weather-image
13°
Prozess um Brandanschlag von Salzhemmendorf / Internationales Medieninteresse

"Verachtenswert und heimtückisch"

Salzhemmendorf/Hannover. Drei junge Menschen haben den Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf im vergangenen Sommer gestanden. Vor der Tat tranken sie Alkohol und hörten Rechtsrock, wie sie beim Prozessauftakt am Mittwoch im Landgericht Hannover berichteten. Ein 31-Jähriger räumte ein, eine Brandflasche in die Wohnung einer Familie aus Simbabwe geworfen zu haben. Ein 25-jähriger Kumpel gestand, ihm beim Basteln des Brandsatzes geholfen zu haben. Eine 24 Jahre alte Ex-Freundin fuhr das Trio mitten in der Nacht zum Tatort. Alle sagten, sie bereuten sehr, was sie getan haben und bestritten, ausländerfeindlich zu sein. Aus dem Landgericht Hannover berichtet Ulrich Behmann

veröffentlicht am 10.02.2016 um 08:39 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:42 Uhr

Prozessbeginn Salzhemmendorf
Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Salzhemmendorf/Hannover. In Handschellen werden die drei Angeklagten von Justizbeamten aus dem Zellenkeller geholt und in den Schwurgerichtssaal geführt. Dennis L. (31) aus Lauenstein, Sascha D. (25) aus Salzhemmendorf und Saskia B. (24) aus Springe würdigen sich keines Blickes. Es scheint so, als seien sie keine Freunde mehr. Das Trio muss sich seit Mittwoch vor der 13. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover „wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung“ verantworten. Es geht um den Brandanschlag auf ein von Asylbewerbern und Deutschen bewohntes Haus an der Hauptstraße in Salzhemmendorf. Das am 28. August vergangenen Jahres verübte Verbrechen hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Kein Wunder, dass das Medieninteresse immer noch groß ist. Im Saal 127 kämpfen zahlreiche Reporter und Pressefotografen um die besten Plätze. ARD, ZDF, private TV-Sender und freie Produktionsgesellschaften sind mit Kamerateams vertreten. Auch die Süddeutsche Zeitung, die "taz" und das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" haben Gerichtsreporter nach Hannover geschickt. "Nur, als Wulff hier vor Gericht stand, war noch etwas mehr los", sagt der Pressefotograf Rainer Dröse von der Neuen Presse.

Alison Smale, Chefkorrespondentin der New York Times, ist extra von Berlin nach Hannover gekommen, weil sie für ihre Leser in den USA über die politische Stimmung in Deutschland berichten will. Interessiert sich Amerika für einen mutmaßlich fremdenfeindlichen Brandanschlag in der norddeutschen Provinz? "Ja, natürlich. Nicht nur die USA, die ganze Welt. Deutschland ist ein mächtiges Land. Da ist es gut zu wissen, was die Menschen dort tun und was sie denken", antwortet die Büroleiterin. "Solche Anschläge gibt es in anderen Ländern nicht. Das ist eher ein deutsches Phänomen", meint die Journalistin.

Man spürt, dass dies ein besonderer Prozess ist. Es geht eben nicht nur um Brandstiftung, es geht um versuchten Mord. Genau so hatte Ministerpräsident Stephan Weil, der Ende August zum Tatort geeilt war, den Anschlag bezeichnet. Angegriffen wurden in dieser Spätsommernacht Menschen, die in Deutschland Schutz vor Krieg und Terror gesucht haben. Dass die Tat zu nachtschlafender Zeit, frühmorgens kurz nach 2 Uhr, verübt wurde, spielt auch eine Rolle. Ein elfjähriger Junge hatte großes Glück im Unglück: Als Dennis L. den brennenden Molotow-Cocktail in das laut Staatsanwaltschaft von außen gut erkennbare Kinderzimmer warf, hatte der kleine Alvin zufällig auf seiner Matratze im Schlafzimmer seiner Mutter übernachtet. Wäre das Kind in seinem Zimmer gewesen, hätte es sterben können. 

Prozessbeginn Salzhemmendorf
  • Foto: ube
Prozessbeginn Salzhemmendorf
  • Foto: ube
Prozessbeginn Salzhemmendorf
  • Foto: ube
Prozessbeginn Salzhemmendorf
  • Foto: ube
Richter Dr. Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts Hannover,
  • Richter Dr. Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts Hannover, gibt vor Prozessbeginn Interviews vor dem Schwurgerichtssaal. Foto: ube
Verteidiger Roman von Alvensleben gibt Interviews.
Richter Dr. Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts Hannover,
  • Foto: ube
Prozessbeginn Salzhemmendorf
Prozessbeginn Salzhemmendorf
Prozessbeginn Salzhemmendorf
Prozessbeginn Salzhemmendorf
Richter Dr. Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts Hannover,
Verteidiger Roman von Alvensleben gibt Interviews.
Richter Dr. Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts Hannover,

Staatsanwältin Katharina Sprave spricht von einem "heimtückischen Versuch, Menschen zu töten". Sie beschreibt Verbrechen und Vergehen, die auf "tiefster Stufe stehen" und "verachtenswert" sind. Die drei Angeklagten äußern sich nicht selbst, ihre Verteidiger sprechen für sie. Alle sagen, sie bereuten sehr, was sie getan haben. Sie schämen sich und entschuldigen sich bei den Bewohnern. Dennis L. und Sascha D. erklären ihr Verhalten mit ihrem exzessiven Alkoholgenuss. Hätten sie an diesem Abend nicht so viel Weinbrand und Bier getrunken, wäre die Tat ganz sicher nicht passiert, behaupten sie. Dennis L. lässt seine Rechtsanwälte Roman von Alvensleben und Tanja Brettschneider abwechselnd vorlesen, was er in seiner Zelle aufgesetzt hat. Es komme ihm so vor, als sei er ein anderer Mensch, wenn er Alkohol getrunken habe. Vor seinem geistigen Auge spule er immer wieder die Ereignisse der August-Nacht ab. Aber der Film, der in seinem Kopf läuft, hat angeblich Aussetzer.

Die Angeklagten bestreiten, ausländerfeindlich zu sein. Alle drei weisen darauf hin, dass sie Freunde haben, die Ausländer sind. Sascha D. belastet Dennis L. schwer. Er sei "die Triebfeder der Tat" gewesen, heiß es in der Verteidiger-Erklärung von Rechtsanwalt Clemens Anger. Und: "Dennis ist autoritär - er duldet keine Widerworte, wenn er alkoholisiert ist." Sein Verhältnis zu ihm sei zweischneidig gewesen. Einerseits habe er ihn bewundert. Andererseits "hatte ich Angst vor ihm, wenn er trank." Dennis L. habe ihn schon einmal geschlagen. Er sei ihm kräftemäßig überlegen. Seine rechtsradikalen Äußerungen im Internet erklärt Sascha D. so: "Ich habe da mitgemacht, weil ich von den anderen anerkannt werden und zur Clique gehören wollte." Er sei ein typischer Mitläufer. Seit seinem 16. Lebensjahr trinke er Alkohol. "Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich alkoholkrank bin und eine Therapie brauche." Wenn er trinke, lasse er sich treiben. "Dann leiste ich keinen Widerstand mehr, dann ist mir vieles egal, dann denke ich über mein Handeln nicht mehr nach." Das sei auch de Grund dafür, dass er in der Vergangenheit häufig Straftaten begangen habe. Derzeit werde gegen ihn auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Den Molotow-Cocktail wollen die Männer aus Heizöl, Benzin und Sägespänen gebastelt haben. Saskia B. habe dabei zugesehen. Saskia B. lässt erklären, sie habe zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, was ein Molotow-Cocktail ist. In ihrer polizeilichen Vernehmung, die der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch vorgelesen hat, steht, dass Saskia B. seinerzeit gesagt hat, Dennis L. habe "an dem Abend rassistisches Zeug geredet". Auf der Fahrt zum Flüchtlingshaus soll Dennis L. gesagt haben, er wolle "einen Neger brennen sehen". Dennis L. kann sich daran nicht erinnern. Er lässt seine Verteidiger erklären: "Ohne Alkohol hätte ich diese Tat nicht begehen können." Was er gemacht habe, sei "verachtenswert". Es sei nicht darum gegangen, Menschen zu verletzten oder zu töten. Dennis L. will an diesem Sommerabend zwei Flaschen Weinbrand, gemischt mit Cola, und sechs Bierflaschen geleert haben. 

Christoph Rautenstengel verteidigt Saskia B. Mit 17 wurde sie das erste Mal schwanger. Die Tochter ist heute sechs. Ihre Beziehung scheiterte. Von einem anderen Mann hat sie einen Sohn (2). Der Vater sei aber vor der Geburt des Kindes "abgetaucht". Die junge Frau mimt die Ahnungslose: "Hätte ich gewusst, was die Vorhaben, wäre ich da nicht hingefahren." Eine gute Freundin sei eine Kurdin aus Syrien. Sie sei seinerzeit eingeschüchtert gewesen und habe sich passiv verhalten. Dennis L. soll ihr gesagt haben, sie müsse den Motor des Fluchtwagens laufen lassen. In der U-Haft plagten sie Selbstvorwürfe. In Depressionen versunken müsse sie Medikamente einnehmen. 

Als der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch während der Befragung von Magret D. (34) aus Simbabwe einige Fotos vom Tatort an die Wand projizieren lässt, bricht die Mutter von drei Kindern (4, 8, 11) in Tränen aus. Erinnerungen kommen hoch. Es war ihre Wohnung, auf die der Brandanschlag verübt wurde. Die Familie leide noch heute unter den Geschehnissen. "Ich kann seit jener Nacht nicht mehr gut schlafen." Sie und die Kinder hätten "sehr viel Angst". Einmal, erzählt Magret D., habe sie sogar Herzrasen bekommen und sei bewusstlos geworden. "Wenn jemand an der Tür klopft, wenn wir auch nur den Motor eines Autos hören, schrecken wir jedesmal zusammen. Die Kleinste betet jeden Tag zu Gott und bittet ihn, dass er uns vor bösen Leuten und vor Feuer beschützt." Magret D. muss weinen. Richter Rosenbusch unterbricht die Verhandlung für ein paar Minuten.

Ein 21 Jahre alter Nachbar wurde Augenzeuge des Anschlags. Er schildert der Kammer, was er gesehen hat. "Ein Mann stand vor dem Haus. Ein Feuerzeug wurde angezündet. Kurz danach war eine größere Flamme zu sehen, wurde etwas durch ein Fenster geworfen. Ich hörte ein Klirren." Später sei ein Auto weggefahren. "Der Motor heulte auf, die Rückleuchten gingen an." Er habe den Wagen von Sascha D. anhand des Klangs erkannt.

Richter Rosenbusch möchte auch etwas zu einem Mann wissen, den das Gericht erst heute befragen wird. Es geht um den ehemaligen Jugendwart der Feuerwehr Salzhemmendorf, der über sein NPD-Bekenntnis bei Facebook gestürzt ist. "Wie ist denn dessen politische Gesinnung?", will der Vorsitzende wissen. Am Morgen saß ein Zeuge im Zuschauerraum. Ein Nebenkläger machte das Gericht darauf aufmerksam. Rosenbusch verwies ihn des Saales.

Am Donnerstag um 9 Uhr geht es weiter. Dann sollen fünf Zeugen vernommen werden.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt