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Bei Autobahn-Stau wird das DRK zur Versorgung eingesetzt – doch Kommunen bezahlen Rechnung nicht

Zwischen allen Stühlen

WESERBERGLAND. Staus sind auf der Autobahn 2 keine Seltenheit, manche mutieren allerdings zum stundenlangen Mega-Stau. In diesen Fällen hilft das DRK, verteilt Getränke und Essen und hilft, wo Hilfe benötigt wird. Der ehrenamtliche Einsatz kostet, doch zahlen will niemand.

veröffentlicht am 27.12.2017 um 16:15 Uhr
aktualisiert am 27.12.2017 um 23:00 Uhr

Stundenlanger Stau, nichts geht mehr. Dann kommt der DRK zu Versorgung der Fahrzeuginsassen. Doch wer übernimmt die Rechnung? Foto tol
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Ein Mega-Stau kann sich zum Albtraum für Autofahrer entwickeln. Über Stunden bewegt sich die Stahlkolonne keinen Millimeter, die Sonne knallt herunter, die eigenen Trinkwasservorräte sind schon lange verbraucht, vielleicht sitzt sogar noch ein Kind auf der Rückbank. Und dann das erlösende Klopfen am Fenster: Ein DRK-Mitarbeiter reicht eine Flasche Wasser, vielleicht noch ein belegtes Brötchen und Windeln für den Säugling auf der Rückbank. Immer wieder rückt der Einsatzzug des DRK-Kreisverbandes Schaumburg zu Versorgungseinsätzen auf die Autobahn 2 aus. Teilweise bewegt sich dann schon seit sechs Stunden gar nichts mehr.

Die Ehrenamtlichen verteilen nicht nur Wasser und etwas zu Essen, sie beruhigen die Fahrzeuginsassen und versorgen kleine Verletzungen. „Einmal streckte uns sogar eine Frau ganz verzweifelt ihr Baby entgegen. Sie konnte einfach nicht mehr“, berichtet Kreisbereitschaftsleiter Thomas Knolle.

Auch wenn es sich bei den Mitgliedern um Ehrenamtliche handelt, kostet so ein Einsatz dennoch Geld. Allerdings wollen die Kommunen, die nach dem Gesetz für Gefährdungssituationen zuständig sind, die Rechnung nicht begleichen. Früher, so berichtet der Geschäftsführer des Schaumburger DRK-Kreisverbandes, Thomas Hoffmann, hätten die Versicherungen der Autohalter anstandslos die Rechnung übernommen. Doch seit der Versicherungsmarkt umkämpfter und die Gewinnmargen nicht mehr so traumhaft sind, würden diese immer öfter die Kosten nicht mehr übernehmen. Seit 2014 klaffe daher beim Kreisverband eine Finanzierungslücke für Stau-Einsätze auf der Autobahn. „Für uns ist ganz klar: Wenn Leute in Not sind, dann helfen wir“, betont Knolle. Da frage er vorher auch nicht nach Geld. Aber problematisch sei es schon, wenn bei so einem Einsatz Kosten in Höhe von 5000 bis 10 000 Euro für Material entstünden. „Wasser ist ja nicht so teuer“, sagt Hoffmann, „aber schwierig wird es dann beim Pfand – den bekommt man nach einem Autobahneinsatz natürlich nicht wieder zurück.“ Die Ehrenamtlichen könnten ja nicht neben dem Auto stehen bleiben und auf die Rückgabe der leeren Wasserflasche drängen.

Mega-Staus: Gerade in den Ferien kennt man das. Die Kommunen sind gesetzlich für diese Gefährdungssituationen zuständig. Foto: dpa
  • Mega-Staus: Gerade in den Ferien kennt man das. Die Kommunen sind gesetzlich für diese Gefährdungssituationen zuständig. Foto: dpa
Bei einem solchen Stau-Einsatz entstehen Kosten von bis zu 10 000 Euro. Bislang bleibt der DRK-Kreisverband darauf sitzen. Foto tol
  • Bei einem solchen Stau-Einsatz entstehen Kosten von bis zu 10 000 Euro. Bislang bleibt der DRK-Kreisverband darauf sitzen. Foto tol

Doch nicht nur Lebensmittel, auch Hygieneartikel wie etwa Windeln werden verteilt. Und Viehtransporter müssen mit großen Mengen Frischwasser versorgt werden.

Dabei hat der Kreisverband in der Vergangenheit noch Glück gehabt: So habe etwa das Edeka-Zentrallager in Lauenau die Helfer bei einem Mega-Stau im Juni 2016 sofort mit Material versorgt – und wollte es nicht einmal in Rechnung stellen. 1000 Aufbackbrötchen, 400 Fladenbrote und 40 Kilogramm Schnittkäse sowie 40 Kilogramm Wurst konnten die Helfer verteilen. Noch einmal so viel Lebensmittel holten die Helfer aus der eigenen DRK-Küche in Steinbergen ab.

„Für solche Fälle haben wir die Handynummer vom ,Notfallmanager‘ etwa bei Edeka oder bei BauernGut“, erklärt Knolle. Da frage man dann nach, wer so kurzfristig große Mengen Material bereitstellen könne. „Die Hilfsbereitschaft ist hier glücklicherweise enorm – und sehr unbürokratisch“, so Hoffmann. Nach drei Jahren scheint aber Bewegung in die Sache zu kommen. Der Auetaler Bürgermeister Heinz Kraschewski signalisierte auf Anfrage die grundsätzliche Bereitschaft seiner Kommune, sich zu beteiligen. „Wir haben in der Bürgermeisterrunde mit dem DRK darüber gesprochen, allerdings ohne Ergebnis.“ Der Landkreis Schaumburg wolle das Thema jetzt aber aufarbeiten, da es ja mehrere Anrainerkommunen gebe.

„Die wissen auch, was die Vorstellung des Roten Kreuzes ist.“ Zwar sei klar, dass Gefahrenabwehr – und darunter fällt auch ein Langzeit-Stau – Sache der Kommunen sei. Aber gerade für eine finanzschwache Gemeinde wie das Auetal sei die Situation vertrackt. Der Bund argumentiere zwar, wer auf seinem Gebiet eine Autobahn habe, profitiere auch durch höhere Gewerbesteuereinnahmen. Allerdings sehe man gerade im Auetal, dass man zwar einen langen Autobahnabschnitt auf dem eigenen Gebiet habe, aber von der Gewerbesteuer nicht so massiv profitiere.

Dabei seien etwaige Versorgungseinsätze auf der Autobahn auch nur einer von mehreren Punkten. Teuer seien auch die Feuerwehreinsätze auf der Autobahn. So müssten die Ortsfeuerwehren ganz deutlich leistungsfähigere Fahrzeuge und mehr Material vorhalten, als andere Orte vergleichbarer Größe. Auch die Einsatzdichte sei in der Nähe der Autobahn deutlich höher. Er stehe daher grundsätzlich auf der Position: „Wer die Musik bestellt, der soll sie auch bezahlen.“ Es sei nicht richtig, wenn über den Kopf der Kommune Aufträge erteilt würden, die diese dann bezahlen müssten. Zwar fordert die Autobahnpolizei bei der Rettungsleitstelle Hilfe an – als Auftraggeber sehen sich aber weder Polizei noch Rettungsleitstelle. „Natürlich muss eine Lösung gefunden werden“, stellt Kraschewski klar. Für DRK-Geschäftsführer Hoffmann könnte die so aussehen: Alle vier Anrainerkommunen zahlen in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem dann das DRK für Einsätze bezahlt werde. Dabei könnte er sich eine Jahrespauschale sowie kleinere Beträge für die einzelnen Einsätze vorstellen, so Hoffmann.

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