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Landesjugendamt überprüft Einrichtung / Beschuldigte weist Vorwürfe zurück

Was ist in dem Kindergarten passiert?

HAMELN-PYRMONT. Gegen eine Mitarbeiterin eines Kindergartens der Region werden von ehemaligen Mitarbeitern und Praktikanten schwere Vorwürfe erhoben, die von der Betroffenen allerdings zurückgewiesen werden.

veröffentlicht am 20.04.2018 um 18:09 Uhr
aktualisiert am 05.07.2018 um 19:00 Uhr

Gegen eine Mitarbeiterin eines Kindergartens der Region gibt es schwere Vorwürfe. Foto: dpa
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Einige Kinder hätten dort zur Strafe über Stunden an einem Tisch sitzen müssen und hätten sich nicht bewegen dürfen. Die Hände hätten sie dabei ruhig auf dem Tisch liegenlassen müssen. Die Mitarbeiterin soll Kinder in der Einrichtung zum Essen gezwungen haben; von einem Fall wird berichtet, in dem die Mitarbeiterin einem Kind den Mund zugehalten haben soll, damit es das Essen hinunterschluckt. Einige Kinder seien angeschrien worden, wenn sie sich in die Hose gemacht hatten. Ein Kind, das Umarmungen nicht gemocht habe, sei fest in den Arm genommen und gedrückt worden mit den Worten zu einer Mitarbeiterin gewandt: „Weißt du, was er gar nicht mag? Das hier.“ Wenn sie für etwas zu lange gebraucht hätten, seien die Kinder regelmäßig angeschrien worden und sie hätten sich nicht aussuchen dürfen, womit sie spielen möchten. Die Liste mit den Anschuldigungen ist noch länger.

Vier ehemalige Mitarbeiter, die während unterschiedlicher Zeiträume (zwischen 1998 bis 2017) als Erzieher oder Praktikanten* über verschieden lange Zeiträume in der Einrichtung gearbeitet haben, haben mit der Dewezet gesprochen und ihre Aussagen in eidesstattlichen Versicherungen hinterlegt. Aus Angst vor Drohungen möchten sie anonym bleiben. Gedroht habe ihnen die betreffende Mitarbeiterin, Frau J.**, bereits, erzählen zwei Ehemalige unabhängig voneinander. Ihnen gegenüber und auch nach außen sei die betreffende Mitarbeiterin stets als „Leitung“ der Einrichtung aufgetreten. Als solche war sie auch auf einer offiziellen Internetseite angegeben, auf der eine Liste mit Kindertagesstätten mit Namen der Leitungen geführt wird. Im Rahmen der Recherche zu diesem Artikel stellte sich jedoch heraus, dass Frau J. bei dem als Aufsichtsbehörde zuständigen Landesjugendamt laut deren Aussage nie als Leiterin eingetragen gewesen sei. Für die ehemaligen Mitarbeiter ist das offenbar überraschend – „für uns war Frau J. die Leitung, die Chefin“, sagt eine von ihnen. Wenn Frau J. ab mittags weg war, seien einige Kinder viel entspannter gewesen. Wiederum einige Kinder habe Frau J. bevorzugt behandelt, indem sie beispielsweise mit in ihr Büro gedurft hätten.

Sie hat mich mit dem Arm gegen den Brustkorb an die Wand gedrückt.

Ehemalige Mitarbeiterin

Nach den Schilderungen, die der Dewezet vorliegen, sollen nicht nur die Kinder unangemessen behandelt worden sein, sondern auch die Mitarbeiter selbst. „Ich wurde mehr als einmal angeschrien und bin oft weinend zur Arbeit und nach Feierabend wieder weinend nach Hause gefahren“, erzählt eine frühere Mitarbeiterin. Eine andere berichtet, sie habe sich an ihre damalige Lehrerin an der Berufsschule gewandt, weil sie über die Vorkommnisse in dem Kindergarten unglücklich gewesen sei. Daraufhin habe ein gemeinsames Gespräch mit der Lehrerin, ihr selbst und Frau J. stattgefunden. Hinterher, „als wir wieder draußen waren, hat sie mich mit dem Arm gegen den Brustkorb an die Wand gedrückt und mir gedroht mit den Worten: Wenn du das noch mal machst…!“, erzählt die heutige Erzieherin. In einem anderen Fall habe Frau J. eine Klage wegen Verleumdung angedroht, sollte etwas nach außen dringen. Auch Kindern selbst soll gedroht worden sein mit Worten wie „Sag das bloß nicht Mama und Papa! Dann gibt’s Ärger“, erinnert sich eine damalige Mitarbeiterin.

Dass die Praktikanten und Mitarbeiter sich nicht bereits während ihrer Zeit in der Einrichtung an jemanden gewandt haben, lag ihren Aussagen zufolge an mehreren Umständen. Zum einen habe der nach ihrem Empfinden schroffe Ton Angst gemacht und sie hätten nicht gewusst, wer überhaupt als Ansprechpartner in Frage gekommen wäre. Zum anderen habe es geheißen, dass mögliche Ansprechpartner bei der Kommune und beim Träger mit Frau J. befreundet seien, was sie davon abgehalten habe, sich an eine andere Stelle zu wenden. Auch habe die Angst eine Rolle gespielt, nach einer entsprechenden Aussage „keinen neuen Job zu finden“. Jemand anders wiederum hat sich nach eigenem Bekunden gegenüber der Dewezet nicht getraut, von den gemachten Erfahrungen in dem Kindergarten zu sprechen, mit Verweis auf die Schweigepflichtserklärung, die Mitarbeiter und Praktikanten in Kindertagesstätten unterzeichnen müssen.

Tatsächlich arbeiten Frau J. und der Vorstandsvorsitzende des Trägers, Herr K.**, seit Jahren zusammen unter dem Dach des Trägers. Als Herr K. von der Dewezet mit der Liste der Anschuldigungen konfrontiert wird, sagt er, davon habe er nichts gehört. Weder Eltern noch andere hätten sich mit solchen Vorwürfen je an ihn gewandt. Eltern, so heißt es seitens der ehemaligen Mitarbeiter, hätten von den Vorfällen auch nicht unbedingt etwas mitbekommen, wenngleich viele Kinder beim Abgeben im Kindergarten morgens geweint hätten und beim Abholen ebenfalls „teilweise vor Erleichterung“, so die Einschätzung. Den Aussagen der früheren Mitarbeiter zufolge sei Frau J. gegenüber den Eltern immer sehr nett gewesen, was von den Mitarbeitern als „scheinheilig“ empfunden worden sei. Wenn die Eltern dann morgens nach dem Bringen weggewesen seien, hätten die Kinder so lange im Flur stehen bleiben müssen, bis sie Frau J. „Guten Morgen“ gesagt und die Hand gegeben hätten.

Die Anschuldigungen konnten nicht verifiziert werden.

Ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums

Herr K. beteuert in einem ersten Gespräch mit der Dewezet, „dass es nicht in unserem Interesse ist, dass so etwas passiert“. In enger Abstimmung mit der zuständigen Abteilung des Landesjugendamtes „haben wir auch Sofortmaßnahmen eingeleitet“, erklärt Herr K. schriftlich. Das Landesjugendamt unter dem Dach des Kultusministeriums ist die zuständige Aufsichtsbehörde für Kindertagesstätten und erteilt einer Einrichtung die notwendige Betriebserlaubnis. Nachdem im Landesjugendamt die Fragen der Dewezet mit Verweis auf die Anschuldigungen eingegangen waren, hatte sich die überörtliche Aufsicht mit dem Jugendamt Hameln-Pyrmont und der Verwaltung der Kommune, in deren Gebiet der Kindergarten liegt, in Verbindung gesetzt. Zusammen mit zwei Vertreterinnen der Landesbehörde sowie Mitarbeitern der Kommune und des Landkreises habe es ein Gespräch mit dem Träger und der Kita-Leitung gegeben, erklärt ein Sprecher des Kultusministeriums. Hinsichtlich der Anschuldigungen schreibt er: „Durch die Aktenlage und das vergangenen Freitag durchgeführte Gespräch konnten diese nicht verifiziert werden.“

Insgesamt hätten mehrere Gespräche stattgefunden, sowohl mit dem Träger der Einrichtung als auch mit der Leitung und mit der beschuldigten Fachkraft, erklärt später ergänzend die stellvertretende Sprecherin. Der Träger der Einrichtung sei intensiv beraten worden, „es wurden verschiedene Vereinbarungen getroffen und Maßnahmen veranlasst, um das Wohl der Kinder in der Einrichtung sicherzustellen“, heißt es weiter. Die Einrichtung habe sofort begonnen, diese Vereinbarungen umzusetzen. Sie werde dabei eng durch das Landesjugendamt begleitet. Um welche Maßnahmen und Vereinbarungen es sich handelt, erklärte das Kultusministerium auch nach mehrfacher Nachfrage nicht. Die abschließende Antwort: „Es fand eine grundlegende Trägerberatung unter Bezugnahme auf die Konzeption der Einrichtung statt.“ Die Einrichtung verfüge weiterhin über eine Betriebserlaubnis, heißt es auf eine entsprechend lautende Anfrage.

Der Bitte um eine Stellungnahme zu den Anschuldigungen kommt der von Frau J. eingeschaltete Hamelner Rechtsanwalt Stefan Kock nach. Seine Gesprächspartner – die Leitung des Kindergartens und Frau J. – , hätten ihm mitgeteilt, „dass die Anschuldigungen haltlos und frei erfunden sind“, erklärt Kock gegenüber der Dewezet. Das Landesjugendamt habe dem Kindergarten bestätigt, dass der eingeschlagene Weg richtig sei. Es müssten lediglich bauliche und konzeptionelle und keine personellen Veränderungen vorgenommen werden. Kock weiter: „Mir wurde in der letzten Woche vom Landesjugendamt ebenfalls bestätigt, dass aufgrund der Fakten vom Landesjugendamt nichts mehr unternommen wird und nichts mehr unternommen werden muss.“


*) Der Lesbarkeit halber schreiben wir nur die männliche Form. Es handelt sich um Frauen und Männer.


**) Alle Namen von der Redaktion geändert.



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