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Viele Altenheime werben gezielt Fachkräfte aus dem Ausland an

Pfleger vom Balkan gesucht

HAMELN-PYRMONT. Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben – in der Altenpflege ist das wegen des Fachkraftmangels in den letzten Jahren schon fast Normalität geworden. Auch Thomas Erbslöh, Leiter des DRK-Seniorenstifts Aerzen, bemüht sich um Altenpfleger aus Serbien und Bosnien-Herzegowina, denn der Arbeitsmarkt für die Branche ist in Deutschland wie leergefegt.

veröffentlicht am 09.10.2017 um 20:13 Uhr
aktualisiert am 25.10.2017 um 13:45 Uhr

In der Pflege herrscht Arbeitskräftemangel. Deswegen werden immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben. Foto: dpa
Jens Spickermann

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Im Gegensatz zu manch anderen Arbeitgebern oder Agenturen hat er sich jedoch selbst ins Flugzeug gesetzt, um in den Balkanländern nach Bewerbern für die DRK-Altenheime in Aerzen und Bad Münder Ausschau zu halten. Gefunden hat er dabei unter anderem Nemanja Vesic, der seit Mitte September in Aerzen eine neue Heimat gefunden hat.

Der 24-jährige Serbe strahlt – er hat es geschafft: Nach zweijähriger Vorbereitung ist er in Deutschland angekommen und hat einen festen Job als Pflegekraft in dem Aerzener Seniorenstift. „Ich bin begeistert und habe nichts Schlechtes zu sagen“, erzählt der 24-Jährige aus Belgrad. Eine feste Stelle in seinem Beruf konnte er in Serbien nicht finden, trotz vierjähriger Ausbildung mit staatlicher Abschlussprüfung. Die Wirtschaft dort befindet sich in einer Dauerkrise – in der Hauptstadt liegt die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent. Wer doch einen Job findet, verdient meist nur zwischen 250 und 300 Euro. Zum Leben reicht das nicht. Zum ersten Mal ist Erbslöh im Frühjahr 2015 mit DRK-Heimleitern aus fünf weiteren Landkreisen nach Belgrad und Sarajewo geflogen, ein weiteres Mal war er im vergangenen April dort. „Ich finde es wichtig, zu sehen, was vor Ort vorliegt“, sagt er. Nachdem die Kreisgeschäftsführertagung des DRK die Auslandsanwerbung beschlossen hatte, kamen ihm selbst einige Bedenken – der Vorwurf „Menschenhandel“ steht in einem solchen Kontext schnell im Raum. Doch das „Projekt Triple Win“, an dem die Bundesagentur für Arbeit und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit beteiligt sind, arbeitet seriös. Inzwischen haben die Kreisverbände zusammengenommen zirka 40 Serben und Bosnier angeworben.

Doch es wird nicht jeder genommen: Voraussetzung für die ausländischen Bewerber sind Deutschkenntnisse sowie eine Ausbildung mit staatlicher Prüfung in der Pflege. Wer ins Programm aufgenommen wurde, absolviert zunächst einen Pflegefachkurs in seinem Heimatland, in dem die deutsche Arbeitsweise in der Pflege vermittelt wird, danach erfolgen erst die Vorstellungsgespräche mit potenziellen Arbeitgebern. In Deutschland arbeiten die neuen Mitarbeiter trotz ihrer Ausbildung zunächst sechs Monate als Pflegehelfer, machen dann einen fünfmonatigen Anerkennungskurs bei der IHK und dürfen sich schließlich nach einer bestandenen Abschlussprüfung als examinierte Altenpfleger bezeichnen.

Mitte September ist Nemanja Vesic (li.) aus Serbien nach Deutschland gekommen. Thomas Erbslöh hat ihn angeworben. Foto: jsp
  • Mitte September ist Nemanja Vesic (li.) aus Serbien nach Deutschland gekommen. Thomas Erbslöh hat ihn angeworben. Foto: jsp

„Könnten Sie sich wirklich vorstellen, morgen mit nur zwei gepackten Koffern in Deutschland anzukommen“, das fragt Erbslöh die vielen Bewerber immer in den Vorstellungsgesprächen. Dass die Auswanderung nach Deutschland eine große emotionale Belastung darstellt, erfuhr er noch kürzlich: Eine serbische Mitarbeiterin hielt das Heimweh nicht mehr aus und reiste nach Hause. Ins kalte Wasser geworfen werden die Neuankömmlinge aber nicht: Für Vesic und drei weitere Serben, die in Kürze kommen werden, hat das DRK eine Wohnung organisiert, die sie natürlich selbst bezahlen, Lebensmittel eingekauft und einen Mentor zur Seite gestellt.

Nicht alle Arbeitgeber fliegen jedoch selbst in die Heimatländer der Pflegekräfte, manche beauftragen auch Agenturen, die die Arbeitskräfte direkt nach Deutschland vermitteln, wie die EU-Krankenpflege GmbH & Co. KG. Leider würden sich unter den Dienstleistern auch „Cowboys“ befinden, die wenig seriös sind, heißt es von der Agentur, die Pflegekräfte über Mitarbeiter vor Ort aus Osteuropa und den Philippinen anwirbt. Sie ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter in dieser Branche.

Mein Standpunkt
Jens Spickermann
Von Jens Spickermann

In manchen sogenannten „Drittstaaten“ gibt es viele gut ausgebildete Fachkräfte, aber keine Jobs. Es liegt nahe, ihnen als dringend benötigte Pflegekräfte in Deutschland eine Chance zu geben. Eine tarifliche Bezahlung und die Seriosität der Vermittler (wie es bei den Anwerbungen des DRK wohl der Fall ist) sollte jedoch sichergestellt werden.

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