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Gutachten über Gutachten

Prozess gegen „Folterpaar von Höxter“: Nur kleine Fortschritte

BOSSEBORN/PADERBORN. „Gehen Sie auch nach Bosseborn?“ lautet eine häufige Frage auf den Gerichtsfluren in Paderborn. Dieses eine Wort genügt, den Prozess zu benennen, der als einer der spektakulärsten in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen dürfte. Zurzeit ist er vor allem eines: zeitaufwendig. Denn das Strafverfahren gegen das „Folterpaar von Höxter“ ist ein Prozess der kleinen Schritte geworden. Auch wegen der Gutachten.

veröffentlicht am 06.05.2018 um 16:24 Uhr
aktualisiert am 07.05.2018 um 10:00 Uhr

Die Angeklagten Angelika W. (4. v. li.) und Wilfried W. (3. v. re) stehen im Schwurgerichtssaal vom Landgericht Paderborn beim Einzug des Gerichts. Die Angeklagten sollen über Jahre hinweg mehrere Frauen in das Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort

Autor:

Ulrich Pfaff
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Mittlerweile sind seit September 2016 45 Verhandlungstage vergangen, in denen es am Landgericht Paderborn um die Vorwürfe gegen Wilfried und Angelika W. geht. War es Mord durch Unterlassen, als sie zwei Frauen in dem Haus im Saatweg in Bosseborn psychisch und körperlich so gequält haben, dass diese schließlich starben?

Mit Spannung erwarten die Prozessbeteiligten wie die Öffentlichkeit das psychiatrische Gutachten über die beiden Angeklagten. Die renommierte Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh, bis vor wenigen Tagen Leiterin der Forensischen Psychiatrie in Eickelborn, wird nach Planung des Schwurgerichts die Ergebnisse ihrer Untersuchung Anfang Juli vorstellen. Ursprünglich hatte der Regensburger Psychiater Professor Michael Osterheider den Angeklagten Wilfried W. begutachtet – aber Osterheiders desaströser Auftritt im Zeugenstand, der geprägt war von Widersprüchen und Unklarheiten, hatte Ende vergangenen Jahres den Prozess erheblich ins Schlingern gebracht. Osterheider meldete sich auf unbestimmte Zeit krank, Saimeh wurde als neue Gutachterin verpflichtet. Das dürfte das Verfahren ein gutes halbes Jahr Zeit gekostet haben.

Im Fall der toten Susanne F. aus Bad Gandersheim will das Schwurgericht noch einmal tiefer schürfen und deren Todesursache erneut untersuchen lassen. Die bizarren Umstände des Todes von Susanne F. brachten den ganzen Kriminalfall erst ins Rollen: Denn die beiden Angeklagten, das Ex-Ehepaar W., hatten Ende April 2016 versucht, die sterbende Frau in deren Wohnung nach Bad Gandersheim zu schaffen – wie Angelika W. vor Gericht sagte, „bevor die uns abnippelt.“ Das Auto hatte unterwegs eine Panne, der Notarzt brachte Susanne F. nach Northeim ins Krankenhaus, wo sie kurz darauf starb. Die angeblichen Bekannten W. gerieten so ins Visier der Ermittler. Was Susanne F. im „Horror-Haus“ zugestoßen war, glaubte der Göttinger Gerichtsmedziner Professor Dr. Wolfgang Grellner festgestellt zu haben: Die Frau habe ein stumpfes Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Grellner sieht die Ursache für die Hirnverletzung in einer Schubserei mehrere Tage vor dem Tod von Susanne F. im Haus in Bosseborn: Die 41-Jährige sei, so hatte es Angelika W. in einer früheren Aussage dargestellt, dabei gegen einen Schrank gestürzt. Susanne F. wäre selbst bei schneller ärztlicher Hilfe mit hoher Wahrscheinlichkeit an den Verletzungen gestorben, so der Rechtsmediziner. Eine ganz andere Schlussfolgerung zog der Münsteraner Neurochirurg Walter Stummer, den die Staatsanwaltschaft im Laufe des Prozesses mit der Untersuchung hinsichtlich Susanne F. beauftragt hatte. Er hatte unter anderem auch den Obduktionsbericht Grellners ausgewertet und kam zu dem Ergebnis, dass die 41-Jährige bei rechtzeitiger „adäquater“ Behandlung „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte gerettet werden können“. Die gutachterlichen Widersprüche will das Schwurgericht klären: Jetzt wurde zum dritten Mal ein Mediziner beauftragt, die Verletzung und ihre Folgen zu bewerten. Denn für das Gericht hängt es vom Ergebnis der Gutachten ab, ob der Tod von Susanne F. als versuchter oder vollendeter Mord zu werten ist.

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