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Studieren ohne Abitur

Philipp Garbe bringt Job, Studium und Familie unter einen Hut

WESERBERGLAND. Philipp Garbe studiert Betriebswirtschaftslehre – wie etwa 240 000 andere in Deutschland. Aber der 31-Jährige gehört zu den nur rund drei Prozent, die dafür den sogenannten dritten Bildungsweg einschlagen. Sein Studium absolviert er berufsbegleitend an der HAWK in Holzminden.

veröffentlicht am 09.03.2019 um 10:00 Uhr

Philipp Garbe startet ins sechste Semester seines BWL-Studiums an der HAWK in Holzminden. Foto: hawk

Autor:

Gabriele Müller
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Wenn Papa „Schule machen muss“, dann muss das gemeinsame Spielen erst mal warten. Aber meist nur bis zum nächsten Tag. Denn die Balance zwischen Studium und Familie, zwischen Studium und Beruf, ist Philipp Garbe sehr wichtig. Dadurch werden seine Tage oft lang und anstrengend, aber das lohnt sich.

Philipp Garbe studiert Betriebswirtschaftslehre – wie etwa 240 000 andere in Deutschland. Aber der 31-Jährige gehört zu den nur rund drei Prozent, die dafür den sogenannten dritten Bildungsweg einschlagen. Das heißt, Philipp Garbe hat seine Hochschulzugangsberechtigung über berufliche Qualifikation erlangt. Abitur hat er nicht, aber die Fachhochschulreife. Die Motivation zum Studium kam von ihm selbst: „Mein Ziel ist, mich mit dem Bachelorabschluss für eine höhere Position mit mehr Verantwortung zu qualifizieren.“ Vor Beginn seines Studiums hat Garbe fünf Jahre Berufserfahrung gesammelt. Zurzeit arbeitet er im Landkreis Holzminden bei einem Betrieb mit 900 Mitarbeitern.

Sorge, dass er es im Studium durch das fehlende Abitur schwerer haben könnte, hatte der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann nicht. „Ich sehe keinen Nachteil darin“, meint er. „Zwar können sich Kommilitonen mit einer Aufstiegsfortbildung wie zum Beispiel dem Handelsfachwirt grundsätzlich einzelne Leistungen auf das Studium anrechnen lassen, aber ich befinde mich ganz normal in der Regelstudienzeit und bin mir sicher, dass ich das Studium in den vorgesehenen neun Semestern abschließen werde.“

Studenten des ersten Semesters verfolgen an der Technischen Universität eine Vorlesung. Foto: pixabay

Garbe studiert Betriebswirtschaft berufsbegleitend an der HAWK in Holzminden. Der Online-Studiengang bietet ihm die optimalen Bedingungen, um das Studium neben dem Vollzeit-Job absolvieren zu können. Die Online-Vorlesungen besucht er von Zu Hause aus, für die monatlichen Präsenzveranstaltungen muss er von seinem Wohnort im Landkreis Holzminden aus nicht weit fahren. So gelingt das Zeitmanagement am besten. „Das ist für mich die größte Herausforderung“, verrät der zweifache Vater. „Familie und Beruf mit dem Studium so unter einen Hut zu bringen, dass sich keiner zurückgesetzt fühlt. Ohne den Rückhalt meiner Familie, besonders von meiner Frau, würde ich das nicht schaffen. Natürlich muss man lernen und sich dazu immer wieder selbst motivieren, das ist klar. Aber das ist im Grunde Fleißarbeit.“

Und das Lernen macht ihm richtig Spaß. „Das liegt vor allem an den Dozenten“, berichtet Garbe. „Sie bringen den Stoff sehr gut rüber und schaffen es, dass man ihnen gerne zuhört. Dadurch werden trockene Fächer, zum Beispiel Buchführung, nicht langweilig.“ Was er im Studium lernt, kann er direkt im Job anwenden: „Die Brown-Paper-Session zum Beispiel, eine Methode des Prozessmanagements, konnte ich bereits selbst nutzen und damit Kollegen helfen.“ Auch in rechtlichen Fragen fühle er sich sattelfester und habe dadurch Vorteile im Arbeitsalltag.

Gut die Hälfte seines Studiums hat Garbe bereits geschafft, und sein Ziel hat er nach wie vor fest vor Augen. Mit dem Studienabschluss möchte er aufsteigen, am liebsten in eine Position im strategischen Einkauf. Auch Vertragsverhandlungen reizen ihn. Seine Chancen schätzt er gut ein – auch ohne Abitur. „Es spricht für meine Einsatzbereitschaft und meinen Arbeitswillen, dass ich mich selbstständig weiterqualifiziere“, sagt er. „Und wenn ich den Abschluss erst mal habe, fragt keiner mehr danach, ob ich Abitur habe oder nicht.“

Information

Ohne Abi an die Hochschule?

Studieren ohne Abitur? Was früher undenkbar war, machen mittlerweile immer mehr Berufstätige. Möglich ist es mittlerweile in allen Bundesländern. Wer sich dafür interessiert, muss aber sorgfältig recherchieren. Die Zulassungsvoraussetzungen variieren. Kim-Maureen Wiesner vom Bundesinstitut für Berufsbildung gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Für wen ist das etwas? Ein Studium ohne Abi kommt infrage, wenn jemand eine Aufstiegsfortbildung wie den Meister oder Techniker gemacht hat. Eine andere Möglichkeit ist, dass Berufstätige eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und mindestens zwei oder drei Jahre Berufserfahrung haben. Die Voraussetzungen variieren laut Wiesner aber je nach Bundesland. Einige Hochschulen fordern zusätzlich eine Eignungsprüfung. Einen guten Überblick bietet die Seite www.studieren-ohne-abitur.de des Centrums für Hochschulentwicklung.

Wo können Interessierte sich informieren? Viele Hochschulen bieten inzwischen spezielle Studienberatungen für Menschen an, die ohne Abi an die Hochschule wollen. Das ist vor allem sinnvoll, wenn man schon weiß, welche Hochschule für einen infrage kommt. Daneben gibt es die Möglichkeit, sich bei den Agenturen für Arbeit oder bei den Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern zu informieren. Außerdem gibt es regionale Beratungsangebote wie die Servicestelle offene Hochschule Niedersachsen.

Wie viel zeitlichen Vorlauf brauchen Berufstätige? Man sollte laut Wiesner mindestens ein Jahr einplanen. So lange brauchen Berufstätige, um Infos zu sammeln, die Finanzierung zu klären und die Bewerbung fertigzustellen.

Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es? Berufstätige werden in vielen Fällen kein BAföG bekommen, sagt Wiesner. In der Praxis unterstützten viele Arbeitgeber Berufstätige bei ihrem Wunsch, ohne Abi an die Uni zu gehen. Außerdem gibt es spezielle Stipendien für diese Zielgruppe, etwa von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Und es gibt oft die Option, einen Studienkredit aufzunehmen. dpa



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