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Saufen bis zum Umfallen – aus Langeweile

Noch immer liegt der säuerliche Geruch von Erbrochenem in der Luft. Krankenschwester Kirsten platziert eine neue Nierenschale am Mund des jungen Patienten für den Fall, dass er sich wieder übergeben muss. Manchmal gibt der Jugendliche – nennen wir ihn Kevin – unartikulierte Laute von sich. Dann fährt die Kinderkrankenschwester besänftigend mit der Hand über seine Schulter: „Ganz ruhig, es ist alles gut …“ Kirsten zieht den Bettüberzug etwas höher, um den Körper warmzuhalten. Der Jugendliche liegt in stabiler Seitenlage, damit er im Falle des Erbrechens nicht erstickt. Zwischen den nackten Beinen: eine Riesen-Windel. Denn im Suff hat Kevin eingenässt. Dass er sich mit 1,7 Promille in den Zusammenbruch getrunken hat, deswegen in die Hamelner Klinik für Kinder- und Jugendmedizin gebracht wurde, wird ihm erst am nächsten Tag bewusst. Nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hat. Und er wird entsetzt sein über den eigenen Zustand.

veröffentlicht am 04.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 16:41 Uhr

Das Angebot an Alkohol ist groß – der Konsum entsprechend.

Autor:

Alda Maria Grüter
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Während die Mutter mitten in der Nacht in dem schwach beleuchteten Flur auf Station 2 wartete, kümmern sich Kinderärztin Maryam Fath und Schwester Kirsten um Kevin. Der Junge gibt ein kurzes brummendes Stöhnen von sich, als Maryam Fath zum Blutabnehmen ansetzt. Die Ärztin hat Mühe, eine Vene zu finden: „Bei Unterkühlung kollabieren die Gefäße, sie werden enger“, erklärt sie. Unterkühlung bis hin zum Erfrieren, das Ersticken am Erbrochenen und Verletzungen infolge eines Sturzes seien nur einige von vielen möglichen Konsequenzen, wenn im Vollrausch die Kontrolle über den Körper verloren geht. Eine alkoholbedingte starke Unterzuckerung des Körpers könne ebenso tödlich wirken wie das Trinken großer Alkoholmengen in kurzer Zeit, erläutert Oberarzt Dr. Rainer Hruska. Durch „Turbo-Saufen“ könne das Atemzentrum im Gehirn lahmgelegt werden. Bei wiederholten Exzessen drohen jedenfalls schwerwiegende gesundheitliche Schäden: „Der körperliche Entwicklungsprozess und die Gehirnleistung werden nachweislich beeinträchtigt“, so der Kinderarzt. Seit über eine Stunde wird Kevin medizinisch und pflegerisch versorgt. Damit der Flüssigkeits-, Salz- und Zuckerhaushalt nicht durcheinandergerät, wird ihm eine Infusion verabreicht. Ein Monitor überwacht die Atem- und Herzfrequenz sowie die Sauerstoff-Sättigung im Blut. „Wir passen gut auf ihn auf“, sagt die Ärztin zu der besorgten Mutter, die noch immer erschüttert ist über das, was mit ihrem Sohn passiert ist. Ihre Augen sind gerötet vom Weinen. „Ich verstehe einfach nicht, warum …“ Maryam Fath versucht sie zu beruhigen. Trotzdem: Verzweiflung, Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit mischen sich mit Selbstvorwürfen.

Für die meisten Eltern ist es ein Schock, wenn sich ihr Kind betrinkt, wegen einer Alkoholvergiftung in der Notaufnahme landet. „Eltern und Erwachsene sind ratlos und können diese „ungebremste Selbstbeschädigung“ nicht nachvollziehen, haben Angst um Gesundheit und Leben ihrer Kinder“, sagt der Psychologe Dr. Michael Heilemann. Aber warum tun junge Menschen sich das an? Grenzen überschreiten, die eigenen Limits testen, sich wie ein Held fühlen, mehr abkönnen als andere sei schon immer der Grund für die Trinkwettbewerbe bei „Halbstarken“ gewesen. „Die damaligen Grenzen waren auf das Taschengeldbudget limitiert: Bier war billiger als Schnaps. Nach der Grenzöffnung wurde der Wodka billiger, und in Zeiten der Alkopopdrinks ist der Alkohol schmackhafter.“ Aus dem Wett-Trinken sei ein Kollektiverlebnis geworden. „Die Gründe liegen in einem ereignislosen Leben, in der Unfähigkeit, sich exklusiv und besonders zu fühlen, da im globalen Vergleich aller mit allen im Internet letztlich jede Dorfschönheit und jeder Stadtteilschläger aufs Normalo-Maß reduziert wird.“ Extremerlebnisse seien nur noch im kollektiven Zudröhnen möglich. Der Euphorie folge die Erkenntnis, dass man am nächsten Tag kläglicher sei als je zuvor.

Anstatt die innere Leere zuzukippen, rät der Psychologe: Das angepasste gleichförmige und informationskonsumierende Leben müsse durch reales Tun im sinnlichen Raum zwischen Erwachsenen und Jugendlichen überwunden werden. Die Neubelebung des direkten Miteinanders führe über Ausdauersport, über Kraft- und über Beweglichkeitstraining. „Lieber sich gemeinsam aufbauen als sich abschießen. Das muss die Parole für die Elterngeneration sein.“ Dafür müsse sie sich aber auch wieder in ihren eigenen Schweiß verlieben, um mit ihrem ganzen Körper, ihrem ganzen Kopf und ihrem ganzen Herzen am realen Leben teilzunehmen. Auch am Tisch sei vieles, quasi spielerisch, möglich: „Das direkte Spielen miteinander ist eine Hantel fürs Gehirn.“ Gemeinsam das eigene Ich trainieren und über moderate Konkurrenzsituationen, sich gegenseitig aufputschen sei eine wichtige Konkurrenzsituation zum „Abtauchen in das totale Alkoholvergessen“.

Seit neun Jahren führt Dr. Hruska Buch: Waren es im Jahre 2000 noch 26 betrunkene Kinder und Jugendliche, die in die Hamelner Klinik eingewiesen wurden, so hat sich die Zahl mit 51 Einweisungen 2007 nahezu verdoppelt. Auch im vorigen Jahr waren es 48 Fälle. Die Patienten, so die „subjektive Wahrnehmung“ des Mediziners, seien immer jünger: Schon Elfjährige trinken sich in komatöse Zustände. Vor neun Jahren standen dabei gerade einmal zwei Mädchen 24 Jungen gegenüber – im vergangenen Jahr waren es laut Statistik 26 Mädchen und 22 Jungen. Bis Oktober 2009 wurden 67 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung gezählt, bis zum Jahresende wird sich die Zahl wohl auf 80 erhöhen, sagt Hruska voraus. Also etwa alle vier Tage behandeln die Hamelner Ärzte einen Minderjährigen mit einer Alkoholvergiftung.

Wenn Kinder und Jugendliche zur Flasche greifen, schlagen sie oft über die Stränge, kennen keine Grenzen mehr. Bereits eine Nacht nach Kevins Kollaps werden ein 17-Jähriger (1,8 Promille) und ein 15-Jähriger (2,1 Promille) aufgegriffen. Die Situation ist dramatisch, für den Älteren sogar lebensgefährlich. Im Rettungswagen und auf der Intensivstation muss der Jugendliche beatmet werden. „Hier haben wir einen der wenigen Fälle, in denen wir neben Alkohol noch andere Drogen gefunden haben“, berichtet Hruska. Das routinemäßig durchgeführte Drogenscreening ergibt, dass der 17-Jährige Cannabis und Schmerzmittel konsumiert hat. Beängstigend ist auch der Zustand des Jüngeren: Er ist bewusstlos, reagiert nicht auf Schmerzreize; ansprechbar ist er erst vier Stunden nach der Aufnahme.

Der 17-Jährige hat den Helfern, die ihn in die Notaufnahme gebracht haben, den Ärzten und dem Pflegepersonal sein Leben zu verdanken: „Wäre er nicht aufgefunden und eingewiesen worden, hätte er wohl nicht überlebt“, meint der Oberarzt. Er veranlasst den Kontakt zu einer Drogenberatungsstelle. Ansonsten werde den Betroffenen und den Erziehungsberechtigten, neben dem Gespräch mit dem Kinderarzt, Informationsblätter angeboten mit der Empfehlung, eine Familien- und Drogenberatung aufzusuchen. Aber im Grunde sei das nicht genug: Hilfreich wäre es, kurzfristig und direkt auf der Station fachärztliche, psychologische beziehungsweise psychiatrische Betreuung, anzubieten, erläutert Hruska. „Leider können wir das nicht, weil die Ausstattung mit entsprechend geschultem Personal bei uns, wie überhaupt in allen Kinderkrankenhäusern, schlecht ist.“

Kevin und seiner Mutter erläutert Assistenzärztin Dr. Stefanie Meyer die Folgen maßlosen Trinkens. Sie hofft, dass der Junge künftig die Finger vom Alkohol lässt. Ein frommer Wunsch? Am Mittag wirkt Kevin noch erschlagen. Er ist blass, ihm ist noch immer speiübel. „Dem ging es so schlecht … Meistens sehen wir die Jugendlichen kein zweites Mal“, sagt die Medizinerin.



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