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Trennung mit Achtsamkeit – wie Mama und Papa das Wohl der Kleinen im Blick behalten

Wenn Kinder trauern und Eltern kämpfen

Hameln. Am Anfang war das Kind – und so wird es immer sein. Viele Trennungseltern vergessen das. Szene 1: „Du, wir möchten Dir etwas Wichtiges sagen. Wir haben beschlossen, uns zu trennen, weil wir uns nicht mehr liebhaben.“ Als Peter und Sabine F. dies ihrem Sohn Malte (4) so sagen, kommt ohne Zögern die Antwort, in der das ganze Unglück der Kleinen steckt: „Dann habe ich Euch auch nicht mehr lieb.“ Kinder können das nicht verstehen, schotten sich oft ab und nehmen die Schuld auf sich, werden schlecht in der Schule, isolieren sich, nässen wieder ein, „weinen nach unten“.

veröffentlicht am 07.01.2014 um 17:22 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 01:21 Uhr

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Autor:

Stefan Gliwitzki
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Szene 2: Malte (nun 5), provoziert seine Mutter mal wieder aufs Äußerste, ist aggressiv, hört nicht. Und seine Mutter reagiert wütend, hilflos, laut. Was sie nicht weiß: Ihr Sohn will eigentlich prüfen, ob seine Mutter ihn liebt oder ob er auch sie verliert. Diese tief sitzende Angst treibt ihn.

Pro Jahr gibt es laut familienatlas.de etwa 150 000 neue Trennungskinder in Deutschland. In Hameln wurden 2012 allein 100 Ehen geschieden, im Jahr 2013 erhöhte sich die Zahl auf 132. Eine Ehe dauert nur noch durchschnittlich 14 Jahre, die Hälfte aller gescheiterten Paare haben minderjährige Kinder. Sie sind die größten Verlierer, wenn Liebe in ihr Gegenteil umschlägt, Mama und Papa sich um Geld streiten, sich der Boden auftut und nichts mehr so ist wie vorher. Im besten Fall sind Eltern so verantwortungsvoll, dass sie vorrangig an das Wohl der gemeinsamen Kinder denken, für die sie sich einmal entschieden hatten.

Oft genug aber herrschen der Kampf ums Geld und verletzte Gefühle vor, was zu giftiger Atmosphäre führt, die den Kin-dern selten verborgen bleibt. Der Paarkonflikt steht dann so sehr im Vordergrund, dass die Kinder aus dem Blick geraten. Immer häufiger, sagen Experten, sind Eltern emotional nicht in der Lage, Schaden von ihren Kindern abzuwenden und zum Beispiel das Sorge- oder Umgangsrecht allein zu regeln. Durch eine enge Zusammenarbeit von Familiengericht, Jugendamt, Familienrechtsanwälten und Beratungsstellen und Kinderschutzbund besteht aber ein breites Hilfeangebot für Betroffene.

Die Beratungsstellen der Kirchen sind in Trennungssituationen gute Anlaufstellen, wenn die Beteiligten nicht wissen, was zu tun ist. „Das Wichtigste ist, dass Eltern verstehen, welche Sorgen und Verlustängste ihre Kinder haben, und sie von Schuldgefühlen entlasten“, erklärt Ekkehard Woiwode von der Diakonie am Münsterkirchhof. Die Liste der Fehler, die Eltern in dieser schwierigen Lage machen können, ist lang: Das Lästern über den Ex-Partner vor Kindern, sich vor ihnen streiten oder nicht reden bei Übergaben, den Kontakt mit dem anderen Elternteil verhindern. „Kinder müssen sicher sein können, dass sie Mama und Papa nicht (ganz) verlieren und beide auch lieben dürfen, ohne den anderen zu verletzen“, ergänzt Woiwode. Auch Eltern brauchen Entlastung, zum Beispiel durch Gespräche, um angemessen auf ihre Kinder reagieren zu können.

Auch das Ausfragen der Kinder über den Ex oder sie als Sprachrohr für eigene Interessen zu nutzen, sei falsch, erklärt Marlene Börder-Carmine, Fachanwältin für Familienrecht. Zu ihr kommen Mandanten vor allem wegen Unterhalts- und Umgangsrechtsfragen. Immer öfter empfiehlt das Gericht in Sorgerechtsverfahren eine außergerichtliche Mediation. „Unter Leitung eines Richters, der aber nur wie ein Spielführer agiert, und in Anwesenheit ihrer Anwälte finden die Parteien dann oft einvernehmliche Regelungen und sind damit sehr zufrieden, weil es ihre eigene Entscheidung ist“, so Börder-Carmine.

In „hochstrittigen Fällen“ schaltet das Gericht den Kinderschutzbund ein, wenn die Eltern den Umgang der Eltern mit den Kindern nicht allein regeln können und das Kindeswohl gefährdet ist. Gründe sind beispielsweise Drogenkonsum, psychische Erkrankungen, Gewalt oder gar Missbrauch. Oft passiert es dann, dass ein Elternteil dem anderen die regelmäßigen Begegnungen mit den Kindern verweigert. In solchen Fällen wird vom Jugendamt „begleiteter Umgang“ empfohlen, wie ihn der Kinderschutzbund dann organisieren kann.

Wenn der Elternteil ohne Kind, meistens der Vater, sein Umgangsrecht mit dem Kind vor Gericht einklagt, kann dies zur Auflage machen, dass für eine außergerichtliche Einigung Elterngespräche – vom Kinderschutzbund organisiert und begleitet – stattfinden. Die rund zweistündigen Treffen finden dann in den Räumen des Kinderschutzbundes in der Fischbecker Straße 50 statt, in Anwesenheit von Familienhelferinnen. „Väter reisen dafür zum Teil von sehr weit an, Köln, Nürnberg, München. Manche Väter nehmen die Termine aber auch nicht wahr“, erklärt Sabine von Blanckenburg. Diese Situationen sind für alle Beteiligten zunächst nicht leicht. Väter fühlen sich beobachtet, weil sie nicht allein sind mit ihrem Kind. Die Kinder scheinen manchmal ihren Vater gar nicht sehen zu wollen, freuen sich aber dann doch sehr – aber erst, wenn die Mutter weg ist.

Dahinter steckt dieser unsägliche Loyalitätskonflikt, es jedem der Eltern recht machen zu wollen. Wie kann ich mich auf Papa freuen, wenn Mama ihn doch hasst? Und so werden die Kleinen dann auch schon vor dem Abschied wieder sehr nervös. „Der Abschied vom Vater findet meistens schon statt, bevor die Mutter das Kind abholt“, so von Blanckenburg.

Beide Eltern können auch nach der Trennung für ihre Kinder da sein und deren Welt wenigstens einigermaßen im Lot halten, auch wenn es nicht leicht ist. Wenn Mutter und Vater sich hintanstellen und von anderen helfen lassen, kann es gelingen. Wenn die Kinder die Zukunft sein sollen, haben sie selbst schließlich auch eine verdient.



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