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Was ein junger Mann in und vor einer Disko erlebte / Gewaltopfer wurde vier Stunden operiert

„Raus hier, du blutest sonst noch alles voll“

Hameln. Seinen 18. Geburtstag hat Rafael H. im Kreiskrankenhaus an der Weser erlebt – bei Hühnersuppe und flüssigem Joghurt. Denn Essen und Trinken kann der schwer verletzte Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums derzeit nur mit einem Strohhalm zu sich nehmen. Sein zweifach gebrochener Unterkiefer ist verdrahtet. Wenn die Schmerzen zunehmen, eilt eine Schwester herbei, und schließt ihn an einen Tropf an. Durch einen Schlauch und eine Kanüle läuft dann ein Medikament in seine rechte Armvene. H.s Gesicht ist geschwollen, sein rechtes Auge blau, der Augapfel blutunterlaufen. Der junge Mann aus Coppenbrügge liegt seit sechs Tagen im Krankenhaus. Innerhalb von ein paar Minuten ist er Opfer zweier Gewalttaten geworden. Die erste hat sich frühmorgens in der Diskothek „Nachtschicht“ am Multimarkt in Klein Berkel, die zweite etwa eine Viertelstunde später vor dem Tanzlokal ereignet. Das Sicherheitspersonal sei Zeuge der zweiten Attacke geworden, habe für ihn aber keinen Rettungswagen angefordert, „obwohl ich darum gebeten habe“, behauptet der Schwerverletzte. Diese Aussage bestätigt Fabian M. (20), ein guter Freund des Opfers, der die Angriffe miterlebte.

veröffentlicht am 04.01.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 16:21 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Die Täter, die ihn übel zugerichtet haben, sind auf der Flucht. Auf Fotos, die in der Tatnacht in der Disko gemacht wurden, wollen Zeugen zwei mutmaßliche Schläger wiedererkannt haben. Rafaels Mutter Marion H. (54), eine Sozialarbeiterin und ehrenamtliche Predigerin, hat das Bild gestern dem 1. Fachkommissariat übergeben. Diese Abteilung des Zentralen Kriminaldienstes in Hameln ist unter anderen zuständig für Mord, Totschlag und Körperverletzungen. Noch ist Rafael H. wegen der Schwere seiner Verletzungen nicht von den Ermittlern befragt worden. Deshalb kennt die Polizei nicht alle Details. Vater Michael H. (54) – Diplom-Designer und Kommunalpolitiker – schildert, was ihm sein Sohn und Augenzeugen berichtet haben. „Zu vorgerückter Stunde, bevor Rafael mit seinen Freunden den Heimweg antreten wollte, beschloss er, noch einmal einen Rundgang durch das Lokal zu machen. Plötzlich wurde er von einem Mann gestoppt. Er reichte ihm einen Kugelschreiber und sagte provozierend: ,He, schreib mir mal die Telefonnummern von den schwulsten Typen hier im Lokal auf.‘ Rafael entgegnete darauf: ,Dann schreib doch zuerst einmal deine Nummer auf.‘ Dies war der Auslöser dafür, dass etwa fünf junge Männer auf unseren Sohn mit Fäusten einschlugen, bis er blutete.“

Begleitet von seinen Freunden, suchte der erheblich Verletzte den Toilettenraum auf. Beim Versuch, die Blutung zu stillen, sah er, dass in seinem Kiefer eine große Wunde klaffte. Ein Türsteher sei hereingekommen. Er soll Rafael H. aufgefordert haben, die Disko sofort zu verlassen. „Wir wollen hier keinen Ärger. Halte dir Papier vor den Mund, du blutest hier sonst noch alles voll“, habe der Mann zu dem Gewaltopfer gesagt, berichtet Zeuge Fabian M. – und ergänzt: „Er hat dann noch gefragt: ,Brauchst du vielleicht die Polizei oder einen Krankenwagen?’ Wir standen unter Schock. Rafael hat deshalb nur gefragt: ,Was bringt das?‘.“ Draußen lehnte sich Rafael H. an eine Wand. Er hatte starke Schmerzen. Die Schläger, die kurz zuvor die Disko verlassen hatten, sahen ihn. „Einer von ihnen nahm Anlauf und haute meinem Sohn noch einmal mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht“, berichtet der Vater. Zeuge Fabian M. nickt: „Ja, so ist es gewesen. Die Türsteher sind vielleicht drei, vier Meter hinter den Tätern hergelaufen. Mehr haben sie nicht gemacht. Sie haben weder Erste Hilfe geleistet noch Hilfe angeboten.“

Auch als Rafael die Sicherheitskräfte gebeten habe, einen Krankenwagen zu rufen, hätten die ihn einfach ignoriert, sagt Fabian M. und fügt hinzu: „Alles ging so schnell. Bei dem ersten Angriff sind wir sofort dazwischengegangen und haben Rafael geholfen. Die zweite Attacke hat keiner von uns kommen sehen.“

Einer von Rafael H.s Freunden alarmierte schließlich einen Rettungswagen. In der Notaufnahme des Kreiskrankenhauses an der Weser wurde der Verletzte sofort gründlich untersucht und in ein Computertomographiegerät geschoben. „Wir waren froh zu hören, dass unser Sohn keine Gehirnblutungen erlitten hat“, sagt der Vater, der sich seit 18 Jahren im Kirchenvorstand engagiert. Die Klinikärzte hätten allerdings eine Augenverletzung und einen doppelten Unterkieferbruch diagnostiziert. Die Operation habe vier Stunden gedauert. „Bis heute ist nicht klar, ob Rafael bleibende Schäden davongetragen hat“, sagt Michael H.. Wann der Stürmer der SG Marienau wieder Fußball spielen kann, steht in den Sternen.

Die Eltern hoffen, dass sich weitere Zeugen melden, die die brutalen Angriffe gesehen haben. Das Verhalten der Türsteher ist für Michael und Marion H. „ein Fall von unterlassener Hilfeleistung“.

Die Betreiber der Diskothek waren gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Wurde krankenhausreif geschlagen: Rafael H. Der Tatort, die Diskothek „Nachtschicht“, geriet zuletzt im Februar 2008 wegen einer Schießerei in die Schlagzeilen.Fotos: ube



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