbeträgen, Alkohol, Zigaretten oder Telefonkarten fürs Handy hatte der erwachsene Mann die Kinder gefügig gemacht. Überwiegend mussten die Opfer Oralverkehr über sich ergehen lassen. Nachgewiesen werden konnten dem 59-Jährigen bei weitem nicht alle ursprünglich aufgelisteten Fälle. Angeklagt waren 140 Taten, begangen zwischen Frühjahr 2002 und Ende 2005. Sofort ins Gefängnis muss der Mann übrigens nicht. Der Haftbefehl bleibt weiter außer Vollzug, weil die Justiz weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr sieht. Noch ist die Bückeburger Entscheidung nicht rechtskräftig. Mit sechs Jahren und zehn Monaten Haft hatte die Staatsanwaltschaft eine deutlich höhere Strafe gefordert. Angesichts von Behauptungen, die Jungen hätten freiwillig mitgemacht, warnte Rabe von Kühlewein davor, Täter und Opfer zu verwecheln. Möglich, dass die Anklagebehörde Revision einlegt. Als sicher gilt ein Rechtsmittel der Verteidigung, denn Rechtsanwalt Eckart Klawitter hatte für seinen Mandanten eine zweijährige Bewährungsstrafe beantragt. Von minder schweren Fällen ging die Kammer aber im Gegensatz zu Klawitter nicht aus. Zu Gunsten des Angeklagten sprachen dessen Geständnis sowie die Tatsache, dass er nicht vorbestraft ist. Darüber hinaus hatte ein psychiatrischer Gutachter dem Täter Alkoholabhängigkeit und eine Störung der Persönlichkeit attestiert. Zu Lasten des Angeklagten wertete das Gericht neben den Folgen für die offenbar traumatisierten Opfer die Vielzahl der Übergriffe und den langen Zeitraum, über den die Taten sich hingezogen haben. Verteidiger Klawitter hatte in seinem Plädoyer unter anderem auf das "harte, unbestrafte Leben unter rigiden Bedingungen" hingewiesen, welches der 59-Jährige biszu Beginn der Taten geführt habe. Klawitter glaubt, dass alles freiwillig geschehen sei.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare