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Seniorenheim-Bewohnerin soll seit Weihnachten in einem Zimmer liegen, in dem es von der Decke tropft

„Unerträgliche Zustände - ich hätte mich fast übergeben“

BAD PYRMONT. Die Tapete hängt in Fetzen von der Decke, an der sich große bräunliche Wasserflecke gebildet haben. Darunter, auf zwei orangefarbenen Handtüchern, stehen drei weiße Eimer, die unterschiedlich hoch mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt sind. Seit fast einem Jahr soll eine Seniorin unter diesen Bedingungen im Evangelischen Altenheim Bethanien in Bad Pyrmont leben.

veröffentlicht am 11.11.2017 um 05:00 Uhr

Das Evangelische Altenheim Bethanien in Bad Pyrmont. Eine Besucherin ist schockiert über die Zustände im Zimmer BB 06. Foto: jl
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Im Zimmer BB 06 liegt eine alte Frau in ihrem Bett, vermutlich ist sie gebrechlich. Ein Rollstuhl deutet darauf hin. Früher einmal war die Seniorin eine geachtete Geschäftsfrau – in Bad Pyrmont kannten sie viele. Heute, so scheint es, dürfte sie in dem von einigen Angestellten als „Keller“ bezeichneten Untergeschoss des Evangelischen Altenheims Bethanien ein trauriges Dasein fristen. Sehr selten bekomme die alte Dame Besuch – „eigentlich fast nie“, sagt eine Mitarbeiterin nachdenklich. Nur die Friseurin kümmere sich ab und zu um sie.

In dem Zimmer stinkt es nach Angaben einer Frau, die sie am Donnerstag aufgesucht hat, nach „Kloake und Feuchtigkeit“. Die Hamelnerin (Name der Redaktion bekannt), die Frau H. von früher kennt, ist schockiert über die Zustände, die sie im Zimmer BB 06 vorgefunden hat. „Es hat dort so übel gerochen, dass ich die Luft angehalten habe. Fünf Minuten länger in diesem Raum – und ich hätte mich übergeben müssen. Es war unerträglich.“ Seit fast einem Jahr soll die Seniorin unter diesen Bedingungen leben. Der Wasserschaden sei am 24. Dezember 2016 aufgetreten, behaupten Insider. Auch, als ein Zimmer frei wurde, sei die alte Dame nicht verlegt worden, heißt es. Dabei soll die Frau schon mehrmals „atemwegskrank“ geworden sein. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Denkbar wäre es zumindest. Pflegekräfte, die den diakonischen Gedanken leben, würden gern eingreifen und der Frau helfen – ihnen aber seien die Hände gebunden, heißt es.

Die Pflegedienstleitung sagte am Freitagvormittag auf Anfrage, sie dürfe sich gegenüber der Presse nicht äußern, werde aber umgehend Verantwortliche informieren. Um 14.48 Uhr teilte Alexandra Hary aus dem Bereich Qualitätsmanagement und Unternehmenskommunikation im Auftrag schriftlich mit: „Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir keine Aussagen treffen, die einzelne Bewohnerinnen und Bewohner direkt betreffen.“ Die Sprecherin räumt ein, dass in einem Zimmer Wasserschäden aufgetreten sind, die offenbar im Zusammenhang mit der Versiegelung des Flachdachs standen. „Mittlerweile konnten die notwendigen Maßnahmen zur Behebung veranlasst werden. Zu keiner Zeit war das Wohl unserer Bewohnerinnen und Bewohner gefährdet. Um etwa bei Bau- und Renovierungsphasen zufriedenstellende Lösungen für sie zu finden, werden Betroffene zum Beispiel zeitweise verlegt.“ Frau H. soll aber nicht verlegt worden sein – warum? Monatelang soll nichts passiert sein – weshalb? Ob ihr Wohl gefährdet war oder immer noch ist, bleibt dahingestellt. Das Heim ließ keine Rückfragen zu. Man könne auf den Sachverhalt nicht weiter eingehen – Datenschutz. Telefonisch war Alexandra Hary nach der Aussendung der Stellungnahme nicht erreichbar.

Von der Decke tropft es – angeblich seit fast einem Jahr – in Eimer, die unterschiedlich hoch mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt sind. Das Foto wurde am Donnerstag aufgenommen.
  • Von der Decke tropft es – angeblich seit fast einem Jahr – in Eimer, die unterschiedlich hoch mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt sind. Das Foto wurde am Donnerstag aufgenommen.

Die Besucherin erzählt, sie sei den Tränen nahe gewesen. Frau H. tue ihr leid. „Die anderen Zimmer, wo die Türen offen standen, waren okay“, sagt die Hamelnerin. „Ich habe sie zwar nicht betreten, aber es machte zumindest den Anschein.“

Die Augenzeugin, die eine Mutter hat, die in einem Pflegeheim liegt, fragt sich, warum der Wasserschaden nicht repariert wird. „Frau H. hat wohl keinen, der ihre Rechte vertritt und die alte Dame wohl keine Beschwerdemacht“, glaubt sie.

Das Evangelische Altenheim Bethanien rühmt sich auf seiner Internet-Seite damit, „besser als der Landesdurchschnitt“ zu sein. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) sei im Mai zur jährlichen Überprüfung der Pflegequalität im Haus gewesen und habe die Pflege- und Strukturqualität gelobt. „Die Bewohnerbefragung brachte ebenfalls eine glatte Eins“, heißt es. Die Gesamtnote des MDK lautet 1,1. War der Zustand des Zimmers BB 06 seinerzeit schon so schlecht wie heute? Falls ja, warum hat sich so lange nichts getan? Ob die MDK-Prüfer auch bei Frau H. waren? Was hätte sie wohl zu sagen gehabt?

„Wir achten die Würde des Menschen, denn jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen und ist für die Bewahrung der Schöpfung verantwortlich“, heißt es auf der Homepage des Altenheimes Bethanien. Und: „Wir stehen besonders denen bei, deren Stimme in der Gesellschaft nicht gehört wird und verbinden mit unserem Dienst Angebote der Sinngebung, des Glaubens und der Seelsorge.“ Wie lässt sich das mit der Situation vereinbaren, die Frau H. offenbar seit vielen Monaten erdulden muss? Selbst Angestellte des Heims, die ihr Bestes geben und den diakonischen Gedanken leben, sind empört darüber, dass die Verantwortlichen so lange untätig geblieben sind.

Weiter heißt es in der Eigendarstellung: „Mit großem Respekt vor dem Alter und den Lebenserfahrungen unserer Kunden wollen wir ihnen, mit all ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten, einen Lebensabend in größtmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung gewährleisten und ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. Unser Haus soll für unsere Bewohner ein Zuhause sein, in dem sie leben und sich wohlfühlen und nicht nur untergebracht sind und therapiert werden.“

Große Worte – und Versprechungen, an die man sich auch im Einzelfall halten muss.

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