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Fünf Gründer(-teams), fünf Geschichten

Von Kabelbäumen und RIP-Bags: Start-ups aus der Region

Fünf Gründer(-teams), fünf Geschichten: Hier stellen wir junge Unternehmen aus Hameln-Pyrmont und Holzminden vor: das Institut für Mental Coaching, Mihosy, Mühlenfeld GmbH, Prost Digital GmbH und Vintage Cable. Die Produktpalette reicht von Kabelbäumen über Zwiebel-Chutneys bis hin zu RIP-Bags.

veröffentlicht am 29.09.2018 um 11:00 Uhr

Denis Schulz hat in den ersten zehn Monaten keinen einzigen Kabelbaum verkauft. Dann gab es ein „Schlüsselerlebnis“, wie er sagt. Foto: kk
Karen Klages

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Karen Klages Reporterin zur Autorenseite
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Vintage Cable

Die erste Zeit war ernüchternd: Im März 2015 gegründet, hat das Unternehmen von Denis Schulz bis Januar 2016 keine Kabelbäume verkauft. Doch dann gab es, wie Schulz sagt, „das Schlüsselerlebnis“. Die „AutoClassic“, ein Ableger der „Auto, Motor, Sport“-Zeitschrift, brachte einen Artikel über das Unternehmen. Und dann es gab den ersten Auftrag, und das nicht für irgendein Auto: Schulz und sein damaliger Geschäftspartner reproduzierten einen Kabelbaum für einen alten Aston Martin. Darauf gekommen, in diese Nische zu gehen, sind die beiden Gründer von Vintage Cable bei einer Automesse. In restaurierte Autos wird viel Geld gesteckt, aber nicht in ihre Elektrik. „Dabei birgt der Kabelbaum ein riesiges Brandpotenzial“, erklärt Schulz. Im Sommer 2016 kamen dann Anfragen aus Amerika – und eine Einladung zu BMW Classic nach München; mittlerweile ist Vintage Cable offiziell als Teilespezialist gelistet. Auch für Motorräder baut Schulz Kabelbäume; sogar ganze Serien – gleichzeitig aber Einzelanfertigungen, die sonst kaum jemand anbietet. Momentan sucht Denis Schulz Fremdfertiger; denn er studiert noch und betreibt das Start-up nebenberuflich. Langfristig würde er Vintage Cable gerne in den väterlichen Betrieb, den er übernehmen wird, integrieren. Dann sei es auch möglich, noch mehr Serienprodukte anbieten zu können. Und die Kabelbäume blieben „made in Germany“. Hatte er anfangs nur in etwas Werkzeug investiert und konnte die Kosten niedrig halten, „sind wir mit der Zeit mutiger geworden. Wir haben in Österreich den kompletten Markt an Steckern leergekauft.“ Natürlich erst, nachdem die Aufträge da waren. Um sich abzusichern, gehen die Kunden für die Materialien in Vorkasse. Der Rest wird nach Auslieferung des Kabelbaums gezahlt. Was Schulz Gründern rät? „Wenn man ein Start-up in einem produzierenden Gewerbe etablieren möchte, muss man sich anfangs auch mal die Finger schmutzig machen“.

Mühlenfeld GmbH

Sie möchte die Welt „zwiebelisieren“: Mareille Willmann aus Holzminden hat die Mühlenfeld GmbH 2015 gegründet und bringt seitdem vier Sorten Zwiebel-Chutneys auf den Markt. Foto: Thorsten Sienk

Aktuell ist die geschäftsführende Gesellschafterin Mareille Willmann auf Investorensuche. Im Sommer 2015 gegründet, leitet die 34-Jährige ihr Unternehmen seit gut einem Jahr hauptberuflich. Dass sie als Geschäftsform die GmbH wählt, stand für die Holzmindenerin von Anfang an fest. „Das wirkt seriös“, sagt sie. Mit Eigenkapital ist sie an den Start gegangen, die Zwiebel-Chutneys in den Sorten Tomate, Rotwein-Rosmarin, Ingwer-Curry und Allersheimer Baltic Porter hat sie selbst entwickelt. „Ich mache alles“, sagt Willmann, die eingesteht, die Bürokratie unterschätzt zu haben. Und Kritik übt: „Die Stadt Hannover fördert Gründer ganz anders. Wenn die Region hier mehr daraus machen würde, wäre das toll“. Die Fachhochschule in Holzminden sowie die Unis in Göttingen und Hannover sieht sie als mögliche Partner. „Schaff einen kreativen Raum und die Leute überlegen sich was.“ Trotzdem: In Holzminden zu gründen, hat sie nicht bereut; hier hat sie Familie und Freunde. Die auch mal einspringen müssen, wenn es brenzlig wird. So ist letztens Willmanns Ingwer-Lieferant abgesprungen. „Du hast dir den Tag anders vorgestellt und auf einmal schnippelst du Ingwer“, erzählt sie.

Um ihre Zwiebel-Chutneys weiter auf den Markt zu bringen, steht sie in Gesprächen mit Real und Edeka. Ein neues Design ist schon fertig. „Sich im Regal zu behaupten, wird eine Herausforderung“, sagt sie. Auch in der Gastronomie möchte Willmann ihre Würzen eingesetzt sehen: Anfragen gibt es; in einigen Restaurants wird schon damit gekocht. In ihre Mühlenfeld GmbH hat die Jungunternehmerin nicht nur Geld und Arbeit gesteckt, sondern vor allem viel Herzblut. Daher hofft sie, bis Ende des Jahres einen Investor zu finden. „In Mühlenfeld steckt Potenzial“, so Willmann, die weiß: „Ich habe jetzt nicht mehr ewig Zeit.“ Bald muss sie den nächsten Schritt gehen. Unterstützen kann man sie dabei: Bis zum 5. Oktober läuft auf startnext.com ihre Crowdfunding-Kampagne.

Mihosy

Verkaufen seit Anfang des Jahres RIP-Bags, in denen Tiere bestattet werden können: die Hamelnerinnen Michele Warburton (li.) und Sylvia Elias. Foto: kk

Der Name der GbR setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der drei Vornamen der Gründer Michele Warburton, Holger Elias und Sylvia Elias. Im November 2016 haben sie ihr Start-up in Hameln gegründet und über ein Jahr an dem Prototypen der RIP-Bags, sogenannten Sargtaschen für verstorbene Tiere, getüftelt. „Unser eigenes Tier ist verstorben. Das gab uns einen Denkanstoß: Worin transportiert und bestattet man die toten Tiere?“, erzählt Syliva Elias. Gefunden haben sie nichts. Und stattdessen selbst ein Produkt hergestellt. Die Tasche besteht aus Jute, Baumwolle und Kokosnussknöpfen, ist 100 Prozent biologisch abbaubar, erhältlich in vier Größen und als eine Art Seesack – die günstigere Alternative. Mihosy hat das Gebrauchsmuster für die RIP-Bag in Deutschland. Erstmals haben die drei Gründer im Januar 2018 eine Tasche verkauft. Auf einem Tierärztekongress in Leipzig waren sie vor Ort, bei Ebay haben sie einen Shop, zudem zählen sie den Tierfriedhof Hameln zu ihren Kunden. Verstärkt wollen sie die RIP-Bag in Tierkliniken und -praxen anbieten. Wichtig beim Gründen ist, so sagen sie: „Man muss hinter dem Produkt stehen“. Produziert wird die Tasche in Indien. Finanziert haben sie sich aus Eigenmitteln. „Wir starten lieber langsam“, sagen die drei. Mehrere Hundert RIP-Bags liegen auf Lager. Verkaufen könnten sie also jederzeit welche, das Problem liegt beim Marketing: Das Thema sei sensibel, teils schwierig rüberzubringen, eine Stammkundschaft lässt sich nicht aufbauen.

Alle drei Gründer sind bei Mihosy nebenberuflich aktiv, trotzdem wissen sie: „Wir gehen alle Wege, auch international“. Weitere Ideen rund um das Thema Tierbedarf haben sie schon. Am 7. Oktober wollen sie die RIP-Bag bekannter machen und präsentieren sich mit einem Stand bei der Hundemesse in der Rattenfänger-Halle Hameln.

Prost Digital GmbH

Prost, die App, dank der man in Bars einen ersten Drink spendiert bekommt, ist bislang in drei Städten verfügbar. Foto: mo

Noel Hapke aus Hameln hat mit seinem Geschäftspartner Fabian Simon im März 2017 die Prost Digital GmbH gegründet, im Juli 2018 war die App, dank der man in Bars einen ersten Drink spendiert bekommt, zum ersten Mal verfügbar. Über ein Jahr Vorbereitungszeit lag hinter Hapke; „das zieht sich extrem. Aber wir wollen richtig aufgestellt sein“, sagt der Jungunternehmer. Das Start-up haben der 23-Jährige und sein Geschäftspartner aus Eigenmitteln finanziert. „Die Investitionen liegen im fünfstelligen Bereich.“ Mitarbeiter zu finden, vor allem Programmierer, sei schwierig. Man unterhalte zwar Büros in Dresden, Berlin und Hannover, es sei aber schon einfacher, wenn alle an einem Platz sind. Und Standort ist nun mal Hameln. Aber das habe auch einen Vorteil: „Hier werden die Mitarbeiter nicht so schnell abgeworben“, sagt Hapke und betont: „Man verdient nicht mehr, nur weil der Geschäftssitz in Berlin ist“. Büroraum in Großstädten ist teuer.

Hapke hatte schon immer eine große Affinität zum IT-Bereich, hat während seines Studiums in Kopenhagen und Kanada vier Jahre nebenberuflich gearbeitet. „Das Studium bereitet einen nicht vor“, die Praxisarbeit sei entscheidend, wenn man ein Unternehmen gründen wolle. „Ich habe in der kurzen Zeit mit vier Jahren Berufserfahrung sehr, sehr viel gelernt“, so Hapke. Dabei profitiert er auch von Fabian Simons Erfahrung. „Man macht mit einem Start-up nicht von Anfang an immer alles richtig“, betont Hapke. Er kennt den Spruch „Aller Anfang ist schwer“. In der ersten Stadt Bochum, die App auf den Markt zu bringen, sei schwierig gewesen. Mittlerweile ist sie zudem in Paderborn und Hameln verfügbar, jetzt kommen noch Kassel und Hannover hinzu. Derzeit zählt die Prost Digital GmbH über 1000 App-Installationen; 25 Partner hat man in drei Städten (Kassel und Hannover sind als neue Standorte noch nicht mit eingerechnet). In die Zukunft geblickt, wollen sie in einem Jahr 15 bis 20 Städte im Portfolio haben. „Die Metropolen in jedem Fall“, so der Unternehmer.

Institut für Mental Coaching

Andrea Bolte, Heilpraktikerin für Psychotherapie, bietet Seminare und Coachings zu den Themen Kommunikation und Konfliktmanagement an. Foto: pr

Vor zwei Jahren hat Andrea Bolte ihr Institut für Mental Coaching im Hefehof Hameln gegründet. Die Räumlichkeiten hatte sie schon, da die Trainerin seit zehn Jahren Heilpraktikerin für Psychotherapie ist und im Hefehof seit vier Jahren eine Praxis betreibt. Gerade baut sie sich ein Team aus freien Mitarbeitern auf, um ihr Institut noch breiter aufzustellen – und sie möchte in Hameln und Umgebung bekannter werden. „Mundpropaganda ist wichtig“, sagt Bolte, die in Firmen Seminare und Coachings mit den Schwerpunkten Kommunikation, Service, Vertrieb, Umgang mit Konflikten und Herausforderungen anbietet sowie Veränderungsprozesse begleitet. Zudem bildet sie in Neurolinguistischem Programmieren aus. „Ich kann mir damit keine Stammkundschaft wie beim Friseur aufbauen, aber Kunden kommen zu neuen Themen gerne wieder.“ In den kommenden Jahren möchte sie hier vor Ort noch mehr Firmen betreuen, ein Netzwerk aufbauen, um noch größere Projekte abwickeln zu können. Von Klinkenputzen will sie nicht sprechen; dennoch hat Bolte schon mal bei einer Messe gestanden und Tüten verteilt, auf denen sie vorher ihr Logo geklebt hatte. Ihren Beruf als Heilpraktikerin trennt sie steuerlich von dem als Coach. Der Schritt in die Selbstständigkeit sei schwierig gewesen; „die neue Datenschutzverordnung macht es nicht einfach“. Sie rät anderen Gründern, sich ein „Netzwerk von Menschen aufzubauen, die einen stärken und nicht klein machen“. Und sie weiß: „Wenn man etwas aufbauen will, muss man Zeit investieren“. Einen klassischen 8-Stunden-Tag hat sie mit ihren Coachings schon – nur dann kommt noch die Vorbereitung auf den nächsten Tag. Und viele Seminare finden am Wochenende statt, zudem reist die Trainerin quer durch Deutschland. Arbeit und Freizeit sieht die 43-Jährige aber nicht getrennt an. Ihr Credo lautet: „Ich will ein Leben leben, von dem ich mich nicht selbst erholen muss“.



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