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Gefährliche Knallkorken

Vor gut 100 Jahren: Frau stirbt nach Explosion im Völksener Steinbruch

VÖLKSEN. Wenig bekannt ist über die Chemische Fabrik Pharma, die nach dem Ersten Weltkrieg abseits vom Dorf eine Produktionsstätte unterhielt. Überliefert ist, dass es im Steinbruch der Völksener Kalkwerke, wo die Firma ein Gebäude mit Lagerraum und zwei Arbeitsräume errichtet hatte, vor gut 100 Jahren mehrere Explosionen gegeben hat. Eine davon kostete einer Frau das Leben.

veröffentlicht am 10.08.2021 um 11:00 Uhr

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Anfang 1919 beantragte die in Hannover ansässige Firma Chemische Fabrik Pharma, im Steinbruch der Völksener Kalkwerke ein Gebäude mit Lagerraum und zwei Arbeitsräumen errichten zu dürfen.

„Heizung und Beleuchtung findet nicht statt. Beschäftigt werden sollen in den beiden Arbeitsräumen je bis zu drei Personen, die mittels einer kleinen Spritze in fertig bezogene Körke eine Mischung einfüllen, die aus chlorsaurem Kali und amorphem Phosphor besteht. Die Körke sollen dazu dienen, Alarmsignale abzugeben.“

Die Lösung sollte außerhalb hergestellt werden

Als Zündmasse für 40 000 bis 50 000 Korken, die vermutlich mit Pistolen zum Knallen gebracht werden konnten, reichten 1,5 Kilogramm Kali und 150 Gramm Phosphor, die mit Wasser angemischt wurden. Beabsichtigt war, die Lösung „außerhalb des Gebäudes“ vom Betriebsleiter, einem „erfahrenen Pyrotechniker“, herstellen zu lassen. Die Kalivorräte wollte man im Sprengstoffbunker der Kalkwerke lagern. Die rohen Korken sollten in anderen Räumlichkeiten oder von Heimarbeitskräften gefertigt werden.

„Wohlfahrtsräume“ für die 12- bis 14-köpfige Belegschaft standen im Arbeiterhaus der Kalkwerke zur Verfügung. Im März 1919 wurde der Bau der auch als „Laboratorium zur Herstellung von Alarmkorken“ bezeichneten „Knallkorkfabrikanlage“ genehmigt.

Knapp ein Jahr später meldete die Neue Deister-Zeitung eine starke Explosion in dem Betrieb. Der aus Bennigsen herbeigerufene Dr. Thies legte zwei schwer verletzten jungen Arbeiterinnen Verbände an und veranlasste den Transport in ein hannoversches Krankenhaus. Eine der Arbeiterinnen verstarb daraufhin.

Wie der umgehend benachrichtigte Gewerbeinspektor aus Linden ermittelte, war das „Laboratorium“ im Steinbruch offenbar seit Wochen ungenutzt, nachdem ein Sturm das Gebäudedach auf den benachbarten Acker geschleudert hatte. Betriebsleiter Harras hatte die Produktion ohne Genehmigung in das am Bahnhof gelegene Kalkwerk verlegt. Das Trocknen der Knallkorken war in einer leeren Ofenkammer erfolgt, in der ein hindurchführender Feuerkanal offenbar zu hohe Temperaturen erzeugte. Als die beiden Mädchen eine Kiste fertiger Korken heraustragen wollten, war der Inhalt explodiert.

Das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Harras, der offenbar den erforderlichen „Sprengstofferlaubnisschein“ nicht besaß, ist unbekannt. Seine Stellung hatte er weiterhin inne, als sich Ende 1920 die nächste Detonation ereignete – diesmal im Arbeiteraufenthaltshaus.

Laut Polizeibericht erlitten zwei Frauen schwere Verletzungen. Beim Anheben einer Kiste mit 5000 Korken war ein Päckchen vermutlich umgefallen und hatte die Explosion ausgelöst.

Der Dorfgendarm vermutete fahrlässiges Verhalten des Betriebsleiters, da die Trocknung der Erzeugnisse nicht in der Trocknungsanlage, sondern in einem Raum der Arbeiterbude erfolgt sei.

Produktion wurde vorübergehend stillgelegt

Nachdem Harras erklärt hatte, die Verantwortung für den Betrieb nicht länger übernehmen zu können, „weil die Arbeiterinnen seinen Anordnungen dauernd zuwiderhandelten“, ist die Produktion vorübergehend eingestellt worden.

Bald setzten sich die Völksener Kalkwerke – angeblich auch auf Ersuchen der Arbeitnehmer – für die Wiederaufnahme der Fertigung ein. Da ein Lagerraum fehlte, sollte der Versand der Erzeugnisse täglich erfolgen. Nachdem die Chemische Fabrik Pharma 1925 per Zeitungsinserat „zehn tüchtige Arbeiterinnen“ gesucht hatte, plante sie im Folgejahr die Aufnahme der Wunderkerzen-Produktion. Ob sie den Auflagenkatalog für die Genehmigung erfüllte, ist nicht überliefert.

Die vollständige Geschichte des Betriebs, der vermutlich auch Zündplättchen hergestellt hat, ist noch zu erforschen.



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