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Schwurgericht schenkt dem Angeklagten keinen Glauben – und verurteilt ihn zu einer Haftstrafe

So kann’s nicht gewesen sein, so klappt es nicht

Ottenstein/Hildesheim. Der junge Mann, der auf der Anklagebank sitzt, sieht blass aus; sein Blick geht ins Leere, seine Augen starren ins Nichts. Es schaut so aus, als habe er sich seinem Schicksal ergeben. Das Gesicht des Angeklagten sieht aus wie versteinert. Keine Regung ist zu sehen, als Ulrich Pohl, der Vorsitzende Richter des Schwurgerichts in Hildesheim, das Urteil im Namen des Volkes verkündet: Thorsten L. (21, Name geändert) soll ins Gefängnis. Fünf Jahre und sechs Monate. Wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass der Schüler am frühen Morgen des 11. Juli in der Küche eines Fachwerkhauses in Ottenstein versucht hat, seinen Stiefvater Ernst B. (40, Name geändert) zu töten. Die Tatwaffe – ein 33 Zentimeter langes Fleischermesser – hat eine 20,5 Zentimeter lange scharfe Klinge. Bis zum Griff sei das Metall in den Körper des Unternehmers eingedrungen, habe Teile des Darms eröffnet, den Blinddarm und das hintere Bauchfell durchstoßen, sagt Richter Pohl. Die Stichverletzung war nach Angaben des Rechtsmediziners Dr. Urs-Vito Albrecht „akut lebensbedrohend“.

veröffentlicht am 07.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 10:21 Uhr

Das Landgericht Hildesheim: Im Schwurgerichtssaal 134 wurde an d

Autor:

Ulrich Behmann
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Nach Überzeugung der Strafkammer 1 hat der 21-Jährige „in Tötungsabsicht“ gehandelt. Schlimmer noch: Er habe das Messer aus dem Bauch des Mannes gezogen, um weiter auf Ernst B. einzustechen, sagt Richter Pohl – und ergänzt: „Dabei hat der Angeklagte gerufen: ,Ich bringe dich um, du Schwein. Ich bringe dich um‘“. Für die Kammer steht außer Frage: Thorsten L. wollte seinen Stiefvater töten. „Die Tat ist schlicht fehlgeschlagen.“ Als Ernst B. den zweiten Stich abwehrte, habe er versehentlich in die Klinge gefasst, sagt Richter Pohl. Er erlitt dabei eine Stichverletzung am Daumenbein, zudem wurde die tiefe Beugesehne des kleinen Fingers der rechten Hand durchtrennt. Noch heute kann Ernst B. den Finger nicht ganz strecken.

Thorsten L. hat den Vorfall anders dargestellt. Nach einem Streit mit seinem Stiefvater, dem er nichts habe recht machen können, will er ins Haus gelaufen sein, um sich selbst zu töten. Mit dem Fleischermesser „wollte ich mir die Pulsadern aufschneiden“. Als Ernst B. in die Küche kam und sich auf ihn stürzte, sei dieser in das Messer hineingelaufen. „Diese Einlassung des Angeklagten“, so der Vorsitzende Richter, „ist nach sicherer Überzeugung der Kammer widerlegt“ worden. „Niemand läuft in ein Messer. So etwas passiert nicht. So kann’s gar nicht gewesen sein, so klappt es nicht.“ Auch Thorsten L.s Behauptung, er habe zum Messer gegriffen, um sich umzubringen, hat ihm das Gericht nicht abgenommen. „Das Fleischmesser ist ungeeignet zum Öffnen der Pulsadern. Und er hat auch keinen Versuch unternommen, sich das Leben zu nehmen.“ Schon sein „widersprüchliches Aussageverhalten beweist: Er lügt, dass sich die Balken biegen“, sagt Richter Pohl. Seine Version sei „der pure Blödsinn“ und „eine reine Schutzbehauptung“.

Zu Recht habe Nebenkläger-Vertreter Burkhard Papendick in seinem Plädoyer darauf hingewiesen, dass sein Mandant nicht der Täter, sondern das Opfer ist, sagt Richter Pohl und kritisiert damit den Angeklagten und dessen Mutter, die sich abfällig über Ernst B. geäußert hatten. „Dieses unnötige Schlechtmachen hat niemandem genützt – vielleicht eher geschadet.“ Der 40-Jährige neige „zum Jähzorn“, sei „eben ein Choleriker“, der seinen Stiefsohn für arbeitsscheu hält „und stolz darauf ist, dass er schon mit 20 sein erstes Haus gekauft hat“.

Vom Vorwurf des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung ist die Kammer abgerückt. „Das Opfer war zwar arg- und wehrlos, wir haben aber erhebliche Zweifel daran, dass der Angeklagte das bewusst ausgenutzt hat“, teilt Pohl zur Begründung mit. Thorsten L. sei nach Auffassung des psychiatrischen Gutachters Axel Wentzel „voll schuldfähig“. „Ein minderschwerer Fall drängt sich nicht auf.“ Verteidiger Dr. Dr. Jost-H. Uhlmann sieht das anders: „Mein Mandant wird einen Tötungsvorsatz nicht einräumen“, hat der Rechtsanwalt in seinem Plädoyer gesagt – und daraus geschlussfolgert: „Was bleibt, ist eine Körperverletzung im minderschweren Fall.“ Dieser Auffassung ist die Kammer nicht gefolgt. Auf die Frage des Richters: „Soll das Urteil rechtskräftig werden?“, hat Dr. Dr. Uhlmann den Kopf geschüttelt. Am Nachmittag sagt der Anwalt auf Anfrage der Dewezet: „Wir haben bereits Revision eingelegt.“

Thorsten L. ist gestern nicht im Gerichtssaal verhaftet worden. Darauf hat die Kammer angesichts des jugendlichen Alters des Angeklagten und der Gesamtumstände verzichtet. „Das ist das erste Mal in meiner 35-jährigen Richter-Karriere“, betont der Vorsitzende. Thorsten L. wird nun zum Strafantritt geladen. Wenn er am Gefängnistor klingelt, gilt er als „Selbststeller“ und darf während des Vollzugs rascher als Verurteilte, die aus der U-Haft kommen, mit Lockerungen rechnen. Richter Pohl hat dem Angeklagten geraten: „Verspielen Sie diesen Vorteil nicht, indem Sie versuchen, sich der Verbüßung Ihrer Strafe zu entziehen.“

Nachdenklich: Verteidiger Dr. Dr. Jost-H. Uhlmann mit seinem Mandanten Thorsten L. (21), der gestern wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden ist.

Fotos: ube



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