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Jetzt vor dem Zivilgericht: ein Vorfall während des Oktoberfestes im vorigen Jahr

Straffrei nach Schlag mit Bierkrug?

RINTELN. Am kommenden Samstag heißt es auch im Brückentorsaal wieder „O'zapft is“ beim Oktoberfest mit der Band „AlmEcho“, zu dem der Carnevalsverein eingeladen hat. Das Amtsgericht wird sich in Kürze mit dem Oktoberfest des letzten Jahres beschäftigen. Warum? Es geht um Schmerzensgeld und Schadensersatz.

veröffentlicht am 26.09.2017 um 17:24 Uhr

Ausgelassene Stimmung; Beim Oktoberfest geht es hoch her. Foto: Tol
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Hans Weimann Reporter
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Es war weit nach Mitternacht, kaum noch jemand nüchtern. Ein Rintelner Gast tanzt auf dem Tisch, wird herunter geschubst, dann trifft ihn ein Maßkrug im Gesicht. Der Mann geht zu Boden, ein Zahn ist ausgeschlagen. Der Sicherheitsdienst greift ein, die Polizei kommt.

Diese Geschichte füllt bei dem Rintelner Rechtsanwalt Thorsten Kretzer inzwischen einen Aktenordner. Normalerweise sagt Kretzer, würde es in einem solchen Fall parallel zum zivilen Prozess ein Strafverfahren geben. Wenn nämlich jemand mit einem Maßkrug zuschlägt, der, wenn es schief läuft, sogar eine tödliche Kopfverletzung hervorrufen kann, dann nennt man das im Strafrecht gefährliche Körperverletzung.

Doch bei der Staatsanwaltschaft in Bückeburg wertete man das Geschehen im Brückentorsaal vor einem Jahr offensichtlich anders. Im Schriftsatz des Staatsanwaltes heißt es lapidar: „Nach dem Ermittlungsergebnis ist die Schuld als gering anzusehen. Auch das öffentliche Interesse an einer Strafverfolgung gebietet es nicht, eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen.“

Was bedeutet, man könnte die Sache auch aus der Perspektive eines „bayerisch königlichen Amtsgerichtes“ betrachten. Wonach ein Oktoberfest nur dann als gelungen zu betrachten ist, wenn es mindestens eine zünftige Schlägerei gegeben hat. Anders gesagt: Prügelt jemand vor dem Brückentorsaal, ist es Körperverletzung, schlägt er im Saal bei Blasmusik mit einem Bierkrug zu, fällt das unter die Rubrik Folklore.

Kretzer wollte sich damit nicht abfinden und legte bei der Generalstaatsanwaltschaft in Celle Beschwerde ein. Dort schaute man sich noch einmal die Zeugenaussagen an und kam zu dem gleichen Ergebnis wie die Staatsanwaltschaft Bückeburg: Es gebe keine „objektiven Beweismittel“, die Zeugenaussagen ergäben kein „einheitliches Bild der fraglichen Ereignisse.“ Es handle sich um eine „gegebenenfalls wechselseitig begangene einfache Körperverletzung, die auch auf die alkoholbedingte Enthemmung der Beteiligten zurückzuführen sein dürfte.“

So sieht man es auch beim niedersächsischen Justizministerium, wo Kretzer ebenfalls Beschwerde eingelegt hat: „Es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht für eine gefährliche Körperverletzung.“ Kretzer sagt, das festzustellen, sei eigentlich Sache eines Gerichtes. Nämlich im Rahmen einer Verhandlung Zeugen zu hören, ihre Aussagen zu würdigen und auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Selbstverständlich sei manches unklar, was vor einem Jahr passiert ist. Dass ein (leerer) Ein-Liter-Krug tatsächlich die Ursache für die Verletzung seines Mandanten war, dafür spreche, dass der „zuerst mit dem Rücken in die Arme der beiden Mädels, die da waren, geflogen ist“ dann auf eine Bank, dann auf den Boden, wie eine Zeugin ausgesagt hat. Kretzer betont, es gebe zumindest zwei Zeugen (darunter einen Kommissar-Anwärter), die gesehen hätten, wie sein Mandant vom Tisch geboxt und ihm ein Bierkrug ins Gesicht geschlagen worden sei. Was dem Anwalt grundsätzlich Unbehagen bereitet, ist die „Botschaft“, die die Staatsanwaltschaft mit der Einstellung des Verfahrens an die Beteiligten und die Öffentlichkeit gesendet habe, nämlich: „Man kann ungestraft jemanden mit einem Maßkrug verletzen, solange es Zeugen gibt, die sich in ihren Aussagen widersprechen und die Sache in bierseliger Runde passiert!“

Zu einer Gerichtsverhandlung wird es trotzdem im Oktober kommen. Denn im Rahmen des Zivilverfahrens muss geklärt werden: Wer zahlt? Nämlich Schadensersatz und Schmerzensgeld. Allein die Kosten für die Zahnbehandlung des Bierkrug-Opfers summieren sich auf mehrere Tausend Euro.

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