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Letzte Chance auf Istanbul – heute und morgen in Herford

100 Tage Bosporus – und der Rest vom Wochenende

Herford. Echte Innovation kommt immer von Prostituierten und Abschaum, von Migranten, Vororten oder Ländern in der Peripherie, von allem, was nicht versteinert worden ist von Ehrbarkeit, Verbürgerlichung oder Macht…

veröffentlicht am 16.02.2011 um 14:47 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Das ist eine bemerkenswerte These, die in Kreisen der Kunst und des Designs bis heute Bestand hat. Vater dieses Gedankens, dem das Establishment dafür die kalte Schulter zeigte, ist Ettore Sottsass, weltweit anerkannter Designer von Einrichtungsgegenständen. Der Belgier Max Borka hat Sottsass‘ Worte eins zu eins in sein die Ausstellung „SPAGAT! Design Istanbul Tasarimi“ begleitendes Buch übertragen. 100 Tage hatte der Kurator dieser kunterbunt gemischten Exposition, die heute und morgen im Museum Marta Herford (Goebenstraße 4 - 10) in ihre spannende Schlussrunde geht, zusammen mit Anna Pannekoek in Istanbul verbracht. Eine Stadt voll von kreativem Chaos – und das ist noch untertrieben.

Kurz vor halb zwölf. Immer mehr Besucher drängen ins Marta-Museum. „Möchten Sie einen Tee?“ Max Borka wartet nicht auf eine Antwort, sondern befüllt die Tassen und beginnt zu erzählen. 100 Tage am Bosporus haben ihre Spuren hinterlassen. Anna Pannekoek und er hätten kein Wort Türkisch gesprochen, sie seien „nicht beeinträchtigt gewesen durch zu viel Wissen“ und hätten diese Stadt voller Gegensätze erst kennen-, dann liebengelernt. Ost und West. Archaisches und Moderne. Für Designer und solche, die das Design entdecken, ein Schmelztiegel, ein Füllhorn für Ideen. „Es gibt in Istanbul viele junge, mutige Designer, die dem Industriellen entgegenwirken, die das Praktische eines Alltagsgegenstandes nicht aus den Augen verlieren, ohne ein eigenständiges Design vermissen zu lassen“, sagt Borka und schüttet Tee nach.

Die Ausstellung – nach „Nullpunkt. Nieuwe German Gestaltung“ bereits die zweite Kollaboration zwischen dem „Marta“ und Borka – zeige, wie sehr Gebrauchsgegenständliches in einer Stadt wie Istanbul zum Kunstobjekt wird. In dieser Normalität wirken kunterbunte Bürsten und Seifenhalter aus Plastik vor den Augen deutscher Besucher fast skurril. Und es sind eben überwiegend Deutsche und so gut wie keine Türken, die hier auf Istanbuls Designspuren wandeln, was nicht zuletzt Max Borka bedauert, weil er auf eben jene Reaktionen sehr gespannt gewesen wäre und weil es ja immerhin 3,5 Millionen Menschen türkischer Abstammung in Deutschland gebe.

3 Bilder

Keine Kunst, aber Design ist es, was die morgen zu Ende gehende Ausstellung, die laut Kurator erst in den vergangenen zwei, drei Wochen einen Schub durch mehr und mehr Besucher erfahren habe, zeigt. Doch Design gehört zur Kunst, nicht zuletzt in Istanbul, wo zeitgenössisches Design ebenso gut seiner Zeit voraus ist oder aber allem hinterhinkt. Wer weiß das schon? Letztlich ist es egal, denn in dieser Hinsicht hat sich Europas größte Metropole mit ihren vielen Designertalenten und kleinen Fabrikationen eine Eigenständigkeit bewahrt, die bewundernswert sei. Das kann man nachfühlen im Museum Marta Herford, nicht nur sehen, sondern spüren. Typischer Straßenlärm ertönt eingangs der Ausstellung aus Lautsprechern; wer die Augen schließt, wähnt sich mittendrin in der 20-Millionen-Einwohner-Stadt am Bosporus. Alles mischt sich, alles verwischt sich, auch visuell. Hocker aus Plastik, nicht farbig, sondern bunt, stehen in grellem Gegensatz zum geradezu archaisch wirkenden Holzkäfig für Wellensittiche. Tassen, Teller, Gummistiefel, Spielzeugtaxi, Wasserflasche, hier ist alles schlicht und zweckmäßig und doch so anders als anderswo.

Möglich, dass all dieses nur kleine Staunereien hervorruft bei den Besuchern der Ausstellung, doch die großen Ahs und Ohs gibt es ebenso – die meisten davon vor dem Ölgemälde des Künstlers Bayram Gümüs, der die Stadt am Bosporus auf Leinwand gebannt hat. Dieses Bild ist nicht nur groß in seinen Ausmaßen, sondern großartig in seiner Wirkung. Länger als ein Jahr hat Gümüs daran gemalt.

Ergänzt wird die Ausstellung SPAGAT! durch eine zweite Exposition mit dem Titel „Wir sind Orient“, in deren Fokus zeitgenössische westeuropäische Künstler dem Ornament eine zentrale Rolle zuweisen. Zwischen streng geordnetem System und poetisch befreiter Linie, zwischen sperrigem Raster und transparentem Gewebe, zwischen dekorativer Oberfläche und symbolisch verdichtetem Raum. Und so führt „Wir sind Orient“ sowohl ins luftig-frei anmutende „Multiversum“, erschaffen von Heike Weber unter Mithilfe der Hamelner Teppichwerke Vorwerk, als auch zum streng linear gekämmten Teppich aus Split. Bloß nicht drauftreten…

Die nächsten Ausstellungen im Museum Marta Herford: 23. Februar bis 8. März „Marta SMS 06“ (Künstlerin Kerstin Stoll zeigt Keramikplastiken) und vom 8. März bis 8. Mai „That’s me – Fotografische Selbst-Bilder“ mit rund 100 Fotografien verschiedener Künstler.

Das Museum Marta Herford liegt an der Goebenstraße 4 - 10 direkt in Herford und hat dienstags bis sonntags jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr: www.marta-herford.de

Sitzgelegenheit aus Istanbul: Aykut Erols „Grass V2“ sieht nicht gemütlich, aber auch nicht gewöhnlich aus. Rechts Max Borka, Kurator der Ausstellung. Foto: Anna Pannekoek.

Ein ganzes Jahr hat Bayram Gümüs an seinem Ölgemälde auf Leinwand gearbeitet. „Istanbul“ ist ein berauschendes Werk. Foto: Ralf Bittner



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