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Der Fall eines Blinddarmpatienten

„Rufen Sie später an, dann ist mein Notdienst zu Ende“

Rinteln (wm). Es war Samstagmorgen und ein Telefongespräch, wie es keine Mutter führen möchte: Rufzeichen! Ein Name wird genannt. „Hier Frau W., Rinteln, sind Sie der Notarzt?“ „Ja.“ „Mein Sohn klagt über starke Schmerzen im Unterleib, es wäre gut, wenn Sie ihn sich ansehen könnten.“ „Rufen Sie in 20 Minuten an, dann ist mein Notdienst zu Ende.“ Aufgelegt!

veröffentlicht am 03.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:21 Uhr

Der richtige „Notarzt“ auf dem Weg zu einem Patiente
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Er sei gerade mit dem Wagen zu einem Patienten unterwegs gewesen, schildert der Arzt aus Minden später auf Anfrage der Redaktion. Er habe an diesem Samstag für eine Kollegin aus Rinteln den Notdienst übernommen. Warum der Anruf so abrupt abgebrochen? Vermutlich, sagt der Arzt, sei die Handyverbindung abgebrochen. Zu dem Rintelner Patienten hätte er ohnehin nicht mehr fahren können, da er in diesem Moment unterwegs zu seinem letzten Hausbesuch gewesen sei und deshalb den Fall an seine Kollegin verwiesen habe. Es sei stressiger Dienst gewesen. Wegen der Grippewelle habe er mehr als 20 Hausbesuche machen müssen.

„Lebensbedrohliche Situation“

Die neue diensthabende Ärztin meldet sich nicht. Daraufhin ruft die Familie nach 20 Minuten selbst die Notarztnummer an. Am Telefon die Ärztin, die dann auch weitere 25 Minuten später bei dem Patienten erscheint. Sie hätte gerade in dem Moment anrufen wollen, als die Rintelner Mutter sich schon gemeldet hatte, erzählt der Arzt.

Helfen kann die Ärztin auch nicht, die Symptome sind unklar, sie empfiehlt eine Einweisung ins Krankenhaus. Inzwischen leidet der Sohn unter derart starken Schmerzen, dass er nicht mehr stehen kann. Der Vater führt ihn ins Rintelner Krankenhaus, dort will man erst einmal eine Überweisung des Hausarztes sehen.

Dann aber, erinnert sich der Vater, sei alles plötzlich ganz schnell gegangen, als klar wurde: Sein Sohn ist Privatpatient. Diagnose: Perforierter Blinddarm. Der junge Mann wird umgehend operiert. Der Hausarzt der Familie spricht später von einer „lebensbedrohlichen Situation“. Der Mindener Arzt, damit konfrontiert, entgegnete: Er habe das nicht als Notfall eingeordnet, weil der Fall am Telefon nicht „dramatisch“ geklungen habe, sonst hätte er sofort geraten, den Notarzt über 112 zu alarmieren.

Für den Vater stellen sich natürlich einige Fragen: Wie kommt es, dass ein Arzt aus Minden im Rintelner Bezirk Notdienst versieht? Das sei durchaus üblich, schildert Timo Schwarz von der Rechtsabteilung der Kassenärztlichen Vereinigung, dass sich Kollegen untereinander vertreten. Es ist unter Ärzten ein offenes Geheimnis, dass Gynäkologen, Hautärzte und Radiologen gerne Notdienste an erfahrende Notärzte und Allgemeinmediziner abgeben.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Hannover schickt an den Rintelner Vater ein Schreiben, in dem es unter anderem heißt: „Nach Prüfung der Sach- und Rechtslage sowie der hier vorliegenden Unterlagen können wir ein Fehlverhalten des Arztes nach Aktenlage nicht erkennen.“

Ärzte wundert das nicht. So ein Konflikt, erzählen Ärzte, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen, sei eher Alltag und beruhe auf dem grundsätzlichen Missverständnis: Bei dem ärztlichen „Notdienst“ handele es sich eher um eine „verlängerte Sprechstunde“. Um die ambulante Versorgung von nicht lebensbedrohlich Erkrankten außerhalb der regulären Sprechzeiten. Wer lebensbedrohliche Erkrankungen habe, klassischer Fall ist hier ein Herzinfarkt, sollte die 112 wählen – die Leitstelle entscheidet dann. Oder ein Kind ist schwer gestürzt, auch dann wäre das Krankenhaus die richtige Adresse – schon wegen einer Röntgenaufnahme.

Ärzte wie Notarzt Peter Oehlgrin aus Engern fürchten, dass das Konfliktpotenzial zwischen Arzt und Patienten noch wächst, wenn, wie von der Kassenärztlichen Vereinigung angekündigt, die Notarztbezirke deutlich vergrößert werden.

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