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ICE-Trassenbau entlang der A2?

Vor dem Wesergebirge gebündelt voran

STADTHAGEN.Eine neue Schnellfahrtrasse der Deutschen Bahn wird im Landkreis Schaumburg abgelehnt. Doch die Strecke hat durchaus auch in der Region Befürworter. Der Jurist und Bahnexperte Rainer Engel ist einer von ihnen. Er hält den Ausbau der Eisenbahn entlang der Autobahn 2 für die einzige sinnvolle Variante.

veröffentlicht am 25.04.2019 um 11:51 Uhr
aktualisiert am 25.04.2019 um 17:40 Uhr

Die Eisenbahn-Hauptstrecke durch Schaumburg ist überlastet, der Bau einer zusätzlichen Trasse wird vor Ort abgelehnt. Eine Bündelung mit der Autobahn 2 könnte ein Kompromiss sein. Fotos: dpa/sn
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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Die lebhafte Diskussion um den Bahnausbau Hannover–Bielefeld läuft seit Monaten nach dem gleichen Schema ab: Das Bundesverkehrsministerium streut ein paar diffuse Andeutungen und erntet darauf vor Ort Reaktionen, die von Hohn und Spott bis zu wütenden Beschimpfungen reichen. Inmitten dieses Tumults stellt Rainer Engel eine ungewöhnlich besonnene Stimme dar. Der Jurist und stellvertretende Vorsitzende des Fahrgastverbandes „Pro Bahn Ostwestfalen“ zählt als Sprecher der Initiative Deutschland-Takt zu den klaren Befürwortern einer Neubaustrecke zwischen Hannover und Bielefeld. Doch im Gegensatz zur kaum als solche zu bezeichnenden Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverkehrsministeriums setzt der Detmolder auf Offenheit, Transparenz, sachlich-nüchterne Argumentation. So wie er damit bereits im November vergangenen Jahres im Verkehrsausschuss der Stadt Minden punktete, will er am 9. Mai die Zuhörer eines Vortrags in Stadthagen überzeugen. Engel wurde 2010 von den Gegnern des geplanten Stuttgarter Tiefbahnhofs an den Verhandlungstisch in der Schlichtungsrunde unter Heiner Geißler berufen.

Der Fachmann möchte jetzt vor allem das vom Bundesverkehrsministerium, namentlich dem Parlamentarischen Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU), zerschlagene Porzellan in Schaumburg kitten und die Wogen so weit wie möglich glätten. Durch die aufgeheizte Stimmung bestehe die Gefahr, maßgebliche Fakten überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Dazu zählt Engel zum einen das Ziel einer deutlichen Fahrzeitverkürzung zwischen Berlin und Ruhrgebiet, welches für den geplanten Deutschland-Takt unerlässlich und daher nicht mehr wegzudiskutieren sei, zum anderen, dass seit Oktober in Berlin über etwas völlig anderes diskutiert werde als noch vor drei Jahren. Entscheidend sei dabei der Paradigmenwechsel, der bei der Planung großer Bahnprojekte Einzug im Ministerium gehalten habe. Früher habe die Bahn dem Ministerium ihre Vorhaben „gesteckt“, die dann im jeweiligen Bundesverkehrswegeplan verankert wurden. So seien häufig schlimme Fehlplanungen gegen den Bürgerprotest umgesetzt worden. Nicht nur der Tunnel durch das Wesergebirge, den Jakobsberg, sei so auf einmal wie ein Gespenst wieder im Bundesverkehrswegeplan aufgetaucht. „Auch Stuttgart 21 hat man so durchbekommen.“

Einzig zielführende und realistische Variante ist die Schnellfahrstrecke in möglichst gerader Verbindung zwischen Hannover und Bielefeld.

Rainer Engel, Fahrgastverband Pro Bahn

Beim Bahnneubau zwischen Offenburg und Basel habe diese „Gutsherrenart nach Mehdorn“ ins Desaster geführt, was zur Folge hatte, dass fachlich hoch qualifizierten Bürgerinitiativen die Planung kippen konnten. Unter Minister Andreas Scheuer (CSU) sei eine Wende in der Bahnpolitik eingeleitet worden: Heute werde im Rahmen eines Bürgerdialogs ein von allen getragener Konsens gesucht und mit diesem in die Raumordnung und anschließend in die Planfeststellung gegangen. Die Bahn selbst sei dabei nur noch einer von vielen Teilnehmern des Dialogs. Bei der ebenfalls lange umstrittenen Neubaustrecke zwischen Fulda und Gelnhausen führte dieses Prozedere erfolgreich zu einer breit akzeptierten Lösung. Speziell für Schaumburg eröffne dieses Vorgehen die Möglichkeit zur Diskussion über einen Trassenkorridor, von dem der Landkreis möglicherweise weit weniger berührt werde als bislang befürchtet, so die Überlegung von Rainer Engel. Genau das sei aber auch der Grund, weshalb derzeit vom Ministerium so gut wie keine wirklich konkrete Information zu der Trassenplanung komme: Es gebe sie schlicht und einfach noch nicht, da sie erst gemeinsam mit den Bürgern entwickelt werden solle. Nur werde das vom Ministerium der Öffentlichkeit nicht vermittelt.

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Der „Suchraum für die neue ICE-Trasse.

Beste Chancen zur Verwirklichung attestiert der Bahnexperte einer Route, die westlich von Seelze von der Bestandstrasse abzweigt und größtenteils entlang der Autobahn 2 Richtung Bielefeld führt. Eine solche Trasse, ausgelegt auf 300 Stundenkilometer, sei in der Lage, die Vorgaben des Zielfahrplans 2030plus für den Deutschland-Takt zu erfüllen. Basierend auf den Erfahrungen der rasant gestiegenen Fahrgastzahlen auf der 2017 eröffneten Schnellfahrstrecke Berlin–München könne damit ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von „über 3“ erreicht werden, lautet Engels Einschätzung.

Dass die Neubaustrecke über Stadthagen verlaufen könnte, so wie es die im Oktober 2018 veröffentlichte Netzgrafik des Zielfahrplans zeigt, hält der Kenner für einen Flüchtigkeitsfehler der Planer. Eine solche Route sei aufgrund der topografischen und baulichen Gegebenheiten nicht möglich, wenn man 300 km/h fahren wolle. Auch sieht er die Einwände gegen einen Trassenverlauf im Bereich Bückeburg als gerechtfertigt an. Der Fachmann geht daher von einer weitestmöglichen Bündelung der Neubaustrecke mit der Autobahn aus und auch davon, dass die Verknüpfung mit Stadthagen bereits in der für Mai oder Juni erwarteten zweiten Version des Zielfahrplans 2030plus korrigiert werde.

Information

Initiative Deutschland-Takt

Die Initiative Deutschland-Takt wurde als ehrenamtlich arbeitende Gruppe von Bahnexperten und Bürgern aus der Taufe gehoben. Sie setzt sich seit elf Jahren für die Einführung eines bundesweit aufeinander abgestimmten Taktfahrplans ein – nach Schweizer Vorbild. Gründer ist Hans Leister, früher Beamter beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), heute Berater im Verkehrsbereich und Sprecher des Verbands „Allianz pro Schiene“. Die Initiative betont: „Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat deutlich gezeigt: Die Menschen fahren häufiger mit dem Zug – wenn das Angebot stimmt. Die Politik muss jetzt die Weichen dafür stellen. Und zwar mit einer weit vorausschauenden Infrastrukturpolitik, die die netzweite Fahrplanoptimierung in den Mittelpunkt stellt und nicht Punkt zu Punkt-Bauvorhaben isoliert betrachtet.“jp/red

Keine Chancen rechnet der Detmolder dem von der heimischen Politik favorisierten trassennahen Ausbau der bestehenden Bahnstrecke Hannover–Minden aus. Der sei bereits 2010 mit einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von „unter 1“ bewertet worden und dürfe daher vom Bund nicht finanziert werden. Aber auch der 2016 vorgeschlagene und in der Region so vehement abgelehnte Neubau mit Tunnel durch den Jakobsberg sieht Engel auf dem Abstellgleis: Dieser Vorschlag sei als „Schnellschuss ohne ausreichende wissenschaftlich fundierte Grundlage unter Verwendung alter Pläne der Deutschen Bundesbahn“ in den Verkehrswegeplan gehievt worden. Mit der damit erreichbaren Fahrzeiteinsparung von nur acht Minuten werde dieses Vorhaben weit hinter andere Projekte zurückgestuft und daher voraussichtlich nie verwirklicht. Gleiches gelte für eine Trasse am Mittellandkanal – auch sie erfülle die Bedingungen des Deutschland-Taktes nicht. Einzig zielführende und realistische Variante sei die Schnellfahrstrecke in möglichst gerader Verbindung zwischen Hannover und Bielefeld.

Im Falle eines politischen Scheiterns dieses Projekts sieht Engel äußerst unschöne Konsequenzen auf Schaumburg und Ostwestfalen zukommen: Dann bleibe es dauerhaft beim zweigleisigen Engpass zwischen Minden und Hannover. Und das könnte bereits ab 2023 schwerwiegende Folgen zeigen, falls die Bahn, wie angekündigt, mehr ICE-Züge fahren und dann zwangsläufig den Nah- und Regionalverkehr auf der jetzt bereits stark überlasteten Strecke immer mehr ins Hintertreffen geraten lasse.


Termin: Rainer Engel wird am Donnerstag, 9. Mai, ab 18 Uhr auf Einladung von Stadthagens Bürgermeister Oliver Theiß zum Neu- und Ausbau der Eisenbahntrasse Hannover–Bielefeld referieren. Ort ist das Veranstaltungszentrum Alte Polizei.

Widerstand der Anrainer

Zwischen Porta Westfalica und Seelze haben sich sieben Kommunen zusammengeschlossen und in einer „Nenndorfer Erklärung“ eine Neubaustrecke fernab der bestehenden Eisenbahnstrecke abgelehnt. Die Bürgermeister warnen davor, die Natur zu zerschneiden und Wohngebiete zu beeinträchtigen. Die Bahn solle den Verkehr besser über Soest, Paderborn, Kassel, Nordhausen und Halle/Leipzig in Richtung Berlin lenken. Als Möglichkeit unter vielen tauchte diese Route zwar in der Vorbereitung des Bundesverkehrswegeplans auf, ein chancenreicher Kandidat ist sie aber nicht. Das wissen auch die Rathauschefs wie etwa Mike Schmidt in Bad Nenndorf und verlangen eine flächenschonende Planung, wenn sie doch von einer neuen Trasse betroffen wären. Dem Bündnis der Kommunen nicht angeschlossen hat sich die Stadt Minden. Sie will bei einem Bahnausbau nicht abgehängt werden und Intercity-Halt bleiben. Alle Interessen unter einen Hut zu bringen, wird bei der Trassenwahl schwierig.dpa



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