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Der Schatzmeister-Job ist eine vertrauensvolle Angelegenheit – trotz aller Kontrollmechanismen

Verführerisch: Der Griff in die Vereinskasse

Hameln-Pyrmont (ube/cb/ CK/wul). Kassenwart – das ist ein Vertrauens-Job. Denn wer an der Geldquelle sitzt, könnte in Versuchung geraten, verbotenerweise selbst daraus zu trinken. Eine leidvolle Erfahrung dieser Art hat gerade die Freiwillige Feuerwehr Halvestorf-Hope gemacht: Knapp 39 000 Euro habe ein Vorstandsmitglied über einen Zeitraum von zehn Jahren aus der Feuerwehrkasse veruntreut, berichtete der sichtlich geschockte Ortsbrandmeister Werner Hupe im März während einer eilig einberufenen Krisensitzung. Der Brandschützer habe auf Nachfragen stets glaubwürdige Erklärungen gehabt und auch die Kassenprüfer getäuscht. Wie arbeiten andere „Finanzchefs“ bei heimischen Vereinen und Institutionen?

veröffentlicht am 25.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 22:21 Uhr

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Keine Überweisung ohne Anweisung

Jörg Grabandt etwa, Kassenwart des Kreisfeuerwehrverbandes Hameln-Pyrmont, sieht sich als reiner Verwalter einer Kasse. „Ich bestelle nichts, erledige nur die Buchhaltung“, sagt er. Sein Verband vertritt die Interessen aller Feuerwehren der Region und damit von 4637 Feuerwehrleuten. Für jedes Feuerwehrmitglied erhebt der Verband einen Betrag von den Städten und Gemeinden und überweist den größten Teil dieses Geldes an den Landesfeuerwehrverband Niedersachsen. Da kommt ein schönes Sümmchen zusammen. Die Verantwortung, die Grabandt trägt, ist daher groß, Missbrauch sei aber nahezu ausgeschlossen, denn: „Ich bin lediglich ein ausführendes Organ“, sagt der Sparkassenbetriebswirt, „ich überweise erst dann Geld, wenn eine Rechnung zuvor vom Kreisbrandmeister oder von seinem Stellvertreter abgezeichnet ist.“ Das Vier-Augen-Prinzip, also stets zwei Unterschriften, wird beim Kreisfeuerwehrverband allerdings nicht angewandt. „Wir tätigen unsere Bankgeschäfte online. Ein aufwendiges elektronisches Verwaltungssystem mit mehreren PIN- und TAN-Nummern für Erfassung und Freigabe der Zahlungen wäre für uns zu teuer“, erläutert Grabandt. Ein bisschen Vertrauen müsse schon sein. „Und im Übrigen gibt es zwei Kassenprüfer, die mir auf die Finger schauen. Denen würde die kleinste Unregelmäßigkeit auffallen.“

Berufliche Erfahrungen

Als bei den Aerzener Sozialdemokraten im Jahr 2002 die Stelle des Kassierers neu zu besetzen war, „da wurde einmal in die Runde geguckt – und der Blick fiel auf mich“, erinnert sich Walter Reese. Der Ratsherr und heutige stellvertretende Bürgermeister brachte die gewünschte Erfahrung mit: Reese war beruflich im Finanz- und Rechnungswesen von Industriebetrieben tätig. Von daher ist es für ihn kein großes Problem, die Gelder nun für die Partei vor Ort zu verwalten. Für den Kommunalpolitiker ist das eine Vertrauenssache. Da gehe es schon mal um fünfstellige Beträge, besonders wenn ein Kommunalwahlkampf anstehe. Walter Reese bringt das Vertrauen des Vorstandes natürlich mit, doch hält er selbst es grundsätzlich für wichtig, „schon jemanden genau anzugucken, der so einen Posten übernehmen soll“. Der Umgang mit Geld könne schwach machen, die Kassenprüfer seien eine wichtige Kontrollinstanz. Zwar hat Reese eine weitgehende Unabhängigkeit bei seiner Funktion im Parteivorstand, das Interesse an den Finanzen sei dort eher beiläufig. Doch der SPD-Kassierer betont: „Bei größeren Beträgen hole ich mir natürlich Rückendeckung.“

Beim Verein der Freunde der Kinder von Brjansk in Hameln führt Margot Blankenagel seit 1997 die Geldgeschäfte. Sie weiß, dass sie einen „undankbaren Posten“ hat, hält aber Vorfälle wie bei der Feuerwehr in Halvestorf in ihrem Verein für undenkbar. „Mir ist schleierhaft, wie das Fehlen einer so großen Summe über einen so langen Zeitraum nicht auffallen konnte“, sagt die gelernte Bankkauffrau, die nach wie vor mit dem guten altmodischen Kassenbuch arbeitet. Darin wird jeder Eintrag nummeriert, jeder Beleg bekommt die gleiche Nummer und lässt sich so mühelos zuordnen – eine Hilfe auch für die Kassenprüfer. Rein theoretisch, sagt Margot Blankenagel, könne ein Kassierer auch in ihrem Verein Geld unterschlagen. Wenn etwa jemand eine Barspende gebe und kein zweiter die Übergabe sehe. „Doch irgendwann ruft der Spender im Verein an und möchte eine Quittung fürs Finanzamt haben.“ Spätestens dann würde die Unterschlagung auffliegen.

Eben jene besagten Barspenden waren es, die Hamelns größtem Sportverein, dem VfL Hameln, eine Lehre sein ließen. Vor etwa 20 Jahren liefen dort Gelder für Spieler der damaligen Handballbundesliga von einigen Vorstandsmitgliedern unbemerkt an der Kasse vorbei, sodass der Überblick darüber verloren ging, ob und in welcher Höhe zum Beispiel Sozialabgaben gezahlt wurden, wie der Vorstandsvorsitzende Udo Wolten berichtet. Beträchtliche Nachzahlungen und Schulden seien die Folge für den Verein gewesen, die er noch immer abbezahle. Heute nehme kein Vorstandsmitglied mehr persönlich Geld in die Hand, sondern alle Zahlungen „laufen ausschließlich über das Konto“. Auch beim VfL gilt laut Wolten inzwischen das Vier-Augen-Prinzip: Zahlungen müssen immer von mindestens zwei der vier im Vorstand tätigen Personen angewiesen werden. Und: „Barausgaben gibt es quasi nicht“, sagt Wolten.

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