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Plädoyers im Fall Mike S. / Staatsanwalt spricht von „beispielloser Gefühlskälte“ und „Vernichtungswillen“ – und beantragt Gefängnisstrafen

„Sie haben aus nichtigem Anlass ein Menschenleben ausgelöscht“

Salzhemmendorf (ube). Wird Günther S. (43), der gestanden hat, den Salzhemmendorfer Mike S. (41) am 19. November 2011 geschlagen und erstochen zu haben, heute wegen Mordes oder wegen Totschlags verurteilt? Es gibt Anzeichen dafür, dass die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover den Mordvorwurf fallenlassen wird. Es geht um zwei Gewalttaten. Mit Günther S., Matthias H. (51) und Martin M. (25) sitzen drei Männer auf der Anklagebank. S. war Mord, H. gemeinschaftlicher Totschlag und M. Beihilfe zum Totschlag zur Last gelegt worden. Gestern wurden diese Vorwürfe korrigiert.

veröffentlicht am 12.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:21 Uhr

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Es war der Tag der Plädoyers. Staatsanwalt Henning Deeken erklärte der Kammer seine Sicht der Dinge: Am 12. November seien Günther S. und Martin M. zur Wilhelm-Busch-Straße in Salzhemmendorf gezogen und gewaltsam in die Wohnung des Zeugen Oliver Faßmann (40) eingedrungen. S. sei auf Mike S., der dort zu Besuch war, losgegangen. Vier- bis fünfmal habe S. das Opfer mit Fäusten geschlagen, es auf den Boden gerissen und zweimal getreten. Dann habe auch Martin M. mehrfach zugetreten.

Eine Woche später, am 19. November, habe Günther S. in Begleitung von Matthias H. abermals Faßmanns Tür eingetreten. Am Nachmittag hatte Günther S. mehrfach davon gesprochen, Mike S. „plattzumachen“. Staatsanwalt Deeken geht davon aus, dass es zwischen den Männern eine Art Arbeitsteilung gab: Günther S. greift Mike S. an, Matthias H. hält dem Täter den Rücken frei.

Mit drei bis fünf Faustschlägen soll Günther S. Mike S. niedergestreckt und den auf dem Boden liegenden Mann mit voller Wucht gegen Kopf, Hals und Oberkörper getreten haben. Dabei habe Günther S. den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen, meint Deeken. Günther S. hat zugegeben, dem Sterbenden ein langes Brotmesser, das auf dem Boden herumgelegen haben soll, in die Brust gestoßen zu haben. Deeken nannte die Tat „schockierend und grausam“. Günther S. habe ein Leben „aus nichtigem Anlass ausgelöscht“. Die Vorgehensweise sei „extrem brutal“ gewesen. Der Staatsanwalt attestierte dem Hauptangeklagten „eine beispiellose Gefühlskälte“ und einen „Vernichtungswillen“. Tatmotive seien Eifersucht und Wut gewesen. Eifersucht kann ein niedriger Beweggrund, also ein Mordmerkmal, sein. Deeken ist jedoch der Meinung, dass Günther S. aufgrund seiner Alkoholisierung (3,78 Promille) nicht bewusst war, dass er aus Eifersucht gehandelt hat. Deshalb solle S., der einen Tötungsvorsatz gehabt habe und laut Gutachter zur Tatzeit „erheblich vermindert schuldfähig“ war, wegen Totschlags verurteilt werden. Für die erste Gewalttat (gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung) beantragte Deeken ein Jahr und sechs Monate Haft, für die zweite (Totschlag) neun Jahre Gefängnis. Er bildete daraus eine Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren und acht Monaten. Verteidiger Ulrich Schmidt plädierte für neun Jahre Haft.

Matthias H., so der Staatsanwalt, könne zwar nicht wegen eines gemeinschaftlichen Totschlags, wohl aber wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung bestraft werden. Unter Alkohol sei H. unberechenbar. Er hat zwölf Einträge im Bundeszentralregister, stand zur Tatzeit unter Bewährung, ist zudem einschlägig vorbestraft. H. sei aber ein Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen. Drei Jahre Gefängnis und Unterbringung in einer Entzugsklinik – so lautete Deekens Antrag. Verteidigerin Anke Blume war empört. „Für einen gemeinsamen Plan gibt es keinen Beweis.“ Ihr Mandant sei nicht aktiv an der Tat beteiligt gewesen. Matthias H. sei in der Wohnung gewesen – mehr aber auch nicht. Das allein sei nicht strafbar. Die Verteidigerin beantragte Freispruch.

Der dritte Angeklagte, Martin M., sei von dem Vorwurf der Beihilfe zum Totschlag freizusprechen, meint Staatsanwalt Deeken. Er müsse sich aber wegen der Gewalttat vom 12. November verantworten. Die Tritte, die von „einer verwerflichen Gesinnung“ zeugten, seien als gefährliche Körperverletzung zu werten, die mit einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis zu bestrafen seien. M. habe 15 Eintragungen im Strafregister und die Tat während seiner Bewährungszeit begangen. Er ist ebenfalls einschlägig vorbestraft. Auch Verteidiger Burkhard Papendick sieht anderthalb Jahre als angemessen an; er möchte für seinen Mandanten jedoch eine Bewährungsstrafe erreichen. „Herr M. hat eine Unterkunft, nimmt keine Drogen, trinkt keinen Alkohol und hat einen Praktikumsplatz“, argumentiert der Anwalt.

Heute um 10.30 Uhr wird Richter Wolfgang Rosenbusch die Urteile verkünden.

Der Hauptangeklagte Günther S. aus Lauenstein im Gespräch mit seinem Verteidiger Ulrich Schmidt.

Foto: ube



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