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Landgericht Paderborn schickt 47-jährigen Alkoholiker zudem in Therapie

Viereinhalb Jahre Haft für Bus-Entführer

HÖXTER/PADERBORN. Am Ende blieb die interessanteste Frage offen: Warum hatte der Mann am 24. März wirklich den Linienbus in Höxter entführt? Das Landgericht Paderborn verurteilte den 47-jährige Geiselnehmer jetzt zu viereinhalb Jahren Haft. Zwei davon wird der Alkoholiker in einer Entziehungsanstalt verbringen.

veröffentlicht am 17.10.2017 um 16:25 Uhr
aktualisiert am 17.10.2017 um 18:10 Uhr

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Autor:

Ulrich Pfaff
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Wie berichtet, hatte der 47-jährige Alkoholiker am 24. März gegen 20.40 Uhr den 18-sitzigen Bus der Deutschen Bahn am Bahnhof in Höxter gekapert, den Busfahrer mit einem Messer bedroht und zu einer mehrstündigen „Spritztour“ durch die Landkreise Höxter und Holzminden gezwungen.

Der einzige Fahrgast, ein 46 Jahre alter Iraker, der nach Hause fahren wollte, konnte bei einem Halt an einer Tankstelle entkommen. Gegen 1 Uhr griff das Spezialeinsatzkommando der Polizei auf einem Parkplatz in Höxter zu, als der Geiselnehmer den Bus für eine Pinkelpause stoppte. Bereits am ersten Prozesstag hatte der 47-jährige Angeklagte zwar die Tat gestanden, konnte aber keinen Grund nennen. Bruchstückhafte Erinnerung machte er dafür geltend, er habe erheblich getrunken an jenem Abend, und in den Wochen und Monaten davor ebenfalls.

Um den Motiven des 47-Jährigen auf die Spur zu kommen, hatte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Paderborn am Dienstag weitere Zeugen geladen, die über ihre Begegnungen mit dem Angeklagten im Vorfeld der Tat aussagen sollten. Eine Gastwirtin schilderte, wie der angetrunkene Stammgast mit einem Messer im Hosenbund auftauchte. „Morgen stehe ich in der Zeitung“, habe er ihr gesagt. Das Messer entwand ihm sogleich ein 52-jähriger Bekannter, der den sonst redseligen Angeklagten an jenem Abend als ungewohnt still beschrieb. „Heute wird ein lustiger Abend“, soll der 47-Jährige ihm dennoch gesagt haben. Eine 26-jährige Kneipenbekannte wusste zu berichten, dass der Angeklagte oft über seine Lebenssituation „gejammert“ habe – insbesondere der Verlust der Familie und die nur kurzzeitige Beziehung zu einer Frau aus Höxter hätten ihm zu schaffen gemacht. Während der Entführung habe sich der 47-Jährige per Facebook bei ihr gemeldet, sie habe sofort daraus geschlossen, dass er der Busentführer sein müsse, der gerade durch die Medien geht.

„Halt an“, habe sie ihm geschrieben, er solle am Felsenkeller-Parkplatz in Höxter stehenbleiben und sich der Polizei ergeben. Dort endete die Geiselnahme tatsächlich mit dem Zugriff des Sondereinsatzkommandos. Für die Strafkammer war das Motiv des 47-Jährigen der erfolglose Versuch, Kontakt zu Menschen zu erzwingen, die keinen Kontakt wollten.

Die Entführung sei keine Spontantat gewesen, sondern so geplant, dass der 47-Jährige mit einem Rucksack mitsamt mehrerer Messer, Zeitungspapier und Klebeband zum Verblenden der Busfenster losgezogen sei. „Er litt unter erheblichem Liebeskummer“, sagte Richter Bernd Emminghaus in der Urteilsbegründung. Allerdings sei der Fall „ein ganz anderes Kaliber als übliche Geiselnahmen“ – da weder Geld noch Freilassungen von Inhaftierten erpresst werden sollten. Ob Selbstmordabsicht hinter dem Handeln des Täters stand, wie etwa ein Bielefelder Polizist geargwöhnt hatte, wollte die Kammer nicht näher bewerten.

Wichtiger, so der Richter, sei die Langzeittherapie im Maßregelvollzug, mit der der 47-Jährige seine manifeste Alkoholsucht bekämpfen soll. Fünf Jahre Haft hatte Oberstaatsanwalt Christoph Zielke gefordert, ein angemessenes Strafmaß Verteidigerin Christina Nesemeier.

Nach zwei Jahren Therapie könnte der Geiselnehmer bereits auf Bewährung frei kommen. Die beiden Geiseln, so der Staatsanwalt, werden sicherlich länger unter dem Erlebnis leiden.

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