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Dokumentationsstätte Bückeberg

„Propaganda“ in großen Buchstaben

HAGENOHSEN. Von 1933 bis 37 war es ein Ort inszenierter NS-Propaganda. Nun soll der Bückeberg Dokumentations- und Lernstätte werden. Eine Jury unter Vorsitz von Landrat Tjark Bartels hat einen Entwurf für das „historisch-topografische Informationssystem“ ausgewählt, den Historiker Bernhard Gelderblom präsentierte.

veröffentlicht am 24.08.2017 um 21:36 Uhr
aktualisiert am 24.08.2017 um 22:11 Uhr

Der Schriftzug markiert den einstigen Standort der Rednertribüne. Illustration: Jung/Ermisch/Dröge+Kerck
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Ein Steg, acht Informationsinseln, ein großer Schriftzug dort, wo einst die Rednertribüne aufgebaut war: So soll am Bückeberg die Historie des Ortes als Schauplatz der „Reichserntedankfeste“ der Nationalsozialisten aufgearbeitet werden.

Von 1933 bis 37 war es ein Ort opulent inszenierter NS-Propaganda. Nun soll der Bückeberg in Hagenohsen Dokumentations- und Lernstätte werden. Und allmählich wird das Projekt handfest: Eine Jury unter Vorsitz von Landrat Tjark Bartels hat einen Entwurf für das – Vorsicht: Wortungetüm – „historisch-topografische Informationssystem“ ausgewählt, den Historiker Bernhard Gelderblom jetzt präsentierte.

Sperrig ist der Begriff des Geplanten, das Ergebnis soll es gerade nicht werden. Es solle behutsam und zurückhaltend mit dem Gelände umgegangen werden, versichert Gelderblom, Vorsitzender des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln. Gemähte Graswege führen im Zickzack über das Areal, so der siegreiche Entwurf einer Arbeitsgemeinschaft. Acht Inseln werden auf dem einstigen Versammlungsgelände verteilt. Auf Schotterrasen sollen dort wetterfeste Info-Module installiert werden. „Idee, Funktion, Organisation und Ablauf des ,Festes‘“, „Ästhetik der Gewalt“ oder auch „Rezeption damals und nach 1945“ könnten dort Oberthemen lauten. Der Platz soll „mit seinen Dimensionen und Spuren lesbar“ gemacht, heute und Historie vergleichbar werden erklärt das Planer-Team des Entwurfs, bestehend aus Martina Jung, dem Büro für Gestaltung Ermisch sowie den Landschaftsarchitekten Dröge + Kerck – allesamt aus Hannover.

Medieninszenierung: Adolf Hitler beim Reichserntedankfest am Bückeberg. Foto: Archiv
  • Medieninszenierung: Adolf Hitler beim Reichserntedankfest am Bückeberg. Foto: Archiv
er einstige Versammlungsort am Bückeberg: Gemähte Graswege sollen zu „Inseln“ mit Informationstafeln führen – ein Wegenetz von etwa zwei Kilometern Länge. Über die Tribünenreste am oberen Rand des Geländes soll ein Steg gelegt werden. Illustration: J
  • Der einstige Versammlungsort am Bückeberg: Gemähte Graswege sollen zu „Inseln“ mit Informationstafeln führen – ein Wegenetz von etwa zwei Kilometern Länge. Über die Tribünenreste am oberen Rand des Geländes soll ein Steg gelegt werden. Illustration: Jung/Ermisch/Dröge+Kerck

Die wohl auffälligsten Bauarbeiten sollen an den Enden des länglichen Areals stattfinden: Von der „Diplomatentribüne“ am oberen Rand sind noch – auf etwa 100 Metern Länge – die Betonfundamente erhalten. Über ihnen soll ein Steg errichtet werden. Die längst alles überwuchernden Bäume werden ausgedünnt. Einen „Kahlschlag“ werde es jedoch nicht geben, sagt Gelderblom. Den erhöhten Mittelweg – einst „Führerweg“ – hinab wäre von dort oben dann der Blick frei auf den Platz der einstigen Rednertribüne. Genau an jener Stelle, auf dem Ackerland jenseits des heutigen Feldweges, soll ein Schriftzug errichtet werden: „PROPAGANDA“ – etwa vier Meter hoch, circa 15 Meter lang.

Über Details des Entwurfs führten der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte mit den Planern nun noch Gespräche, sagt Gelderblom. Er könnte sich etwa noch eine kleine Plattform vorstellen, um die einstigen großen Erdbewegungen anhand der Böschung am Ostrand des Geländes deutlich zu machen.

Doch diese Gespräche sind nicht das einzige, was nun den Kalender des Vereinsvorsitzenden füllt. Da ist zunächst die Geldfrage: 350 000 Euro soll das Projekt kosten. Etwa die Hälfte will die bereits eingebundene Stiftung niedersächsische Gedenkstätten tragen. Auch der Landkreis habe Mittel zugesagt, doch in der Summe fehlten noch 120 000 Euro, die Gelderblom – wohl vor allem bei Stiftungen – einsammeln muss. Als künftiger Träger der Dokumentation am Bückeberg soll eine gemeinnützige GmbH gegründet werden, Hauptgesellschafter: der Landkreis. Im Sommer 2018 soll es losgehen, hofft der Hamelner Historiker: mit der gGmbH wie auch mit den Bauarbeiten.

Mein Standpunkt
Frank Henke
Von Frank Henke

Ein alberner Zustand: Unter Denkmalschutz steht das Areal seit sechs Jahren. Doch Hinweise oder Erklärungen zur Geschichte des Bückeberges gibt es vor Ort keine. Der Entwurf, der das endlich ändern soll, überzeugt. Zumal das Wort „Propaganda“ international gerade mal wieder eine so unangenehme Aktualität gewonnen hat…



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