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Stumme Zeugen der Geschichte: Eine Suche im Weserbergland

Welcher Baum ist der Älteste?

Weserbergland. Nachmittags durch den Wald streifen, den Kopf der lauen Luft entgegenstrecken und dem Lichtspiel in den Baumkronen folgen. Mit jedem Schritt verändert sich das Bild über uns und manchmal auch das Gefühl dazu. Vielleicht liegt es am Baum selbst, an dem, was er gesehen hat, welche Wetter er erlebt hat, welche Stürme ihn geschüttelt, welche Tiere ihn gestreift und welche Kinderfüße ihn erklettert haben. Seine Geschichte ist niemals gleich. Der Baum – er ist ein alter Gefährte, ein Großvater, den eine Beständigkeit umgibt, als könnte ihn nichts umhauen. Könnte er erzählen, was würde er verraten? Von dem Leben, dem er wie ein stummer Zeuge gelauscht hat, oder von den Jahren, die er überlebt hat? In einem Streifzug durch die Wälder und Wiesen des Weserberglandes haben wir Ausschau gehalten, nach dem Baum mit der längsten Geschichte. Eine Suche nach dem ältesten Baum:

veröffentlicht am 05.05.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:41 Uhr

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Die Altersbestimmung von Bäumen ist nicht ganz einfach. Das merken wir schnell, als wir in den Niedersächsischen Landesforsten nachfragen. Das exakte Alter eines Baumes lässt sich anhand seiner Jahresringe durchaus feststellen. „Aber dafür müssen sie ihn runtersäbeln“, sagt Forstamtsleiter Christian Weigel. Dann lässt sich sein Alter an den Jahresringen abzählen. Pro Ring ein Jahr. Darüber hinaus erzählen die Jahresringe etwas darüber, wie gut der Baum in dem Jahr versorgt war. Je dicker der Ring, desto besser war das Jahr für den Baum, rein nährstofftechnisch betrachtet.

Wir möchten wissen, wie alt ein Baum im Durchschnitt wird. Weigel fragt zurück: „Wie alt werden Menschen?“ Mit dem Altwerden der Bäume verhalte es sich wie bei uns. „Bäume werden genauso krank wie wir.“ Wie lang das Leben eines Baumes ist, sei häufig abhängig davon, wie viele Konkurrenten er hat. Ein Baum im Wald lebt nicht, wie der auf dem Dorfplatz: mit viel Licht und Platz. Eine Eiche im Wald habe wenig Chancen auf ein langes Leben, „weil die Buche sie überschattet“.

Wir fragen im Naturschutzamt des Landkreises Hameln-Pyrmont. Hier kann man uns nicht weiterhelfen. „Wir erfassen nicht den Baumbestand und das Alter der Bäume,“ heißt es von dieser Stelle.

Aber was ist mit jenen Bäumen, die im Volksmund als 1000-jährig bezeichnet werden? Wie etwa die Kirchlinde in Elbrinxen? Das muss doch eine heiße Spur sein. „Ich wäre da vorsichtig“, sagt Weigel. Ohne Urkunde und Jahresringe – „es war ja keiner bei der Pflanzung dabei“. Das Naturdenkmal mit stolzen zwölf Meter Stammumfang wird in Wirklichkeit auf bis zu 500 Jahre geschätzt. „Das genaue Alter lässt sich nicht mehr feststellen, denn der Stamm ist hohl und eine Altersbestimmung anhand der Jahresringe deshalb nicht mehr möglich“, sagt Uwe Wittbrock. Der Fotograf aus Barn-trup trägt in seiner Freizeit Bilder und Informationen zu den majestätischen Märchenwaldbäumen im Teutoburger Wald zusammen. Bei ihm findet sich eine wahre Sammlung von alten und uralten Bäumen im Weserbergland.

Auf bis zu 700 Jahre wird das Alter der Peterlinde auf dem Burgwall in Coppenbrügge geschätzt. Sechs Meter misst ihr Stammumfang. Vom Museum erfahren wir, ihr erster bildlicher Nachweis finde sich auf dem Merianstich Coppenbrügge von 1654.

Vor der Burg Schaumburg steht ein sagenumwobener Baum von stolzem Alter. Eine alte Blutlinde mit bis zu 600 Jahren auf dem Buckel. Ihr Stamm hat einen Umfang von über zehn Metern und lässt sich kaum noch als ein einziger erkennen.

In Linse im Landkreis Holzminden steht eine alte Dorfeiche. 400 bis 500 Jahre soll sie alt sein und sechs Meter umfassen. Der Landkreis Schaumburg hat mit der Friedhofslinde in Kathrinhagen, die Schätzungen nach schon 450 Jahre Geschichte auf zehn Metern Stammesdicke erzählen kann, noch einen zweiten Baum in hohem Alter. „Der Baum ist hohl und an seiner Südseite kann man ohne Mühe durch einen Spalt hineingehen“, erzählt Wittbrock. Wer sich an dieser Stelle an die „Alte Tilly“ erinnert, die Süntelbuche in Bad Nenndorf, dem müssen wir schlechte Nachrichten bringen: Die Tilly-Buche lebt nicht mehr. Schätzungen zufolge geboren Anfang des 18. Jahrhunderts brach sie 1994 unter einem Pilzbefall zusammen.

In Gesellschaft der ältesten frei stehenden Bäume ist die Platane in Ohr in der Weseraue wohl die jüngste. Mit 200 bis 300 Jahren sei sie die zweitgrößte in Deutschland, sagt Wittbrock. Der Baum hat einen Umfang von über acht Metern. Er ist so mächtig, dass der Fotograf sechs Weitwinkelaufnahmen für das Foto zusammensetzen musste. Wittbrock glaubt, die Platane solle der Rest einer alten Platanenallee sein, die ursprünglich das Gut Hehlen mit dem Gut Ohr verband. Das ein Kilometer lange erhaltene Teilstück bei Gronde stellt für manchen Kenner die beeindruckendste Platanenallee in Norddeutschland dar.

Eine Antwort auf unsere anfängliche Frage nach dem möglichen Alter eines Baumes, bekommen wir bei Forstamtsleiter Weigel am Ende doch noch: Eine Buche könne bis zu 400 oder 500 Jahre, eine Eiche bis zu 800 Jahren alt werden.

Und auch die ältesten Bäume, die in den Landesforsten im Weserbergland stehen, finden wir schließlich: Ein Buchenbestand bei Hämelschenburg in Emmerthal. 215 Jahre sind die Waldbuchen alt. Die Buchen, die hier stehen, müssen keine Motorsäge mehr fürchten. Weigel hat das Wäldchen stillgelegt. Seine Bäume „werden nicht mehr vom Menschen belästigt, eher vom Specht“. Hier darf alles ausdrücklich „verrotten“, damit Tiere, die nur in oder mit den alten Bäumen leben können, nicht verdrängt werden.

Als ältester Baum Deutschlands gilt übrigens eine Linde in Schenklengsfeld in Osthessen. Dem Schild nach, das neben der Linde angebracht ist, wurde sie 760 gepflanzt. Experten sind sich hier aber nicht ganz einig. Der älteste Baum der Erde steht laut „Geo Magazin“ in Kalifornien. Er trägt den Namen Pinus longaeva und ist eine langlebige Kiefer mit angeblich 5064 Jahren Lebensgeschichte.



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