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Experte stößt auf Ungereimtheiten / Mordprozess geht Freitag weiter

Wissenschaftler hält Notwehr-Version für "nicht plausibel"

Hildesheim/Hameln. Der renommierte Tathergangsrekonstrukteur und Blutspurenmuster-Spezialist Prof. Dr. Oliver Peschel hält die Notwehr-Version des wegen heimtückischen Mordes angeklagten Oliver T. (30) für nicht plausibel. Das sagte der Gutachter am späten Mittwochnachmittag im Prozess um den gewaltsamen Tod des Hamelners Mahmud Khoder (25). 

veröffentlicht am 06.04.2016 um 17:49 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

Im Gespräch: Rechtsmediziner Dr. Detlef Günther, Staatsanwalt Lars Bölter und Tathergangsrekonstrukteur Prof. Dr. Oliver Peschel im Schwurgerichtssaal. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Er bezeichnete den vom Angeklagten geschilderten Tathergang als "extrem präzise". Er habe den angeblichen Ablauf gemeinsam mit einem Kollegen in allen Einzelheiten nachgestellt, sagte der Wissenschaftler und präsentierte der Kammer Fotos von dieser Rekonstruktion. Peschel bezeichnete einzelne Behauptungen als "einfach nicht vorstellbar" und "nicht nachvollziehbar". Der Gerichtsmediziner der Ludwig-Maximilians-Universität München stellte die von Oliver T. geschilderte Messer-Szene sogar am Richtertisch nach. Als "Tatwaffe" diente ein Lineal, als "Opfer" musste Staatsanwalt Lars Bölter herhalten. "Die Klinge wird nur dann in den Körper eindringen, wenn ich das Messer stabilisiere", erklärte der Rechtsmediziner. Man müsse ein Messer schon mit Hand, Arm und Schulter-Komplex fixieren. "Hätte Oliver T. das Messer einfach losgelassen, wäre es nicht tiefer in den Körper des Opfers eingedrungen." Auch zweifelte Prof. Peschel an, dass der von hinten attackierte Mahmud Khoder den Stich überhaupt realisiert hat. Fast alle Menschen, die Messerstiche überlebt haben, schildern nach Darstellung des Rechtsmediziners, sie hätten keinen Schmerz verspürt. "Sie bemerken die Verletzung erst, wenn sie fühlen, dass warmes Blut an ihnen herunterläuft." Oliver T. hatte behauptet, Mahmud Kohder habe ihn zweimal aufgefordert: "Zieh das Messer raus!" Rechtsanwalt Roman von Alvensleben vertritt den Vater des Getöteten. Ibrahim Khoder sitzt als Nebenkläger im Saal. "Das erste Ziel ist erreicht. Die Wahrheit kommt ans Licht", sagte der Opfer-Anwalt am Ende des zweiten Prozesstages.

Mahmud Khoder war am frühen Abend des 10. November 2013 während eines geplatzten Drogendeals durch einen Messerstich in den Rücken getötet worden. Das Gericht hatte Rauschgifthändler Oliver T., der den damals 25-jährigen Deutschen mit libanesischen Wurzeln umgebracht hat, im Juni 2014 überraschend vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Richter waren zu dem Schluss gekommen, dass die Notwehr-Version des Angeklagten nicht zu widerlegen ist. Dagegen hatte Rechtsanwalt Roman von Alvensleben Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof kassierte den Freispruch, weil das Schwurgericht seinerzeit den Antrag des Nebenklage-Vertreters abgelehnt hatte, das vom Angeklagten geschilderten Tatgeschehen wissenschaftlich überprüfen zu lassen.

Am Mittwoch kam auch der Gerichtsmediziner zu Wort, der die Obduktion durchgeführt hat. Dr. Detlef Günther, leitender Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, sagte, der Stich sei "mit sehr großer Wucht" ausgeführt worden. Am Hals des Opfers habe er bei der Autopsie auch eine stumpfe Gewalteinwirkung am Hals des Toten festgestellt. "Es könnte sein, dass diese Rötungen von einem Sturz stammen." Ursache könne aber auch ein kurzzeitiger Würgevorgang gewesen  sein. Eine Zeugin (26) hatte der Strafkammer zuvor berichtet, Oliver T. hätte ihr wenige Tage nach der Tat gebeichtet, er habe einer Person "den Kehlkopf zerdrückt". Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Karin Brönstrup, ob Mahmud Khoder - wie es der Angeklagte darstellt - zunächst rückwärts in das Messer gestürzt sein kann und ob es auch möglich sei, dass die Klinge durch das Körpergewicht des Opfers danach noch tiefer eingedrungen ist, sagte Dr. Günther: "Ich kann das nicht widerlegen." Es brauche dafür aber "schon eine gehörige Dynamik". Wenn ordentlich Schwung im Spiel gewesen sei, könne sich ein Mensch durch eine heftige Bewegung nach hinten "aufspießen", vor allem dann, wenn die Klinge spitz sei. Oliver T. behauptet: "Mahmud schleuderte seinen Oberkörper nach hinten und verpasste mir mit seinem Hinterkopf eine Kopfnuss. Diese Bewegung führte dazu, dass das Messer, das ich immer noch in seine Richtung hielt, in seinen Rücken eindrang.“ Mahmud Khoder und er seien dann rückwärts gegen die Korridortür gestürzt. „Ich spürte, dass das Messer dadurch tiefer in seinen Körper eindrang.“ Der Gerichtsmediziner hat auch Oliver T. untersucht und eine Schwellung an der Stirn festgestellt. Diese Weichteilverletzung könne von einer Kopfnuss stammen. Der Rechtsmediziner blieb oft vage. Er könne allerdings manches besser beurteilen, wenn er mehr Details wüsste, sagte er auf Nachfrage des Nebenkläger-Vertreters. Anders Tathergangsrekonstrukteur Prof. Peschel. Die Verletzungen, die Mahmud Khoder Oliver T.  an der Stirn und an der Mundschleimhaut beigebracht haben soll, stammten nicht vom Tatabend, meint der Experte aus München. Ohne Widerlager könne das Messer nicht so tief eingedrungen sein. 

Der Angeklagte Oliver T. mit seinem Verteidiger Clemens Anger. Foto: ube
  • Der Angeklagte Oliver T. mit seinem Verteidiger Clemens Anger. Foto: ube

Oliver T. hat einiges auf dem Kerbholz - er ist als Schläger, Einbrecher, Räuber und Betrüger in Erscheinung getreten.  Innerhalb von neun Jahren ist er neunmal verurteilt worden - unter anderem wegen gemeinschaftlicher Erpressung und Diebstahls, schwerer räuberischer Erpressung (bewaffneter Überfall auf ein Sportgeschäft in Hameln), gefährlicher Körperverletzung, schweren Diebstahls, Unterschlagung und gewerbsmäßigen Betruges. Anfangs brauchte er Geld, um Bußgelder für Schulversäumnisse bezahlen zu können. Später war er kokainsüchtig.

Der Angeklagte wirkte am zweiten Prozesstag nervös, genervt und angespannt. Während er am Montag eher wie ein Geschäftsmann gekleidet war (weißes Oberhemd, schwarzer Binder, Brille), trug er gestern eine schwarze Bomberjacke und eine britische Tarnfleck-Uniformhose. 

Am Freitag sollen weitere Zeugen und ein psychiatrischer Gutachter gehört werden. Das Urteil könnte am 13. April gesprochen werden.



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