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Schwarz – und fremd im eigenen Land?

Weserbergland. Dessau, 2001: Der schwarze Deutsche Alberto Adriano wird von Neonazis ermordet. Der Fall macht international Schlagzeilen. Weit weniger Aufsehen erregt der alltägliche Rassismus gegenüber Schwarzen: vermeintliche Witze, Sprüche, willkürliche Polizeikontrollen. Redakteur Philipp Killmann hat mit Betroffenen aus der Region gesprochen.

veröffentlicht am 26.07.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 21.03.2018 um 09:53 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Weserbergland. Dessau, 2001: Der schwarze Deutsche Alberto Adriano wird von Neonazis ermordet. Der Fall macht international Schlagzeilen. Weit weniger Aufsehen erregt der alltägliche Rassismus gegenüber Schwarzen: vermeintliche Witze, Sprüche, willkürliche Polizeikontrollen. Redakteur Philipp Killmann hat mit Betroffenen aus der Region gesprochen.

Die Freude darüber, dass mit Barack Obama erstmals ein Schwarzer zum Präsidenten der USA gewählt wurde, war auch in Deutschland groß, wurde es doch allgemein als wichtiges Zeichen gegen Rassismus begriffen. Aber würden die Deutschen selbst einen Schwarzen zum Bundeskanzler wählen? In Anbetracht dessen, dass schwarze Deutsche von weißen Deutschen oftmals vor allem als schwarz, nicht aber als deutsch wahrgenommen werden, obwohl sie hier zu Hause sind, darf das gegenwärtig wohl noch bezweifelt werden.

Für schwarze Deutsche hat nicht zuletzt dieses altbackene Bild davon, wer oder was deutsch ist, nicht unerhebliche Folgen: von dummen Sprüchen und vermeintlichen Witzen über willkürliche Polizeikontrollen bis hin zu tätlichen Übergriffen – alltäglichen Rassismus eben.

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  • Vanessa Jackson
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  • Andre dos Santos Maquina
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  • Roddy Quartey

Dieser Song geht raus an all die Bürger von Babylon / mit Angst vorm schwarzen Mann, doch auf dem Weg ins Solarium - Samy Deluxe „Sag mir, wie es wär‘“ (2001)

Während der letzten Fußball-Europameisterschaft etwa war nicht nur Italiens schwarzer Starstürmer Mario Balotelli rassistischen Beleidigungen seitens der Zuschauer ausgesetzt. Als sich ein schwarzer Freund der ebenfalls schwarzen Rebecca Martin (22) aus Bösingfeld bei einem Public Viewing über ein Tor von Balotelli freute, habe ein weißer Zuschauer ihn unter anderem mit dem N-Wort (=„Neger“) beleidigt. Das N-Wort fand in der deutschen Sprache vor allem im kolonialistisch-imperialistischen Deutschen Reich Verbreitung, ist von rassentheoretischen Vorstellungen jener Zeit geprägt und gilt als diskriminierend. Vermieden werden sollten laut Duden daher auch Begriffe, wie „,Negerkuss‘, stattdessen verwendet man besser ,Schokokuss‘“.

Beim Fußball tritt Rassismus regelmäßig offen zutage, wenn Fans einen gegnerischen schwarzen Spieler rassistisch verhöhnen oder wenn Spieler ihren schwarzen Gegenspieler mit rassistischen Beleidigungen zu provozieren und aus dem Spiel zu bringen versuchen.

Das habe der schwarze Deutsch-Angolaner Andre dos Santos Maquina (35) aus Rinteln als Fußballer etliche Male erlebt. „Ich bin Santos – kein Neger!“, stellte Santos Anfang der 90er Jahre seinem Fußballtrainer gegenüber klar, nachdem ihn seine eigenen Mitspieler mit dem N-Wort bezeichneten.

Santos war damals gerade aus Angola vor dem Krieg nach Deutschland geflohen und wunderte sich, dass ihn seine eigenen weißen Mannschaftskameraden beleidigten. „Die meinten das zwar nicht böse, aber dieses Wort kann ich nicht tolerieren.“ Ist doch nicht so gemeint – so lautet ein viel bemühtes Argument von Weißen, wenn sie mit dem Vorwurf Rassismus konfrontiert werden. Dabei sollte es doch den Betroffenen selbst obliegen, zu bestimmen, welche Bezeichnung sie für sich vorziehen.

Und die Reporterin fragt, warum ich sag, dass ich schwarz sei / Ich sag’, stimmt, eigentlich bin ich ja schwarz-weiß / Doch wär’ ab morgen in Deutschland hier plötzlich Apartheid / Rate mal, würd’ ich dann weiß oder schwarz sein? - Samy Deluxe „SchwarzWeiß“ (2011)

Die politisch korrekten Begriffe für Menschen sind „Schwarz“ und „Weiß“, im akademischen Umfeld wird für Menschen, die nicht weiß sind, zunehmend auch der Begriff „People of Color“ verwendet. Klar handelt es sich bei den Begriffen „Schwarz“ und „Weiß“ um soziale Konstruktionen. Kein Mensch ist wirklich schwarz oder weiß, genauso wenig wie es Menschenrassen gibt. Aber solange es Rassismus gibt, sind diese Bezeichnungen nützliche, wenn nicht notwendige Instrumente, um Rassismus sichtbar zu machen.

Ein Beispiel: Wenn zwei weiße Deutsche einen schwarzen Deutschen angreifen und nachweislich rassistisch beleidigen, ist das kein Fall von Fremdenhass, wie von den Medien oft behauptet, sondern ein Fall von Rassismus. Schwarze Deutsche sind Deutsche, keine Fremden – und können daher auch keinen „Fremdenhass“ hervorrufen.

Liebe Erzieherin, lieber Erzieher / Was singst du mit den Kindern schon wieder für Lieder? / Du willst mit anderen Nationen vereint sein / und singst ,Schwarzbraun ist die Haselnuss‘, ,Zehn kleine Negerlein‘?! - Toni L. "Dummerweise" (1996)

„Ich habe mir über die Begrifflichkeiten ehrlich gesagt noch keine großen Gedanken gemacht. Für mich ist eigentlich alles okay, auch wenn ,farbig’ ja auch umstritten ist, außer ,Neger‘ oder ,Nigger‘“, sagt die Studentin Vanessa Jackson (26), Tochter eines Afroamerikaners und einer weißen Deutschen, aus dem Landkreis Schaumburg. Die Erfahrung, mit dem N-Wort bezeichnet zu werden, hat sie bereits als Kind gemacht, als andere Kinder sie so nannten. Eine Grundschullehrerin habe mit ihrer Klasse sogar mal „Zehn kleine Negerlein“ gesungen, „woraufhin mich alle angeglotzt haben“, schildert Jackson. Nervig seien auch Sprüche, wie „Du siehst aus wie Barbara Becker!“ Als würden alle Schwarzen gleich aussehen.

Dominic Hansen (22), aus Hameln weiß noch, wie in der Schule früher „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ gespielt wurde. Damals sei das kein Problem für ihn gewesen. „Aber heute sehe ich das kritischer. Das Spiel sollte eher ,Wer hat Angst vorm bösen Mann?‘ heißen“, findet er.

Rebecca Martin habe vor allem als Kind und Jugendliche Erfahrungen mit Rassismus gemacht. „Meine Schwester und ich waren die einzigen Schwarzen im Dorf, und die anderen Kinder sind sehr auf Distanz zu uns gegangen und haben uns gehänselt“, erzählt sie.

Extrem sei es dann auf der Realschule gewesen, wo sie vor allem von Schülern der angrenzenden Hauptschule viele rassistische Sprüche zu hören bekommen habe. Infolgedessen habe sie sich zurückgezogen und immer weniger zugetraut.

Das habe sich erst geändert, als sie einen Freundeskreis außerhalb der Schule fand, der nicht nur aus weißen Deutschen, sondern auch aus Philippinern und Russen bestand. Da habe die Hautfarbe keine Rolle mehr gespielt. „Und heute habe ich auch eine große Fresse“, sagt sie lachend.

Sprüche, die auf seine dunkle Hautfarbe abzielten, hat auch Andy Harris (32) aus Tündern zu hören bekommen, erst als Kind, später auf dem Bau. Aber da habe er immer nur drüber lachen können. „Schlimmer ist es, wenn mir gegenüber jemand das N-Wort fallen lässt, aber das habe ich nur selten erlebt“, sagt der Sohn einer weißen Deutschen und eines schwarzen Jamaikaners.

„Meine weiße Oma hat früher auch immer ,Neger‘ gesagt. Da hat mein Vater erst mal ganz schön gestutzt. Aber dann haben sie darüber gesprochen, und sie hat es nicht mehr gesagt“, erzählt Harris.

Dominic Hansen erlebt bei Weißen oft Unsicherheit darüber, welche Bezeichnung sie für Schwarze anwenden sollen, zumal „auch Schwarz und dunkel sehr negativ besetzte Begriffe sind. Aber wieso ist das eigentlich so?“, fragt er.

Dass Schwarze oft nicht als Deutsche wahrgenommen werden, hat der Hessisch Oldendorfer Roddy Quartey (52), der bereits mit sieben Jahren aus Ghana nach Deutschland kam und in seinem Leben „eigentlich keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht“ habe, dennoch schon zu spüren bekommen. Nach einem Telefongespräch mit einer Angestellten aus der Stadtverwaltung stellte er sich ihr einen Tag später im Rathaus persönlich vor, indem er sich auf das Telefongespräch bezog. Daraufhin habe sie gemeint, dass er sie verwechseln müsse. Als sie ihren Irrtum bemerkte, habe sie zu ihm gesagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – „,Sie aber auch!‘, sagte ich zu ihr.“

Verkäufer, deine Ignoranz ist eine Qual / Wenn du folgende Dinge stellst in dein Verkaufsregal: / ,Negerspeck‘, ,Mohrenkopf‘, ,Negerkuss‘, ist, was ich lesen muss / In deinem Geschäft blüht der Rassismus! / Du sagst, es hieß immer so und wäre nicht so schlimm / Nimmst es so hin, welch’ Unsinn steckt in dir drin? / Dummer Herr Verkäufer, dumme Frau Verkäuferin! / Weißer, du bist so lange ein Gegner / Solange du bezeichnest Schwarze als ,Neger‘ / Denn es ist Rassismus, den du verlautest / auch wenn ,er‘ dein Freund ist, wie du es oft behauptest - Toni L. - Dummerweisse

Im eigenen Land nicht für Deutsch gehalten zu werden, kann gefährlich werden. Als Santos einmal in Köln mit der S-Bahn fuhr, seien fünf Skinheads mit Baseballschlägern eingestiegen und hätten „Neger raus!“ gerufen. Keiner der anderen Fahrgäste habe etwas gesagt. „Die hatten auch Angst“, sagt Santos. Und als Vanessa Jackson mal mit dem Zug durch Ostdeutschland nach Berlin fuhr, sei eine Gruppe Neonazis eingestiegen, habe gepöbelt und den Zug an der nächsten Station mit den Worten „Hier ist es uns zu schwarz“ verlassen. „Seitdem habe ich keinen guten Eindruck vom Osten“, sagt sie.

Umgekehrt gebe sogar die Polizei Anlass zu Misstrauen. Schon zweimal sei Jackson von der Polizei auf Drogen untersucht worden, einmal musste sie in Hameln ihr Auto stehen lassen und mit auf die Wache, um sich einem Drogentest zu unterziehen. „Der natürlich negativ ausfiel“, sagt Jackson. „Ich kenne sonst keinen, der von der Polizei schon mal auf Drogen untersucht wurde. Auf Alkohol ja, aber nicht auf Drogen.“

Auch Santos wurde einmal, als er aus seinem Wagen stieg, von einem Polizisten aufgefordert, seinen Kofferraum zu öffnen, in dem der Beamte Drogen vermutete, erzählt er verständnislos. Und Dominic Hansen wurde ebenfalls schon von der Polizei angehalten und gefragt, ob er gekifft habe: „Wieso? Weil ich schwarz bin?“, habe er zurückgefragt.

Reicht es etwa aus, schwarz zu sein, um von der Polizei des Drogenkonsums oder -handels verdächtigt zu werden? Auf Anfrage unserer Zeitung verneinen sowohl Jörn Schedlitzki, Pressesprecher der Hamelner Polizei, als auch Rintelns Polizeichef Wilfried Korte, dass es interne Anweisungen gebe, schwarze Menschen gezielt auf Drogen zu untersuchen. „Das wäre ja auch gar nicht mit dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar“, sagt Schedlitzki. Weder in Hameln noch in Rinteln lägen zudem Beschwerden vor. Gleichwohl, räumt Korte ein, sei es nicht auszuschließen, dass einzelne Beamte gewisse Vorurteile im Kopf hätten.

Der Hamburger Rapper Samy Deluxe, Sohn einer weißen Deutschen und eines schwarzen Sudanesen, greift diese Themen in seiner Musik auf. Dominic Hansen spricht er damit „aus der Seele“. „So fühle ich mich eben auch: schwarzweiß“, sagt Hansen in Anspielung auf Samy Deluxe‘ Song „SchwarzWeiß“. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen – und trotzdem werde ich anders wahrgenommen.“



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