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Rast im Knast - einmal die eiserne Kugel am Bein spüren

Petershagen (mod.) Achim Jansen steht vor Gericht. Die Anklage gegen ihn lautet: mehrmals mit seinen Freunden das Jahr über unterwegs gewesen. Diesen Vorwurf erhebt seine Frau gegen ihn. Deshalb wird er zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Was für fünf Ehepaare der Karnevalgesellschaft „De Wölese“ aus Nettetal wie ein harmloser Ausflug begann, endete schließlich im Gefängnis.

veröffentlicht am 05.04.2009 um 16:19 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:21 Uhr

Knast
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Petershagen (mod.) Achim Jansen steht vor Gericht. Die Anklage gegen ihn lautet: mehrmals mit seinen Freunden das Jahr über unterwegs gewesen. Diesen Vorwurf erhebt seine Frau gegen ihn. Deshalb wird er zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Was für fünf Ehepaare der Karnevalgesellschaft „De Wölese“ aus Nettetal wie ein harmloser Ausflug begann, endete schließlich im Gefängnis.
 Am Samstagmorgen luden die fünf Frauen ihre Männer übers Wochenende ein. „Es hieß: Wir fahren eben mal 200 Kilometer weg“, erinnert sich Paul Lienen. Als sie vor dem Gefängnis im Alten Amtsgericht in Petershagen stehen, gehen allen die Augen auf: Es erwartete sie eine Übernachtung der besonderen Art. Denn das Gefängnis aus dem Jahr 1913 wurde für Touristen renoviert. Doch bevor sich die fünf Männer in der Zelle in die Etagenbetten legen – die Frauen übernachten lieber im Hotel – , wartet auf sie ein spezielles Programm.
Kleidung – ganz im
typischen Streifen-Look

 Die „Gerichtsverhandlung“ im historischen Schöffensaal des Alten Amtsgerichts und die „Verhaftung“ der fünf Männer übernahm Martin Humcke, Wirt und Pächter der Gaststätte im Alten Amtsgericht „Neue Stadtmitte“. „Wir haben uns überlegt, was der andere verbrochen haben könnte, während wir mit Handschellen gefesselt dastanden“, erzählt Paul Lienen. Als „Häftlinge“ erhielten sie die passende Kleidung: Oberteil, Hose und Mütze – alles im typischen Streifen-Look. Zu fünft bekamen sie eine „Zelle“ zugewiesen, ausgestattet mit drei Etagenbetten, zwei Schränken einem Tisch und drei Stühlen.
 Schon bald hatten sie „Freigang“. „Dazu mussten wir die Zahlen-Kombination vom Zellen-Schloss und der Gefängnistür erraten“, erzählt Jansen. Draußen im Gefängnishof bekamen die „Häftlinge“ eine Kette mit einem Holzbrett an die Hand. Auf diesem Brett mussten sie ein Wasserschälchen balancieren. Auch ihre Frauen haben die „Knast-Prüfung“ mitgemacht, erzählt Lienen. Dazu gehört unter anderem, mit dem Mund ein Stück Brot zu essen, das auf einem Wasserbecher liegt, während die Hände auf dem Rücken gefesselten sind. „Das war schon interessant“, sagt Lienen. „Manche konnten das so gut. Da dachte ich mir, dass die das irgendwo gelernt haben.“
 Auch ein „Gefängnisausbruch“ stand auf dem Plan. „Aber unsere Fluchtversuche scheiterten“, gibt ein Teilnehmer zu. Nach Aushändigung der Urkunde für die bestandene „Knastprüfung“ sei er froh gewesen, in die Kneipe gehen zu können. Dort wartete die „Henkersmahlzeit“ auf die fünf „Gefangenen“ und ihre Frauen. Von dem Drei-Gänge-Menü schwärmt Paul Lienen noch immer: „Wir hatten eine Hühnersuppe als Vorspeise, Schweinefilet und Hähnchenbrust mit Beilagen am Buffet und als Dessert Eis.“ Von dem Kellner war er auch sehr angetan. Der hat den „Gefangenen“ lange nach dem Essen noch das Bier in die „Zelle“ gebracht. Ab diesem Zeitpunkt seien sich die Männer alle einig gewesen: „Wir sind wieder versöhnt mit unseren Frauen.“
 Geschlafen haben sie dann doch etwas anders als gewohnt. „Wenn drei von fünf Männern extreme Schnarcher sind, hallt das in so einer Zelle natürlich wider“, erzählt Lienen. Das allein sei schon eine „Bestrafung“ für ihn gewesen. Sein „Zellenkumpan“ Achim Jansen sei gar mitten in der Nacht in die Nachbarzelle ausgewandert, weil ihm das Schnarchen zu laut gewesen ist. „Solche Situationen kennen wir als Alt-Pfadfinder von den Jugendherbergen, aber das sind wir nicht mehr gewohnt“, sagt Lienen grinsend. Ein wesentlicher Unterschied zum Pfadfinder-Zeltlager mit seinem Donnerbalken sei im „Knast“ die gemeinsame Nasszelle. Neben diesem Komfort sei die „Zelle“ auch beheizbar.
 „Das ehemalige Gefängnis ist zwar kein First-Class-Hotel, aber dafür eine urige Übernachtungsmöglichkeit“, beschreibt Gaby Müller die Unterkunft. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins „Rast im Knast e.V.“, der 1993 begann, das Gefängnis aus dem Jahre 1913 zu renovieren. Zu diesem Zeitpunkt fehlten in Petershagen Übernachtungsmöglichkeiten für Radfahrer.
Die Vereinsmitglieder haben das Gefängnis, das unter Denkmalschutz steht, von der Stadt gepachtet und renoviert. „Dabei mussten wir es mit diversen Auflagen möglichst erhalten“, betont die Geschäftsführerin. Finanzielle Unterstützung erhielten sie von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung. „Drei Jahre lang haben wir von oben bis unten renoviert“, erzählt Müller. Betten, Schränke, Sanitäranlagen und die Heizung sind neu. Geblieben sind die original Zellentüren mit Guckloch für den Wärter und die dicken Wände. „Vereine können da nachts richtig Remmidemmi machen“, versichert die Geschäftsführerin. Das ehemalige Gefängnis ist als Übernachtungsmöglichkeit in Nordrhein-Westfalen einzigartig, bestätigt Jens Ofiera vom Tourismus NRW e.V. in Köln.
 Aus allen Bevölkerungsschichten kommen seine Gäste, betont Martin Humcke, Wirt und Pächter der Gaststätte „Neue Stadtmitte“. Sie befindet sich ebenfalls im Alten Amtsgericht und dient den „Gefängnis-Gästen“ als Speiselokal und als Cafeteria. „Hauptsächlich übernachten Radfahrer im ehemaligen Gefängnis. Unser ältester Gast war eine 79-jährige Dame“, erzählt Humcke. Wer es sich anders überlegt und es doch nicht in der Zelle aushält, könne auf die Pension „Rathaus“ gegenüber ausweichen. „Aber die meisten fahren morgens freudestrahlend wieder weiter“, berichtet der Wirt.

 4 Gefängnis im „Alten Amtsgericht“: Mindener Str. 16, 32469 Petershagen.
 4 Anmeldung: Gaststätte Neue Stadtmitte, Tel. 05707/800-120, Mobil 0177/7111161

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