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Johanna Jäger, spastisch gelähmt, ging zur Schule, als man den Begriff Inklusion noch nicht kannte

Warum Schule vor der Inklusion einer Hexenjagd glich

WESERBERGLAND. Johanna Jäger ist jetzt 33 Jahre alt. Als sie ein kleines, spastisch gelähmtes Kind war, gab es den Begriff der Inklusion noch gar nicht. Niemand außer den Eltern aus Hohenrode wollte ihr zutrauen, eine Regelschule zu bewältigen. „Im Vergleich zu damals wäre das heute alles ein Selbstläufer“, meint ihre sechs Jahre ältere Schwester Anne Jäger.

veröffentlicht am 06.06.2017 um 09:00 Uhr

Johanna Jäger hat eine schwere Zeit durchgemacht. Heute arbeitet sie in einer Behindertenwerkstatt. Foto: pr
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Für Kinder wie Johanna war vorgesehen, dass sie auf jeden Fall die Tagesschule in der Lebenshilfe besuchen. Sie saß ja im Rollstuhl und brauchte Hilfe bei vielen täglichen Verrichtungen. Die Eltern Tillmann und Roswitha Jäger, beide Lehrer, hatten aber schon früh erkannt, dass ihre Tochter nicht geistig behindert, nur leicht autistisch veranlagt war. Sie wollten ihr eine normale Schulausbildung ermöglichen, in der Grundschule Exten. Daraufhin brach ein unglaublicher Protest los.

Die Schule wollte das Kind nicht aufnehmen, die Eltern anderer Schulkinder protestierten gegen ein behindertes Kind in der Klasse, Teile der Nachbarschaft wendeten sich von der Familie ab, so erzählen es die Jägers – und in unserer Zeitung gab es jede Menge aufgeregter Leserbriefe. Schließlich erklärte sich die Grundschule in Großenwieden bereit, Johanna bei sich einzuschulen, sodass sie mehrere Tage in der Woche Unterricht hatte und ansonsten zuhause unterrichtet wurde.

„Man hat so viel Verantwortung als Lehrer“, sagt Anne Jäger. „So viel hängt davon ab, ob sie ein behindertes Kind akzeptieren und das auch den anderen Schülern vermitteln.“ Schon von früh an übernahm sie selbst Verantwortung für ihre kleine Schwester. Dass die Realschullehrerin auch als Fachberaterin für sonderpädagogische Beratung und Inklusion in der Schulbehörde Celle arbeitet, hängt unmittelbar mit den Erfahrungen ihrer Familie zusammen. Die Zeit nämlich, als Johanna später die IGS in Stadthagen besuchte, sei „einfach nur schrecklich“ gewesen.

Johanna Jäger erinnert sich nicht gern daran: „Ich wurde ständig ‚Spasti‘ und ‚Behindi‘ genannt“, sagt sie. „Sie haben mich die Treppe runtergeschubst und meinen Rollstuhl demoliert, nicht nur einmal, sondern immer wieder.“ Schlimm war auch, dass man sie als Autistin nur zu gerne ärgerte. „Zu Anfang hatte ich den anderen erklärt, dass ich zum Beispiel keine plötzlichen, lauten Geräusche ertrage und dann machte es ihnen Spaß, hinter mir Tüten zu knallen und mich sonst wie zu erschrecken.“ Die Zivildienstleistenden, die sie begleiteten, hätten sich nicht einmischen wollen, die Lehrer hätten ihr oft nicht geglaubt.

Auch sonst lief es in der IGS schief. So wollten andere Eltern nicht akzeptieren, dass Johanna einen Computer zum Schreiben benutzte, weil sie dann heimlich bei Arbeiten ein Rechtschreibprogramm einsetzen könnte. Die Regelung eines „Nachteilausgleichs“ gab es damals noch nicht. „Auch heute kommen viele Kollegen und Eltern nicht immer damit klar, dass manche Kinder mehr Zeit für ihre Arbeiten beanspruchen dürfen als andere“, sagt Anne Jäger. „Sie wissen oft nicht, dass behinderte Kinder ein Recht darauf haben.“

Gut sei es erst wieder geworden, als Johanna in Bad Pyrmont zur Schule ging, wo sie dann ihr Abitur machte. Das bedeutete allerdings, dass sie ins dortige Internat für Körperbehinderte der Arbeiterwohlfahrt (Awo) umziehen musste, weg von Zuhause, das für sie immer ein sicherer Schutzraum war. Dieser Umzug hatte jedoch nicht nur Nachteile.

„Es war sehr schwer für mich, loszulassen“, sagt Mutter Roswitha Jäger. „Doch andererseits konnten wir nun wieder einigermaßen normal leben.“ Anne Jäger nickt dazu: „Man ist als Familie mitbehindert, das ist nun mal so.“

Inzwischen hat Johanna Jäger das Studium der „Sozialen Arbeit“ in Hannover erfolgreich abgeschlossen, nachdem sie in eine Wohngruppe im „Annastift“ zog, wo sie noch immer lebt. Eine reguläre Arbeit aber konnte sie nicht finden, weil es nie mit dem erforderlichen Platz in einer Institution klappte, wo sie ihr Anerkennungsjahr hätte absolvieren können. Jetzt arbeitet die gut ausgebildete Frau in einer Behindertenwerkstatt, fast ohne Chance, ihr fachliches Wissen weitergeben und ihre sprachlichen Fähigkeiten beruflich nutzen zu können.

„Das ist wirklich frustrierend“, meint auch ihr Vater Tillmann Jäger. „Durch die 2013 eingeführte inklusive Schule wird es in wenigen Jahren eine große Zahl von Behinderten geben, die eine gute Bildungsgrundlage haben, nur um dann zu erleben, dass sie nicht vermittelt werden können – es sei denn, es entsteht auch auf Arbeitgeberseite ein Umdenken.“



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