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Zehn Jahre Hartz IV, zehn Jahre Jobcenter – was hat es den Landkreisen gebracht?

„Wie ein Start-up-Unternehmen“

Weserbergland. „Jobcenter? Was ist das denn?“ An Fragen wie diese kann sich Gabriele Glüsen, Pressesprecherin des Jobcenters Hameln-Pyrmont, noch genau erinnern. Es ist zehn Jahre her, dass das Jobcenter seine Arbeit aufgenommen hat. „Wie ein Start-up-Unternehmen, in einer Garage gegründet“ habe man sich gefühlt, gibt Leiter Gerhard Durchstecher zu. Es war nicht nur die unübersichtliche Gesetzeslage, die beim Zusammenlegen von Arbeitslosen- und Sozialhilfe überdacht werden musste, sondern es waren schlicht auch zwei Behörden, die man zusammenführen musste – und damit zwei unterschiedliche Arten, zu arbeiten. Dazu Flure voller Menschen, die erklärt haben wollten, was sie erwartet.

veröffentlicht am 29.12.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 07:41 Uhr

Autor:

von andrea Tiedemann
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Vom „bedingungslosen Sozialstaat“ zum „aktivierenden Sozialstaat“, so die Devise des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD). Und? Wurden Bürger aktiviert? Schaut man sich die Zahlen an, sieht es zunächst einmal so aus: Im Landkreis Hameln-Pyrmont sank die Zahl der Arbeitssuchenden, welche die Grundsicherung in Anspruch nehmen mussten, seit 2006 um rund 29,4 Prozent, im Landkreis Schaumburg um 32,3 Prozent. Im Landkreis Holzminden sogar um 36,2 Prozent.

Ein Erfolg also? Hätte man nicht gehandelt, hätte man jetzt „spanische, griechische Verhältnisse“, meint Durchstecher. Das wiederum hält Jutta Krellmann, Linken-Abgeordnete im Deutschen Bundestag und große Kritikerin der Reform, für „Quatsch“. Dass Deutschland so gut dastehe, liege eher daran, dass das Land Export-Weltmeister sei.

Überprüfung der Reform fehlt bislang

Das größte Problem, so Krellmann, sei, dass es keine Überprüfung der Reform gegeben habe. „Keine Studie, nichts. Und der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist nach wie vor hoch.“ Als langzeitarbeitslos gilt, wer mindestens ein Jahr ohne Job bleibt. In allen drei Landkreisen trifft das auf etwa die Hälfte der Hartz-IV-Bezieher zu. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bezeichnet Hartz IV in seiner Bilanz als „Irrweg“. „Man entwurzelt damit die Leute“, sagt Krellmann – das Niveau von Hartz IV, 391 Euro plus Unterkunftskosten, habe vom Standard her nichts mehr zu tun mit dem, was die Menschen einmal gelernt und gearbeitet hätten. „Die fallen ins Bodenlose.“ Und das geht schneller als früher: Schon nach zwölf Monaten ist Schluss mit Arbeitslosengeld I. Laut DGB liegt das Arbeitslosengeld II „deutlich unterhalb der Armutsschwelle in Niedersachsen von 887 Euro“. Zwingt der drohende finanzielle Abstieg die Menschen schneller in Arbeit? Klaus Heimann, Erster Kreisrat in Schaumburg, hat seine Zweifel. „Entscheidend ist doch, ob Möglichkeiten da sind.“ Neben dem Fordern müsse man eben auch das Fördern ernst nehmen – was vor allem deshalb schwierig sei, weil die Eingliederungsmittel des Bundes seit 2011 stark gekürzt worden seien. „Damit werden uns Möglichkeiten genommen.“

Doch was bleibt möglich? Was die Gruppe der Langzeitarbeitslosen betrifft, gibt Durchstecher zu bedenken, dass diese – anders als oft geglaubt – homogen ist. Alleinerziehende, die Generation 50 plus, Familien mit Migrationshintergrund – jede Gruppe habe andere Bedürfnisse. Dennoch haben viele der Langzeitarbeitslosen eines gemeinsam: Sie suchen Jobs „auf Helfer-Niveau“. Doch genau das ist ein Problem: Kommen auf eine Stelle im Schnitt fünf Bewerber, sind es im Bereich der Helfer-Tätigkeiten im Schnitt 25 Menschen, die konkurrieren.

Gruppendynamik statt Beratergespräch

Während das Jobcenter Hameln-Pyrmont vor allem darauf setzt, Menschen dort herauszubekommen, sieht man in Schaumburg den Bedarf, Jobs in diesem Bereich zu schaffen – um auch ungelernte Menschen in Arbeit zu bringen. Wichtig sei bei alledem, so Durchstecher, nicht einzelne Personen, sondern gleich ganze Bedarfsgemeinschaften und Familien zu coachen. Denn wenn Eltern nicht in der Lage seien, ihre Kinder zu unterstützen, steige die Gefahr, dass sich die Langzeitarbeitslosigkeit über Generationen fortsetze. Hilfe im Sinne des klassischen Beratergesprächs allerdings scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Neuerdings folgt man mit sogenannten Werkakademien dem niederländischen Vorbild. Das Prinzip: Die Arbeitssuchenden sitzen in einer Gruppe, die angebotenen Jobs liegen auf dem Tisch. Die Berater des Jobcenters moderieren nur. „So kann man Abwehr abbauen, weil die Menschen sich auf Augenhöhe begegnen“, erläutert Durchstecher. Denn allzu oft dominiere leider Misstrauen das Gespräch mit dem Berater. Nicht so in der Gruppe: Hat ein Teilnehmer einen Job bekommen, ziehen häufig andere nach.

Auch in Schaumburg werden solche gruppendynamischen Prozesse genutzt. Gerade bei Teilnehmern mit „multiplen Hemmnissen“, wie es Heimann ausdrückt, sei dieses Modell erfolgreicher. Denn nicht die Arbeitslosigkeit allein sei dann das Problem – Verschuldung, psychische Probleme oder Suchterkrankungen können hinzukommen.

Bereitet Arbeitslosigkeit den Menschen psychische Probleme oder führen psychische Probleme zu Arbeitslosigkeit? Es ist wie die Frage nach Henne und Ei. Glüsen, die seit Beginn des Jobcenters dabei ist, sagt jedenfalls: „Das kann einen Menschen ganz schön runterziehen, arbeitslos zu sein.“



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