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Familienvater stirbt – Verursacher flüchtet / Gericht verurteilt 49-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe

Todesfahrer muss nicht hinter Gitter

Hameln/Grohnde. Der Mann, der am frühen Morgen des 7. September 2013 auf der Landesstraße 429 zwischen Grohnde und Welsede einen Radfahrer (39) aus Bad Pyrmont angefahren, tödlich verletzt und Unfallflucht begangen hat, sitzt zusammengesunken auf der Anklagebank. Er vermeidet es, der Witwe, die als Nebenklägerin im Gerichtssaal ist, in die Augen zu schauen. Der 49-Jährige hat die ihm zur Last gelegten Taten (fahrlässige Tötung und Unfallflucht) ohne Wenn und Aber eingeräumt. Sein Geständnis und der Umstand, dass er strafrechtlich bislang noch nicht in Erscheinung getreten ist, bewahren ihn am Ende vor dem Gefängnis. Es tue ihm alles wahnsinnig leid, sagt er. „Ich kann mir nicht erklären, wie so etwas Schreckliches geschehen konnte.“

veröffentlicht am 27.03.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:08 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Richter Ulrich Schöpe macht kurzen Prozess. Bereits 16 Minuten nach Beginn der Verhandlung schließt er die Beweisaufnahme, eine Viertelstunde später spricht er das Urteil: ein Jahr und sechs Monate Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Dazu kommen eine zweijährige Führerscheinsperre und 250 Stunden gemeinnützige Arbeit. Die Kosten des Verfahrens muss der Angeklagte tragen.

Die Nebenklägerin und ihr Rechtsbeistand Gerhard Reese hätten sich eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung gewünscht – aber Staatsanwaltschaft und Gericht waren in diesem Fall wohl die Hände gebunden, denn: Matthias M. ist Ersttäter und hat ein Geständnis abgelegt. Die Witwe und ihr Anwalt wollen nun darüber nachdenken, ob sie Rechtsmittel einlegen oder nicht. Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben bereits erklärt, dass sie nichts gegen den Richterspruch unternehmen werden.

Richter Schöpe hat während der Beweisaufnahme und bei der Urteilsbegründung keinen Zweifel daran gelassen, dass er diese Unfallflucht für verwerflich hält. „Haben Sie sich eigentlich jemals Gedanken darüber gemacht, dass derjenige, der da auf der Straße liegt, hätte gerettet werden können, wenn Sie nicht weggefahren wären?“, fragt der Richter den Angeklagten. Eine Antwort darauf erwartet er wohl nicht.

Bei diesem tragischen Unfall war es so, dass der Vater von zwei kleinen Kindern sofort tot war. Das hat die Obduktion ergeben. „Wäre es anders gewesen, säßen Sie jetzt vor dem Schwurgericht und müssten sich wegen Totschlags und Unterlassung verantworten“, erklärt Schöpe dem Todesfahrer, der die meiste Zeit zu Boden schaut.

Das Opfer, ein 39-jähriger Ingenieur, kam von der Arbeit. Er war nachts auf dem Weg zu seiner Familie, als sein E-Bike von dem BMW des 49-Jährigen erfasst wurde. Ob Autofahrer Matthias M. zum Zeitpunkt des Unfalls betrunken war, bleibt ungeklärt. Er hat sich erst 17 Stunden nach der Kollision bei der Polizei gestellt. Da war er alkoholisiert. Er sei in der Nacht nüchtern gewesen, habe später aus Angst getrunken, behauptet er vor Gericht. Ob das stimmt, weiß nur er selbst. Die Staatsanwältin geht davon aus, dass Matthias M. nur deshalb zur Polizei gegangen ist, weil der Fahndungsdruck so groß und die Beweislast erdrückend war.

Matthias M. gibt an, er sei auf dem Heimweg gewesen, habe auf der Waldstraße einen silberfarbenen Wagen überholen wollen. „Ich war schon fast neben dem Auto, da hat der Fahrer plötzlich ohne vorher zu blinken einen Schlenker gemacht. Ich musste zurück auf meine Seite. Da hat es gekracht. Ich habe nicht gewusst, was los ist, bin einfach weitergefahren“, sagt der Angeklagte. Rechtsanwalt Roman von Alvensleben entschuldigt sich fast dafür, dass er seinen Mandanten verteidigt. An die Adresse der Witwe sagt er: „Am liebsten möchte ich auch Ihnen beistehen.“ Dennoch: Auch sein Mandant habe „mit der Situation zu kämpfen gehabt“. „Er hat mich sofort gefragt, wie er sich bei den Angehörigen entschuldigen kann und kurz nach dem Ereignis Suizidgedanken gehabt.“ Auf der anderen Seite sei Matthias M. einfach vom Unfallort geflüchtet. „Und das ist absolut nicht tolerierbar.“

Aus der Sicht der Nebenklage war Matthias M.s Geständnis zu dürftig. „Ich habe keine Reue gesehen, nehme ihm auch nicht ab, dass er zum Unfallzeitpunkt keinen Alkohol intus hatte“, sagt Anwalt Reese.

Die Angehörigen leiden bis heute. Allen voran die Witwe und die Kinder. Die sechsjährige Tochter weine ständig, sagt der Vertreter der Nebenklage. Der kleine Sohn habe oft Wutanfälle. Die Situation sei für die Hinterbliebenen „dramatisch“. Richter und Staatsanwältin machen deutlich, dass die Justiz bei einem „so furchtbaren und tragischen Geschehen niemals zu einer angemessenen Bewertung“ kommen kann. An die Witwe gerichtet, sagt Richter Schöpe: „Das Unrecht der Tat ist niemals wiedergutzumachen. Es ist furchtbar, was passiert ist. Das ist ein Fall, der auch an mir alles andere als spurlos vorübergeht.“



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