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Gäbe es den Weihnachtsmann nicht, man müsste ihn erfinden

Spitzenjob

Ein Abend, ein Mann, ein Schlitten – und Geschenke für rund zwei Milliarden Kinder weltweit. Der Weihnachtsmann setzt in jedem Jahr logistisch schier unerreichbare Maßstäbe. Zollen wir ihm Respekt …

veröffentlicht am 25.12.2018 um 09:30 Uhr

Ohne ihn geht nichts: der Weihnachtsmann. Foto: dpa
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Er hat eine Anhängerschaft in der Größenordnung einer Weltreligion und von kaum erschütterbarem Glauben – zumindest bei Menschen unter sieben Jahren: der Weihnachtsmann.

Klar, er macht es seinen Gläubigen auch nicht allzu schwer: Aufwendigster ritueller Akt ist das Abfassen eines Wunschzettels. In krakeliger Kinderschrift und doch so präzise wie möglich. Bewährt haben sich beispielsweise liebevoll ausgeschnittene Prospektabbildungen. Profis lassen den Preis gleich dran. Nicht dass es da nicht diese längst verfilmten Überlieferungen gäbe, die von unermüdlichen Weihnachtswichteln künden, die jedes Geschenk der Welt in ihrer mystischen Manufaktur herstellen – aber man weiß ja nie. Manches kauft ja vielleicht auch der Weihnachtsmann bei Amazon oder so. Trotzdem: So ein Wunschzettel ist in gut 20 Minuten erledigt. Eine erste Version zumindest – aber dazu später mehr. Und dann? Verlangt die Weihnachtsmann-Religion eigentlich nicht viel mehr, als – zumindest im Advent – halbwegs brav zu sein. Aber das sind Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung ohnehin und ohne Unterlass – also (um es weihnachtlich zu sagen): geschenkt.

Klar, jeder Glaube hat mit angeblich streng rationalem Widerstand zu rechnen. So ergeht es eigentlich jeder Religion seit der Aufklärung, so ergeht es dem Weihnachtsmann spätestens im Dezember – jährlich. Seit Langem kursiert im Internet ein kühner Aufsatz mit dem Titel „Gibt es einen Weihnachtsmann? Eine wissenschaftliche Betrachtung“ – anonym natürlich wie eine Ketzerschrift im Mittelalter. „Keine bekannte Spezies der Gattung Rentier kann fliegen“, ist dort zum Beispiel zu lesen. „Aber es gibt 300 000 Spezies von lebenden Organismen, die noch klassifiziert werden müssen, und obwohl es sich dabei hauptsächlich um Insekten und Bakterien handelt, schließt dies nicht mit letzter Sicherheit die Möglichkeit der Existenz bisher unbeschriebener fliegender Rentiere aus, die nur der Weihnachtsmann bisher gesehen hat.“ „Na, also!“, sagen Santas Anhänger.

In anderer Hinsicht ist die Streitschrift entschiedener: Angenommen, jedes Kind bekommt nicht mehr als ein mittelgroßes Lego-Set von etwa einem Kilo Gewicht, dann bringt es der beladene Schlitten auf 378 000 Tonnen. Und da ist der offenbar übergewichtige Weihnachtsmann nicht mal eingerechnet. Ein gewöhnliches Rentier kann nicht mehr als 175 Kilogramm ziehen. Selbst bei der Annahme, dass ein fliegendes Rentier locker das Zehnfache bewegen könnte, braucht man für den Schlitten demnach eine stattliche Herde von 216 000 Tiere. Das erhöht das Gesamtgewicht – den Schlitten selbst sogar mal außer Acht gelassen – auf satte 410 400 Tonnen. Das sei mehr als das Vierfache des Gewichtes des Kreuzfahrtriesen „Queen Elizabeth“, sagen die vermeintlichen Wissenschaftler. „Na und? Der Weihnachtsmann kann das“, antworten indes die Gläubigen mit dieser Selbstsicherheit, die nur Kindergartenkinder auf ziemlich verlorenem Posten aufbringen können, und ersticken damit jede weitere Debatte erfolgreich im Keim.

Schließlich hat der Weihnachtsmann am heiligen Abend wieder alle Fakten auf seiner Seite: Leuchtender Baum, dicke Päckchen, bunte Teller – Santa spricht durch seine Taten. Er macht halt einen Spitzenjob. Und er lässt sich dabei auch durch wenig erschüttern.

Denn eigentlich ist natürlich mit dem einen ersten Wunschzettel so gut wie gar nichts erledigt. Eine komplett überarbeitet zweite Version ist immer drin. Oft auch eine dritte oder vierte. Bei Wunschzetteln, die nach dem 18. Dezember Richtung Nordpol geschickt werden, wird es allerdings eng – so die Erfahrungswerte der Gläubigen. Dass am Ende dann oft eine Mischung der Wünsche von Zettel 1, 2 und 3 unter dem Baum liegt, werten sie als Ausdruck der Weisheit des Weihnachtsmanns, die „wahren Wünsche“ zu erkennen. Und auch dass schon wieder das Pony oder die absolut nicht altersangemessene Spielkonsole ganz oben von den Wunschzetteln fehlen – das kann man einem alten Mann im roten Mantel bei Kerzenschein und Geschenkpapiergeraschel verzeihen. Auch der Platz auf so einem 378 000-Tonnen-Schlitten ist schließlich endlich, wie die etwas abgekämpft dreinschauenden Eltern eifrig bestätigen. Kurzum: Wenn es den Weihnachtsmann nicht gäbe, man müsste ihn erfinden.



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