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Wie Anlieger Motorrad-Lärm nervt, während kräftig fürs Weserbergland als Krad-Dorado geworben wird

„Willkommen in der Bikerregion!“

WESERBERGLAND: Die Motorradfahrer sind aus der Winterpause zurück und werden von den Serpentinenstrecken der Wesergebirge geradezu magisch angezogen. Für viele Anlieger beginnt erneut eine Leidenszeit. Doch die Touristiker werben gerade für das Weserbergland als besondere Biker-Region.

veröffentlicht am 18.05.2018 um 11:19 Uhr
aktualisiert am 18.05.2018 um 12:50 Uhr

Gegen Motorräder-Kolonnen in Ortsdurchfahrten gibt es rechtlich kaum eine Handhabe. Foto: ubo
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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In vielen Dörfern gehören sie zum Frühling einfach dazu: Unüberhörbar kehren sie meist gleich nach den Schwalben in die ländliche Einsamkeit zurück: die Motorradfahrer. Und da sie meistens nach der Winterpause in Pulks auftreten und von den Serpentinenstrecken der Wesergebirge geradezu magisch angezogen werden, bedeutet die jetzt wieder begonnene Motorradsaison für viele Anlieger erneut eine Leidenszeit. So für unsere Leserin Anja von Dufving aus Börry, die derzeit im Mai über stressige Wochenenden wegen hoher Lärmbelästigung „durch Hunderte rücksichtsloser Motorradfahrer“ klagt. So seien auf der Strecke zwischen Börry, Bessinghausen und Haus Harderode nach ihrer Beobachtung sogar schon Rennen gefahren worden. Und besonders schlimm seien die „Knieschleifer-Fahrer“, die sich derart flach in die Kurve legen, dass sie von Autofahrern kaum noch gesehen würden, kritisiert Anja von Dufving: „Warum schaut die Polizei hier nicht einmal hin“, fragt die Börryanerin.

An derselben Biker-Lieblingsstrecke, die von Lauen-stein über die Kurvenroute nach Bessinghausen und Börry bis Latferde führt, lebt unser Leser Siedentopf aus Bessinghausen. Auch er beklagt den Motorradlärm an den Wochenenden. So will er an einem Wochenende im März 500 Motorradfahrer gezählt haben, „die zum Teil mit über 100 Stundenkilometern durch den Ort rasten“, so Siedentopf: Hin und wieder habe es Geschwindigkeitskontrollen gegeben, aber der Lärm sei nie gemessen worden. Siedentopf:„Bürger von Bessinghausen haben sich schon an den Gemeinderat gewandt und auch an Landrat Tjark Bartels. Aber niemand fühlt sich verantwortlich.“

Die – gefühlt – von Jahr zu Jahr steigenden Zahlen von Motorradfahrern auf den Kurvenstrecken des Weserberglandes sind nicht zuletzt Folge der elektronischen Medien, die das Weserbergland als „Biker-Heimat“ überregional schmackhaft machen. So findet man auf Youtube „Mit dem Motorrad durch das Weserbergland“, und „Weserbergland Kurven“ stellt unter www.weserbergland-kurven.de die schönsten Touren und Streckenhighlights für den nächsten Motorrad-Trip ins Weserbergland vor – von Bikern für Biker. Geboten werden hier umfangreiche Streckendetails, Infos über Bikertreffs, Motorradwerkstätten und Händler sowie von Bikern getestete Rastlokale, Hotels und Pensionen. Eine „Weserbergland-Kurven-Streckenkarte“empfiehlt die fahrerisch abwechslungsreichsten Touren. Und hier stehen logischerweise dann die Serpentinen-Strecken rund um Bodenwerder, Ottenstein, Bad Pyrmont und Lauenstein sowie im Solling ganz oben auf der Top-Liste.

So hat sich das Weserbergland in den letzen Jahren aufgrund seiner zentralen und topografischen Lage zu einem Eldorado für den Motorrad-Tourismus entwickelt. Und so preist dann auch der gedruckte Motorrad-Reiseführer „2773 km Motorradtouren von A-Z im Weserbergland“ die Region an: „Es ist daher für den gesamten norddeutschen Raum die ideale Motorradregion. Kenner bezeichnen diese Region zwischen Minden im Norden und Hann.-Münden im Süden darum vielfach als Allgäu des Nordens.“

Ein Hohelied auf das Biker-Dorado Weserbergland, auf das auch der heimische Tourismus schon längst aufgesprungen ist. So ist auf der Internet-Seite „Münchhausenland Bodenwerder Polle“ nachzulesen: „Das Weserberg- und somit auch das Münchhausenland sind beliebte Ziele von Motorradfahrern. Ob die reizvolle „Rühler Schweiz“ bei Bodenwerder mit ihren zahlreichen Serpentinen, die 13 Kurven zur „Ottensteiner Hochebene“ in Brevörde oder der „Köterberg“ – für jeden findet sich die richtige Tour. Willkommen in der Bikerregion Weserbergland...!“

Soweit die Einladungen an Touristen auf zwei Rädern und mit 500 ccm aufwärts in die Region. Die Ordnungsbehörden bei Landkreis und Polizei haben jedoch bei Ankunft der Biker-Gäste nur begrenzte Möglichkeiten, was die an sie gerichteten Wünsche lärmgestreßter Straßenanlieger angeht. So hat der Landkreis zwar Geschwindigkeitskontrollen und Lärmpegelmessungen am Nienstedter Pass und in Eimbeckhausen vorgenommen, um Rasern und frisierten Auspuffanlagen auf die Spur zu kommen. „Seit Jahren sind wir gegen diesen Kreis von auffälligen Motorradfahrern am Ball. Gemeinsam mit der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr und der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden haben wir als Straßenverkehrsbehörde des Landkreises das Ziel, durch repressive Maßnahmen zur Regeleinhaltung beizutragen“, erklärt Andreas Stemme, Leiter des Straßenverkehrsamtes.

Raser anschließend anhalten darf der Kreis jedoch nicht. Das kann die Polizei mit der entsprechenden Verwarnung vor Ort und einer technischen Überprüfung der Maschinen. Dazu gibt es bei der Polizei sogar eine „Sonderkontrollgruppe Krad“, die erst Anfang dieses Monats auf der Ottensteiner Hochebene und am Hagener Berg bei Bad Pyrmont zugeschlagen hat (wir berichteten). Hier wurde überprüft, ob die Bikes die für sie vorgeschriebenen Lärmpegel nicht überschreiten. Wenn doch, so gab es ein Bußgeld.

Damit hat es sich aber auch schon für die Behörden. Denn das oft wegen seiner Lärmentwicklung von Anliegern kritisierte Fahren in Gruppen ist bis zu einer bestimmten Stärke der Kolonne nicht verboten. Erst eine zu hohe Gruppenstärken kann unter Umständen als übermäßige Straßenbenutzung ausgelegt werden. Hierzu sagt die Straßen-Verkehrsordnung, dass Kraftfahrzeuge in geschlossenem Verband die Straße stets mehr als verkehrsüblich in Anspruch nehmen. Hierfür sind dann zwar Sondergenehmigungen erforderlich. Wann eine Motorradgruppe ein geschlossener Verband ist, wird jedoch nicht ausdrücklich erwähnt. Üblicherweise gilt eine Anzahl von maximal 20 Maschinen als Grenze. Vom Lärm ist aber auch hier keine Rede.

Der ist es aber, der den Bessinghäuser Siedentopf auf die Palme bringt. Er hat zwei Banner in Aufttrag gegeben mit der Aufschrift „Euer Krach ist unser Ach“. Gemeinsam mit anderen Ortschaften möchte er auf den Motorradlärm aufmerksam machen und etwas dagegen unternehmen.

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