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Landkreis stellt erste Ergebnisse für neues Präventionskonzept vor

Ziel: Vorreiter beim Kinderschutz

LANDKREIS HAMELN-PYRMONT. Nach Fehlern im Missbrauchfall Lügde will der Landkreis Hameln-Pyrmont nun Vorreiter beim Kinderschutz werden. Gestern stellte ein neu gebildetes Bündnis erste Ergebnisse eines Präventionskonzeptes vor, mit dem man das Schweigen und Wegschauen beim Thema sexualisierte Gewalt aufbrechen will. Zu den Zielen zählen nach Behördenangaben die Stärkung von Kindern und Eltern, Schulungen von Fachkräften beim Erkennen sexualisierter Gewalt sowie die Etablierung von Angeboten für Menschen mit pädophilen Neigungen.

veröffentlicht am 17.05.2019 um 20:39 Uhr
aktualisiert am 17.05.2019 um 21:30 Uhr

Wieder großes Medienaufgebot im Kreishaus: Landrat Tjark Bartels erklärt die Ziele im Kinderschutz. foto: dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Im Großen Saal des Hamelner Kreishauses stehen vier Tafeln, dicht beschrieben und mit Karten angeheftet. Begriffe wie „Ressourcenanalyse“, „Strategisches Konzept“, „Leitbild“ oder „Sensibilisierung“ springen dem Betrachter entgegen. Es wirkt, als habe das neue Bündnis Grundlagenforschung in Sachen sexualisierter Gewalt betrieben. Und ganz falsch ist das nicht: Vom Konkreten sei man zum Allgemeinen gekommen, sagt Landrat Tjark Bartels. Habe sich die Frage gestellt, warum die Gesellschaft, Behörden inklusive, an wichtigen Stellen wegschauen, und wie man das ändern könne.

Besonders greifbar sind die Ziele und Erklärungen an den Tafeln für Außenstehende nicht. Die konkretesten heißen: Eltern und Kinder stärken, ebenso die Sprachfähigkeit von Kindern im Falle von Missbrauch, Fachkräfte handlungsfähig zu machen, Täterarbeit und eine gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung.

Das Bündnis hat sich viel vorgenommen: Es möchte nicht weniger, als jeden in der Gesellschaft erreichen. „Das größte Problem ist, dass die Gesellschaft nicht reagiert“, sagt Katja Gleisberg, Pädagogische Mitarbeiterin bei Impuls und selbst Betroffene.

Wie die Ziele praktisch umgesetzt werden können, soll in der „Zukunftswerkstatt“ am 6. Juni bei der dritten Arbeitsgruppensitzung erarbeitet werden. Das Rad neu erfinden werde man in Hameln-Pyrmont indes nicht. Natürlich lasse man sich von anderen Konzepten inspirieren und greife auch auf vorhandene Strukturen zurück.

Die gibt es tatsächlich bereits seit über ein Jahrzehnt in Hameln: Das Netzwerk Kinderschutz, das nahezu alle beteiligten Institutionen an seinem Runden Tisch vereinigt. Die Initiative ging damals von der Hamelner Kinderklinik aus. Anlass war ein Kind, das Gewalt erlebt hatte. Das erklärte Ziel: nachhaltiger Kinderschutz durch enge Vernetzung und transparente Arbeit. Das Netzwerk wurde auch gegründet im Schatten der Tragödie des zweijährigen Kevin, der von seinem drogensüchtigen Vater 2006 in Bremen totgeprügelt und erst Wochen später in einer Kühltruhe entdeckt wurde. Eine Schockwelle ging damals durch Deutschland und alle waren sich einig: So etwas soll in Deutschland nie wieder passieren. Der Kinderschutz wurde verschärft, die Zusammenarbeit zwischen den Behörden verstärkt, die Zahl der Vormundschaften pro Amtsvormund beschränkt.

Das ist nun 13 Jahre her. Ein Ende kindlicher Tragödien haben die Maßnahmen nicht bewirkt, wie der tausendfache Missbrauch in Lügde zeigt.

Dort hatte das Jugendamt Hameln trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten einen 56 Jahre alten Dauercamper 2017 als Pflegevater für ein Mädchen eingesetzt. Der Mann aus Lügde im Kreis Lippe soll mit einem Komplizen jahrelang mehr als 40 Kinder sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Inzwischen liegen die Anklagen gegen den 56-Jährigen und einen dritten Beschuldigten vor. Landrat Bartels hatte Fehler seines Jugendamtes eingeräumt und sich im März bei den Opfern entschuldigt.

„Das neue Bündnis“, erklärt Landrat Tjark Bartels, „hat eine andere Herangehensweise.“ Expertisen aus anderen Arbeitsgruppen, wie dem Netzwerk Kinderschutz, flössen jedoch mit in die Arbeit des Bündnisses ein, das sich auf sexualisierte Gewalt konzentriere und „nachhaltig und passgenau“ sein soll. Ein Schwerpunkt soll auf die Arbeit in Schulen gelegt werden. „Noch immer“, so der Landrat, „gibt es Schulen, die sagen, bei uns gibt es so etwas nicht.“ Doch aus Statistiken wisse man, dass in jeder Klasse durchschnittlich zwei Schüler säßen, die sexualisierte Gewalt erlebt hätten.

Praktisch werde diese Arbeit aus eingekauften Leistungen mit entsprechendem Personal bestehen, erklärt Kreisrätin Sabine Meißner. An den Mitteln werde es nicht scheitern. Für die Umsetzung ihres Konzepts geht die Kreisverwaltung Kooperationen mit acht externen Organisationen ein, außerdem wurden im Kreishaus zwei Stellen geschaffen.

Der Deutsche Kinderverein unterstreicht unterdessen die Forderung nach dem Einsatz einer unabhängigen und gemeinschaftlichen Enquete-Kommission in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die Enquete-Kommission solle die Geschehnisse, insbesondere das Vorgehen der Behörden in Lügde und Hameln, aufarbeiten, beide Bundesländer im Blick haben und unter Mitarbeit von unabhängigen Experten aus der Praxis des Kinderschutzes und aus der Wissenschaft erfolgen.

Information

Landrat Tjark Bartels ist verärgert über das aus seiner Sicht wenig konstruktive Verhalten der CDU: Nachdem sich die Politik nach einem Vorschlag der FDP/DU parteiübergreifend auf einen externen Prüfer der Kommunalaufsicht geeinigt habe, werde nun angezweifelt, ob dieser mit allen nötigen Rechten gegenüber der Kreisverwaltung ausgestattet sei. Er attestiert den Christdemokraten ein „ziemlich schäbiges Verhalten“, das einzig darauf ausgelegt sei, politisches Kapital aus der Angelegenheit zu schlagen und ihm zu schaden. Das an den Tag gelegte Misstrauen der CDU sei mithin durchschaubar und zeige, dass es der Partei nicht darum gehe, eine Lösung auf breitere Füße zu stellen. Bartels betonte, dass der Prüfer freiwillig einbezogen werde und die Akten vom Landkreis bekomme, die er anfordere.doro



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