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Bauern unterstützen Protest in Grohnde

Treckerblockaden und Symbole des Widerstands

Grohnde. Samstag, 14.30 Uhr. Die Sonne steht tief am Himmel, sie strahlt das Atomkraftwerk orangerot an. 7 Grad, schwacher Wind aus Südost – gefühlt ist es eisig kalt. Grohnde am Nachmittag des 17. November. Der Tag X steht bevor. „Wir stellen uns quer“, steht auf Plakaten, die an vielen Stellen in Hameln und Emmerthal hängen. Der letzte Mox-Transport aus dem britischen Sellafield wird erwartet. Wann genau die Speziallastwagen, die plutoniumhaltige Mischoxid-Brennstäbe geladen haben, in Grohnde eintreffen werden, weiß niemand. Das ist geheim. „Irgendwann am Sonntag wird der Dreck wohl hier sein“, meint ein bärtiger Atomkraftgegner. Je näher man dem Meiler kommt, desto mehr häufen sich Zeichen des Widerstands. Große gelbe X-Symbole, grob zusammengezimmert aus Latten, stehen an Bäumen.

veröffentlicht am 19.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Ein Hauch von Wendland im Weserbergland. Polizei ist nicht zu sehen. Zehn Trecker aus Göttingen und Hannover stoppen unter der Brücke unter der B 83, sie bilden einen Block aus Stahl und Gummi. Ihre Reifen berühren sich. Diese Zufahrt zum Tor 1 des Kernkraftwerks ist ab sofort blockiert. Im September hatte der Mox-Transport, geschützt von einer mehr als 1000 Meter langen Polizeieskorte, diesen Weg genommen. Der Mox-Ticker zwitschert über Twitter: „Wie ärgerlich, Trecker sind bei kaltem Wetter direkt an der Unterführung zum AKW Grohnde liegen geblieben.“

Tobias Darge, Sprecher der Regionalkonferenz „Grohnde abschalten“, gibt sich ahnungslos: „Straßenblockade? Nö, da waren Fußgänger auf der Straße und die Trecker mussten anhalten. Vielleicht ist denen aber auch der Sprit ausgegangen.“ Darge lächelt.

Demonstranten rollen Plakate aus, setzen sich auf Isomatten, protestieren gegen Mox. „Atomausstieg – sofort!“ oder „Atomausstieg – selber machen“, steht auf Spruchbändern.

Zwei Streifenwagen nähern sich. Hauptkommissar Günter Urbaniak versucht, Kontakt zu den 30 Frauen und Männern aufzunehmen. Doch niemand will wissen, wem die Traktoren gehören. „Keine Gesprächsbereitschaft“, hält der Beamte fest.

Das Katz-und-Maus-Spiel hat begonnen. Die einen suchen Aufmerksamkeit, die anderen sollen für Ordnung sorgen. Was an diesem Wochenende noch alles passieren wird? Nichts Genaues weiß man nicht. Beide Seiten halten ihre Pläne geheim. Niemand will sich in die Karten gucken lassen. Die Polizei scheint von der Trecker- und Sitzblockade überrascht worden zu sein.

Hameln, Ohrsche Landstraße, 16.02 Uhr: Gelbe Rundumleuchten blitzen im Dämmerlicht auf. Ein Trecker-Konvoi aus dem Wendland nähert sich. Große und kleine Traktoren, teilweise mit Anhängern, bilden einen kilometerlangen Konvoi. Mit Tempo 20 bis 40 rollen die Bauern in Richtung Grohnde. Die Fahrer aus dem Raum Lüchow-Dannenberg hupen, Fahrradfahrer und Fußgänger aus dem Weserbergland winken ihnen freundlich zu. Um halb fünf haben die 35 Trecker aus dem Wendland ihr Ziel erreicht. Sie stehen auf einem Stoppelfeld, neben dem Anti-Atom-Camp, ganz in der Nähe der Kühltürme und des Atommeilers.

Acht Stunden haben sie für die 200 Kilometer lange Strecke benötigt. „Jetzt tut der Hintern langsam weh“, sagt Henner Kehbein (28) aus Tolstefanz. Auf Plakaten, die an den Traktoren befestigt wurden, steht, was diese jungen Leute von der Atomkraft halten: „Schluss mit dem Atomgeplänkel, sauberer Strom für Kind und Enkel“ oder „Fällt erst Opi und dann Omi um, liegt’s wohl am Plutonium.“ An einen Anhänger hat jemand gepinselt: „Wo Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand Pflicht.“ Landwirt Reinhard Bade freut sich: „Mehr als 60 Trecker sind schon hier.“ Das ist bäuerliche Solidarität.

Grohnde, Anti-Atom-Camp, 22 Uhr: Es ist kalt. Die Scheiben der Autos sind übergefroren. Die Atomkraftgegner, laut Tobias Darge haben sich bislang 200 versammelt, sitzen an Feuerkörben zusammen, singen und diskutieren. Es gibt ausreichend Platz zum Übernachten. AKW-Gegner hatten bereits am Freitag große Schlafzelte aufgebaut und mit Teppichen ausgelegt.

In der ersten Nachthälfte beschlagnahmt die Polizei ein Fahrzeug und lässt es abschleppen. In dem Lkw haben sich laut Darge Schilder für die Mahnwache, Feuerholz, eine Feuertonne, eine Asse-Klo-Installation und ein pyramidenförmiger Gegenstand befunden. Die Polizei hält das offenbar für Blockadematerial.

Grohnde, Sonntagmorgen, Novembergrau, Nieselregen, 7 Grad. Die Atomkraftgegner harren aus, diejenigen, die sich an der Sitzblockade beteiligt haben auch. Sie haben auf Strohballen geschlafen und sich an einem Bullerofen gewärmt. Bereitschaftspolizei trifft ein. Immer mehr Mannschaftsbusse rollen an. Am Mittag werden Absperrgitter aufgestellt. Das Schiff mit den Mox-Sattelzügen nähert sich Nordenham.

Grohnde, 14.50 Uhr: Jetzt ist auch die Hauptzufahrtstraße zum Kernkraftwerk mit sieben Treckern und Anhängern blockiert.

Grohnde, 17 Uhr, Nieselregen, völlige Dunkelheit: Bereitschaftspolizisten aus Hannover beginnen auf der alten B 83 mit der Räumung der Treckerblockade. Offenbar verfügen die Beamten über Spezialwerkzeuge, mit denen sie die Motoren der riesigen Schlepper, die ineinander verkeilt auf der Straße stehen, starten können.

19.45 Uhr: Auch die Ohsener Straße in Grohnde ist von Demonstranten dichtgemacht worden. Damit ist auch die rückwärtige Zufahrt zum Atomkraftwerk nicht mehr passierbar. Ein Traktor mit Anhänger steht quer auf der Fahrbahn. Daneben sitzen etwa 20 Demonstranten. Polizisten aus Göttingen haben das Gespann umstellt, fordern den Fahrer mit Lautsprecherdurchsagen auf, sofort wegzufahren.

Bei Redaktionsschluss nähert sich der Mox-Transport Grohnde. Wird er ohne Probleme durch Tor 1 rollen?



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