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Die Entscheidung für eine Organspende kostet viele Menschen große Überwindung

Vertrauenssache

Es ist einige Wochen her, da verschickten die Krankenkassen Organspendeausweise, die man selbst ausfüllen und seinen Personalpapieren beilegen kann. Mit dem Anschreiben soll die Organspendebereitschaft im Land erhöht werden. Informationen zum Thema liegen bei. Die Postsendung löste bei Sabine Lüders (Name von der Redaktion geändert) ein seltsames Gefühl aus. Obwohl grundsätzlich keine Gegnerin der Organspende, zögerte sie, ließ die Karte wochenlang unberührt auf der Anrichte liegen. Dort liegt sie noch immer.

veröffentlicht am 08.01.2014 um 17:44 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Nicht nur Sabine Lüders hat ihre Zweifel. Die Bereitschaft zur Organspende hat einen neuen Tiefststand erreicht. Ein Grund dafür ist der Transplantationsskandal an deutschen Kliniken. An mehreren Universitätskliniken wurden Manipulationen im Zusammenhang mit Lebertransplantationen aufgedeckt. In der Folge brachen die Spenderzahlen in Deutschland im vergangenen Jahr dramatisch ein. Von Januar bis Oktober gab es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 754 Organspender – 15,5 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Aus dem Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung und der Krankenkasse Barmer GEK geht hervor, dass derzeit nur noch 48 Prozent der Bundesbürger ohne Spenderausweis prinzipiell bereit sind zu spenden. 2011 waren es noch 62 Prozent. Drei Prozent der befragten Besitzer eines Organspende-Ausweises gaben diesen wegen des Skandals sogar wieder ab. Aktuell hat nur jeder fünfte Bürger einen solchen Ausweis ausgefüllt.

Der Skandal hat Folgen, ohne Frage. Das sieht auch Dr. Rainer Lücke, Transplantationsbeauftragter und Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie des Hamelner Sana-Klinikums so. Um den Vertrauensverlust wieder wettzumachen, ist es aus seiner Sicht notwendig, dass sich die Transplantationszentren stärker positionieren. Dass sie sich künftig schon bei der Aufklärung aktiv einbringen. Diese Arbeit allein der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu überlassen, reiche nicht aus. Ebenso wie die Krankenkassen bietet die Zentrale Aufklärung (BZgA) in Broschüren, Internet und persönlich an – wenn der Bürger Interesse zeigt. Das ist Lücke zu wenig. Aktivere Aufklärungsarbeit würde er sich auch von den Krankenkassen wünschen. Einfach einen Spenderausweis-Vordruck zu verschicken – das reiche nicht aus. Habe es schon vor dem Skandal nicht. Denn eigentlich existiert das Problem schon viel länger und hat tiefliegende Gründe. Die erste Verschlechterung der Organspendesituation gab es bereits 1997, als das Transplantationsgesetz geändert wurde, erklärt Lücke. Das Gesetz sollte Sicherheit schaffen in medizinethischen Kernfragen und das Vertrauen in die Transplantationsmedizin verbessern. Doch mit 12,5 Spendern pro Million Einwohnern erreichte die postmortale Organspende einen Tiefstand. Danach ging es mit den Zahlen wieder aufwärts. Das ging jedoch nicht auf ein verändertes Spenderverhalten zurück, sondern vor allem auf veränderte Altersgrenzen, sagt Lücke. Während man in den 1980er und 1990er Jahren einem über 60-Jährigen mit Schlaganfall keine Organe entnommen hätte, werde heute jeder potenzielle Spender überprüft – egal, wie alt er ist. Eine weitere Erhöhung habe man erreicht, indem man bei Lebertransplantationen mit einem Organ zwei Menschen half. „Denn die Leber ist ein teilbares Organ“, erläutert Lücke. Doch trotz großzügiger Änderungen von Rahmenbedingungen kam vor circa zwei Jahren erneut der Hilferuf der DSO: „chronischer Spendermangel“.

„Das Zynische daran ist, dass heute 90 Prozent der Patienten, die ein neues Organ bekommen, überleben“, sagt Lücke. Eine Gesetzesänderung sollte Abhilfe schaffen: 2012 trat erstmals die „Entscheidungslösung“ in Kraft, bei der die Bevölkerung regelmäßig schriftlich über Organtransplantation informiert und gebeten wird, sich zur Frage der Organspende zu erklären. Eine weitere Änderung: der flächendeckende Einsatz von Transplantationsbeauftragten. Im Juni 2012 dann der Rückschlag: Die Mitglieder der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) erfahren bei der 21. Jahrestagung in Berlin von systematischen Verstößen gegen Richtlinien zur Transplantation.

Der Skandal verschlechtert die dürftige Situation rapide. Es wird nach Fehlern im System gesucht. „Man hätte innerhalb der Fachgesellschaft schon früher aktiv und offener über Fehlverhalten diskutieren müssen“, meint der Vorsitzende der DTG, Professor Richard Viebahn vom Knappschaftskrankenhaus in Bochum. Ein Teil der DTG-Mitglieder hätte bei der Jahrestagung gern offener diskutiert, heißt es im Ärzteblatt, doch dem Thema wurde nicht viel Raum gegeben. Immerhin: Einen Ethikkodex hat man sich auferlegt. Er soll für mehr Transparenz und sachgerechte Aufklärung der Öffentlichkeit sorgen. Der Kodex weist auch auf eine Perspektive hin, die aufgrund des eklatanten Organspendemangels vermehrt diskutiert wird: die Lebendspende. Dies sei vor allem bei Nieren eine Option, aber auch bei Teilen nichtpaariger Organe wie der Leber. Der Anteil der lebend gespendeten Nieren hat sich in den letzten neun Jahren fast verdoppelt. Ein Trend, der in den Niederlanden und den USA noch ausgeprägter ist.

Spanier sind

in Krankenhäusern besser organisiert

Ein weiterer Fehler im System Systemfehler könnte sein, dass die deutsche Politik beim Organspende- und -verteilverfahren keine nennenswerte Rolle spielt (für die Spende ist die DSO zuständig, für die Verteilung Eurotransplant mit Sitz in Leiden). Das jedenfalls glaubt Rafael Matesanz. Er ist Leiter der Organisation für Transplantationen in Spanien. Das Organspendesystem des Landes gilt europaweit als Vorbild, in Spanien spenden doppelt so viele Menschen Organe. Matesanz kritisiert, dass Spende und Verteilung in Deutschland voneinander getrennt sind. Das mache die Kontrolle schwierig. Manipulationen als Folge von Interessenkonflikten, aufgrund derer die Trennung in Deutschland eingeführt wurde, seien in Spanien wegen der staatlichen Aufsicht extrem schwierig. Rainer Lücke begründet den Erfolg der Spanier anders: „Sie sind vor Ort, dort, wo Entnahme und Verteilung stattfinden, besser organisiert.“

In der Tat ging man in Spanien von Anfang an von einer einfachen These aus: Wenn es zu wenig Organe gibt, dann nicht aufgrund eines Spendermangels, sondern aufgrund der Schwierigkeiten, sie zu identifizieren und das Einverständnis der Familien zu bekommen. Die Schlüsselfigur ist der Koordinator: ein speziell ausgebildeter Arzt, dessen Aufgabe es ist, die Zahl der Organentnahmen in dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, zu erhöhen. Er ist präsent auf den Intensivstationen, um die Zusammenarbeit mit den Ärzten sicherzustellen. Sie dürfen nicht vergessen, ihn zu informieren, sobald der Hirntod eines Patienten festgestellt wird. Der Vorteil liegt darin, dass sein Status als Arzt ihn befähigt, auf Augenhöhe mit den behandelnden Ärzten zu reden und nicht als ein „einfacher“ Angestellter des Transplantationsdienstes. Zudem ist es seine Aufgabe, mit Angehörigen des Verstorbenen taktvoll zu sprechen und ihr Einverständnis zur Organentnahme zu bekommen.

Und was die staatliche Aufsicht betrifft: „In Regensburg ist das Justizministerium auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam gemacht worden – passiert ist nichts“, sagt Dr. Rainer Lück. „Eine Politik der Unterstützung fängt bei der Spende und nicht bei der Verteilung an“, sagt Lück. Es sei wichtig, die Stimmung zu verändern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Durch die Trennung von Spende und Verteilung fühle sich für Werbung und Aufklärung, die früher in den Händen der DSO lag, keiner mehr wirklich zuständig. Offiziell sei das die Aufgabe der BZgA, doch von dort komme zu wenig. „Man kann Verantwortung so lange aufteilen, dass am Ende keiner mehr verantwortlich ist. Das Thema muss als Gemeinschaftsaufgabe noch einmal konjugiert werden.“

Die Frage, ob nur Organspender ein Anrecht auf Spenderorgane haben sollte, findet Lücke interessant, aber „sie sollte ein Gedankenspiel bleiben. Es ist wahrscheinlicher, dass man ein Organ benötigt, als dass man eins spendet, das sollte sich jeder vor Augen führen.“ In vielen gesellschaftlichen Bereichen werde Krankheit als selbstverschuldet wahrgenommen, als gäbe es immer einen direkten Zusammenhang. Von dieser Vorstellung müsse man sich lösen. „Es kann wirklich jeden treffen, egal, wie gesund derjenige gelebt hat.“

Mit Organspende seien tiefgehende, essenzielle Ängste verbunden: Dass die Therapie möglicherweise zu früh eingestellt wird, damit Organe entnommen werden können, sei eine davon. Um solche und andere Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen, sei das persönliche Gespräch mit potenziellen Spendern so wichtig. So, wie es in Spanien gemacht wird. Da das Modell auf einfachen Fortbildungsmaßnahmen beruht, kann es leicht auf andere Länder übertragen und ihren Besonderheiten angepasst werden.

Die Bereitschaft zur Organspende hat in Deutschland einen Tiefststand erreicht. Daran haben die Transplantationsskandale im letzten Jahr ihren Anteil. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer: Es geht um die Bereitschaft, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Andere Europäer, etwa die Spanier, machen es anders – und haben Erfolg.



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