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Als Fritz noch mit der Panzerfaust spielte

Museum gibt mit „Kinderwelten“ Einblicke in die Evolution des Kindseins

BAD MÜNDER. Der Horst, nennen wir ihn hier einfach mal so, war das, was in früheren Zeiten gerne als „Lümmel“ bezeichnet wurde. Gleich mehrfach taucht er im Klassenbuch der Klasse 2 von 1956/57 auf. Sein Lehrer hat all seine größeren und kleineren Vergehen aufgeschrieben.

veröffentlicht am 10.09.2021 um 13:00 Uhr

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Die Strafe: Je nach Schwere der Verfehlung ein bis vier „Stockschläge auf das Gesäß“. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Kindheit zumeist kein Zuckerschlecken – das macht die neue Ausstellung „Kinderwelten“ im Museum für Stadt- und Regionalgeschichte im Wettbergschen Adelshof deutlich. Die „Kinderwelten“ beleuchten die Kindheit vom Kaiserreich bis hin zu den ersten Jahren der Bundesrepublik. Das Museumsteam hat für die Aufarbeitung auf zwei Quellen gesetzt: Zum einen ist es Spielzeug, zum anderen sind es die Schilderungen von Zeitzeugen. Und da wird schnell deutlich, dass die schönen, alten Spielzeuge, die wir heute oft bewundern, nicht unbedingt repräsentativ für das Gros der Bevölkerung waren: Den Metallbaukasten musste man sich erst einmal leisten können, ebenso den Teddy von Steiff oder die Spielesammlung. Ärmere Bevölkerungsschichten improvisierten: Wo es schon am Nötigsten fehlte, da wurde das Mühle-Spiel auf einen Karton gemalt, der Fußball bestand aus einem Bündel Lumpen und die selbstgemachte Puppe aus Heu. Viel Einfallsreichtum bewiesen die Kinder bei der Erfindung neuer Spiele. Unbeaufsichtigt konnte das auch schon mal schnell gefährliche Züge annehmen. So berichtet der Junge Fritz in einem der Begleittexte zu den Kinderspielen nach dem Krieg: „Hier im Wald hatten wir auch einen Trommelrevolver gefunden und damit gespielt. Wir haben alles getroffen, nur nicht das Ziel! Munition gab es im Wald genug, auch Ketten vom Maschinengewehr.“ Weiter berichtet Fritz: „Auch der Kopf einer Panzerfaust ohne Stiel gehörte zu unserem Beutegut. Ich bin daraufhin nach Haus gelaufen, habe die große Kneifzange vom Opa geholt und wir haben die Verbördelung am Kopf aufgemacht.“ Fritz hat es offensichtlich überlebt, aber der Besucher malt sich die schlimmsten Szenarien aus. Durch die Begleittexte ist es dem Museumsteam gelungen, die Exponate mit Emotionen zu verbinden.

„Wir haben versucht, die verschiedensten Aspekte des Kindseins zu beleuchten, auch Kinderarbeit, Armut, Flucht, Vertreibung und Schule. Zielgruppe sind Großeltern, Eltern und Kinder“, sagte Dr. Kai Witthinrich im Gespräch. Der 61-Jährige hat jetzt die Nachfolge von Michael Meier als Museumsleiter angetreten, der sein Amt nach knapp 40 Jahren niedergelegt hat. Für das Museum war die Eröffnung der Ausstellung zugleich der erste Schritt zurück in die Öffentlichkeit nach der Corona-Zwangspause. Die Ausstellung „Kinderwelten“ ist noch bis zum Saisonende am 3. Advent zu sehen. Geöffnet ist das Museum sonntags von 14 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. In der Woche sind Führungen nach Absprache möglich. Mit Beginn der neuen Saison im April 2022 soll die Ausstellung weiterlaufen. Wenn es die Corona-Situation zulässt, eröffnet das Museum dann auch den Spieleraum für Kinder. Kinder der Grundschule Bad Münder haben die Ausstellung vorab besucht und einen Podcast produziert, der auf der Homepage www.museum-badmuender.de verlinkt ist.



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