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In Niedersachsen leben bereits über 50 Grauwölfe / Experten erwarten sie auch im Weserbergland

Wolfs Revier an der Weser?

Weserbergland. Er ist ein Grenzgänger. Mehrere Jahrhunderte lang war er aus unseren Wäldern verschwunden. Doch seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zieht es den Wolf immer weiter nach Westen. Mittlerweile haben Nachkommen der ursprünglich aus Polen stammenden und in die Lausitz gezogenen Grauwölfe das westliche Niedersachsen erreicht. Bei Munster, Bergen, Gartow, Eschede und auf dem Schießplatz Rheinmetall leben Wolfsrudel, bei Cuxhaven und bei Fuhrberg Wolfspaare.

veröffentlicht am 22.05.2015 um 10:43 Uhr
aktualisiert am 21.12.2016 um 10:53 Uhr

Wolf
Frank Neitz

Autor

Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Dazu kommen mehrere nachgewiesene Einzeltiere. Mittlerweile sollen über 50 Wölfe in Niedersachsen leben.
 Die Meldungen über seine Anwesenheit häufen sich. Erst kürzlich wurde bei Cuxhaven ein Wolf angefahren und tödlich verletzt. In Bennigsen am Deister ermittelt die Polizei zur Zeit in Sachen Wolf, weil dort ein gerissenes Reh gefunden wurde. Die Bissspuren deuten laut Experten auf einen Wolf hin. Das Ergebnis der DNA-Analyse ist aber noch offen.
 Der Wolf steht also direkt vor unserer Tür. Doch den letzten Schritt hat Canis lupus lupus – so sein wissenschaftlicher Name – offenbar noch nicht gemacht. Offiziell ist das Weserbergland bis jetzt noch nicht Wolfs Revier. Zumindest gibt es keine bestätigte Sichtung oder gar einen Nachweis über sein Vorkommen. Oder ist er doch längst angekommen?
 Den Abend im Februar wird Kai Karding so schnell nicht vergessen. Plötzlich blickte er für mehrere Sekunden in die Augen eines wahrhaftigen Wolfes. Der Mann aus Stadthagen jedenfalls ist sich sicher, dass es ein Wolf war. Der 46-Jährige war gegen 20 Uhr mit dem Auto bei Pollhagen im Schaumburger Wald unterwegs:
 „Ich war auf dem Weg nach Loccum, bin nicht schnell gefahren. Im Scheinwerferlicht habe ich am linken Fahrbahnrand das Tier gesehen. Ein Reh war es nicht, auch kein Hund. Es war ein Wolf“, berichtet der Automobil-Kaufmann der Dewezet. Dramatisch sei die Situation für ihn nicht gewesen, meint Kording. Ihm sei nur die Frage durch den Kopf geschossen, „ob das jetzt gut oder schlecht ist“.
 Das ist eine von immer mehr werdenden Meldungen, die einen der mittlerweile 140 Wolfsberater in Niedersachsen auf den Plan rufen. „Wir haben in Niedersachsen eine bundesweit einmalige Konstellation dergestalt, dass das Land     uns als      Landesjä-

gerschaft mit dem Wolfsmonitoring beauftragt hat. Die eingesetzten Wolfsberater sind Ansprechpartner vor Ort, dokumentieren aber auch Nutztierrisse“, erklärt Florian Rölfing vom Landesjagdverband Niedersachsen.
 Im Fall von Kording hat sich nichts weiter ergeben. „Das war eine unbestätigte Sichtung. Da kann man nicht wirklich sagen, was dahintersteckt“, erzählt Dr. Florian Brandes, Wolfsberater im Kreis Schaumburg. Geführt wird Kordings Beobachtung im Wolfsmonitoring in der Kategorie C3, die mangels Aussagekraft nicht als Nachweis für Wölfe dienen kann – jedoch als Hinweis auf mögliche Vorkommen gilt. Während die Kategorie C1 definitive Nachweise enthält, zählen zur C2-Kategorie alle Meldungen, die von mehreren Experten bestätigt werden konnten und somit ebenfalls Nachweischarakter erhalten.

„Auge in Auge mit
dem Wolf: „Das ist
kaum zu beschreiben“

 Naturfotograf Jürgen Borris dürfte derjenige im Weserbergland sein, der Wölfen am häufigsten in freier Wildbahn gegenüberstand. Dieses Erlebnis ist selbst fast allen der niedersächsischen Wolfsberater bislang nicht vergönnt gewesen. Bereits etwa 15-mal hatte Borris das Glück, Wölfe in ihrem Revier fotografieren zu können – Rudel und auch Einzeltiere, meist in der Heide.
 „Das ist ein großes Glücksgefühl, ein Stück ursprüngliche Wildnis mitten in Deutschland erleben zu können. Man ist aufgeregt, das Herz schlägt schneller. Das ist kaum zu beschreiben, wenn man so einem Tier Auge in Auge gegenübersteht,“ beschreibt der Fotograf aus dem Solling die Emotionen, wenn er nach oft tagelanger Warterei die Beutegreifer in seinem Sucher sieht.
 Doch wann kann sich Borris im Weserbergland auf die Lauer legen? Wann haben andere Naturliebhaber die Chance, Isegrim vor ihrer Haustür beobachten zu können?
 Glaubt man den Experten, kann jeden Tag mit dem Erscheinen eines Wolfes gerechnet werden. „Gering ist die Chance nicht. Das kann täglich passieren. Die Jungtiere des Vorjahres sind weit unterwegs“, meint Hameln-Pyrmonts Wolfsberater Heiko Brede. Auch sein Kollege Matthias Vogelsang pflichtet ihm bei: „Wir können nicht genau sagen, dass es ein oder zwei Jahre dauern wird, bis der Wolf ins Weserbergland zurückkehrt. Ob überhaupt, entscheidet allein der Wolf.“
 Den oft genannten Deister hält Vogelsang als Wolfsrevier dagegen für unwahrscheinlich. „Dort sind viele Radfahrer und Wanderer unterwegs. Das ist für den Wolf auf lange Sicht zu unruhig. Mit Sicherheit ist nicht auszuschließen, dass einzelne Tiere diese Gebiete einmal durchwandern werden – vielleicht auch mal eine Zeit lang versuchen werden, sich zu etablieren. Ob sie dann bleiben, das können wir alle nicht sagen“, so Vogelsang, der im Wisentgehege Springe für die Polar- und Timberwölfe verantwortlich ist.
 Weiträumige Ruhebereiche, wie sie Wölfe auf Truppenübungsplätzen in der Heide vorfinden, gibt es hier nicht. Doch die Landschaft kann für die Tiere als Rückzugsgebiet noch so gut beschaffen sein, der Wolf richtet sich auch nach Beutetieren, die er reißen kann. Ein ausgewachsener Wolf hat einen Nahrungsbedarf von fünf bis sieben Kilogramm Fleisch pro Tag. „Er ist ein opportunistisches Wildtier. Der Wolf frisst, was er mit wenig Mühe erreichen kann. Nahrungsanalysen in der Lausitz ergaben, dass er sich unter anderem von den Schalenwildarten und Muffelwild ernährt. Wenn Nutztiere leicht verfügbar sind, und keine Präventionsmaßnahmen getroffen wurden, geht er auch an diese Tiere“, weiß Landesjagdverbandssprecher Rölfing.
 Mit Rehwild, Schwarzwild und anderen Wildtierarten ist der Tisch im Weserbergland für das Raubtier reichlich gedeckt – auch mit Nutztieren. Kein Wunder also, dass es zum Konflikt zwischen Mensch und Wolf kommt. Werden Schafe, Ziegen oder Gatterwild gerissen, stehen Wölfe als mutmaßliche Angreifer oft unter Verdacht. Ruckzuck erhält Isegrim wieder das Klischee jenes Bösewichts, den er in Märchen wie „Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ verkörpert, wo er als das angsteinflößende Wesen aus den dunkelsten Ecken des Waldes gilt.
 „Emotionen spielen beim Wolf eine große Rolle. Die Angst vorm Wolf ist hausgemacht. Aus den Märchen kommt ein Teil dieser Angst. Zu Zeiten der Germanen hatten die Tiere einen ganz anderen Status“, sagt Brede.
 Nachgewiesen hat der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz seit 2008 übrigens etwa 150 Wolfsrisse – inklusive getöteter Wildtiere. Ist es bestätigt, dass ein Tier von einem Wolf getötet wurde, zahlt das Land an Haupt- und Nebenerwerbstierhalter eine Entschädigung. Ob ein Wolf ein Tier gerissen hat, können Wolfsberater am Biss nur erahnen. „Typisch beim Wolf wäre ein Kehlbiss, gegenüber einem Hund hat der Wolf andere Zahnabstände“, erklärt Heiko Brede. Nach Möglichkeit entnehmen Wolfsberater auch Proben für einen DNA-Test.
 Seinen neuen Lebensraum wiederbesiedelt hat der Wolf im Gegensatz zu den ausgewilderten Luchsen von selbst. Offen ist nun, ob er auch an die Weser kommt – und bleibt. „Dabei ist das Weserbergland so geschaffen, ein bis zwei Wolfsrudeln die Möglichkeit zu geben, dort leben zu können“, ist sich Wolfsexperte Vogelsang sicher.

Wolf
  • Grafik: jöh


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