weather-image
21°

Komasaufen bei Jugendlichen nimmt zu / „Kenn dein Limit“: Alkohol-Aktionstage sollen aufklären

Wenn exzessives Trinken verharmlost wird …

Hameln (kar). Saufen bis zur Besinnungslosigkeit – eine „Modeerscheinung“ unter Jugendlichen, so scheint’s. Immer wieder werden junge Leute mit lebensbedrohlichen Promillewerten in Krankenhäuser eingeliefert. „Wie hoch die Werte sind, wird den Jugendlichen meist gar nicht mehr mitgeteilt“, weiß Christiane Rohr von der Diakonie-Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hameln-Pyrmont. Aus gutem Grund: „Sonst brüsten die sich noch damit.“ Unter dem Motto „Kenn’ dein Limit“ rücken Landkreis und Diakonie mit Fachvorträgen und Info-Ständen, Spielen, Team- und Geschicklichkeitsübungen das Problem Alkohol in der Stadt-Galerie noch bis Samstag in den Blickpunkt, „um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, mit dem Alkoholkonsum kontrollierter umzugehen“, wie Center-Managerin Kirsten Jackenkroll gestern zur Eröffnung der Aktionstage sagte: „Damit es nicht zu solchen Exzessen kommt wie beim Abi-Umzug in Hameln.“

veröffentlicht am 11.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 21:41 Uhr

270_008_4119535_wb112_1206.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Extreme Trinkgelage werden bagatellisiert

Das „Komasaufen“ nimmt bei den Jugendlichen unter Gruppendruck zu, stellt Jugendpfleger Claus Dieter Kauert fest, der zusammen mit Christiane Rohr die Aktionstage betreut. Die Zuwachsrate bei Jugendlichen sei erschreckend: „Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl verdoppelt.“ 20 000 junge Komasäufer wurden im vergangenen Jahr bundesweit in Krankenhäuser eingeliefert. „In Hameln waren es 29 Mädchen und 27 Jungen“, berichtet Christiane Rohr. Das Grundübel bei den alkoholgeschwängerten Gruppenpartys: „Exzessive Trinkgelage werden nicht als schlimm empfunden“, sagt Kauert. Dazu trägt nicht selten die Einstellung der Eltern bei. So stellt Christiane Rohr bei ihren Beratungsgesprächen immer wieder fest, dass sich nur eine kleine Elterngruppe Sorgen macht: „Einigen ist es völlig egal, und andere bagatellisieren das Ganze.“ Kauert und Rohr geben zwar grundsätzlich Landrat Rüdiger Butte Recht, der bei der Eröffnung sagte, Alkohol sei ein „gesamtgesellschaftliches Problem“, am dramatischsten aber seien die Zuwachsraten bei jungen Leuten.

Während früher nur zu speziellen Anlässen Hochprozentiges getrunken wurde, sei Alkohol heute in vielen Familien an der Tagesordnung, sagen Rohr und Kauert. Mit vier alkoholischen Getränken pro Tag und pro Kopf im Bundesdurchschnitt. Deutschland liegt damit im Ländervergleich an sechster Stelle. Zehn Millionen Menschen, die in der Bundesrepublik zu übermäßigem Alkoholkonsum neigen, sprechen für sich.

Weder Kauert noch Rohr wollen den Schoppen Wein oder das Glas Bier verteufeln, aber der richtige Umgang mit der Gesellschaftsdroge Alkohol sei eine Erziehungsaufgabe und müsse von den Eltern an die Kinder weitergegeben und von diesen genauso erlernt werden wie beispielsweise Tischmanieren. Mütter und Väter nimmt Christiane Rohr daher auch in die Pflicht, wenn sie bei einem jugendlichen Komatrinker nach den Ursachen forscht: „Ich frage natürlich, wie es zu der Situation kam und was das Motiv war, aber die Eltern müssen sich selbst auch fragen: ,Was habe ich für Trinkgewohnheiten, welchen Stellenwert hat Alkohol bei uns?’“ Jedes sechste Kind wachse heutzutage in Familien mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Und falsche Vorbilder im Fernsehen verharmlosen noch die Suchtproblematik: „Sieben Mal pro Stunde werden im TV positiv besetzte Alkoholszenen gezeigt“, beruft sich Kauert auf eine Studie, die Filme und Werbung dabei gleichermaßen berücksichtigt.

Doch während in Werbespots fröhliche Menschen im Stimmungshoch über die Weltmeere segeln oder am Lagerfeuer Hochprozentiges genießen, sieht die Realität anders aus: „Alkohol enthemmt, fährt die Angst runter“, sagt Rohr. Das mache ihn so gefährlich. Die Folge: „Unfälle, Erfrieren, Gewalttätigkeit, aber auch die Gefahr, selbst Opfer von Gewalt zu werden“, listet die Präventionsfachfrau auf. Als Aufputschmittel oft missverstanden und zur Überwindung von Schüchternheit und traurigen Gefühlen eingesetzt, werde übersehen, dass Alkohol die Grundstimmung verstärke. Nach zwei Gläsern kippe der positive Effekt zum Negativen.

Süße kaschiert das Hochprozentige

Frust, Zukunftsangst, die Maßlosigkeit einer Gesellschaft, die immer alles haben muss, in der Leistungs- und Gruppendruck zu Stigmatisierungen führen – das alles sind fraglos Gründe für junge Leute, zur Flasche zu greifen. Christiane Rohr: „Letztlich aber gibt es so viele Trinkmotive, wie es Menschen gibt.“ Ihr Rat an Eltern: „Mit den Kindern sprechen, erfragen, was sie an den Wochenenden machen, mit wem sie Umgang haben.“ Denn die bunten Alkopops, die Hochprozentiges mit Süße kaschieren und von Jugendlichen wie Limonade konsumiert werden, sind weit von dem als „risikoarm“ eingestuften Alkoholgenuss entfernt: Der wird mit einem Glas Bier oder Wein bei einer erwachsenen Frau und zwei Gläsern Bier oder Wein bei einem Mann beziffert, wenn überdies zwei Tage pro Woche alkoholfrei sind. Jeder Schluck darüber hinaus birgt schon ein Risiko.

Exzessive Trinkgelage in der Öffentlichkeit werden heute von vielen Jugendlichen nicht als schlimm empfunden.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?