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46-jährige Hamelnerin täuscht Freunde, Behörden, Jägerschaft und die Öffentlichkeit

Mit dem Wolf einen Bären aufgebunden

Weserbergland. Sie hat alle zum Narren gehalten, Freunde, Behörden und die Öffentlichkeit getäuscht. Seit Donnerstagabend steht fest: Die 46 Jahre alte Hamelnerin hat gelogen, als sie sagte, sie habe bei Völkerhausen einen Wolf fotografiert. Das angeblich von ihr mit einem Zoom-Handy aufgenommene Bild stammt von der Internetseite der Dienststelle für Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern in der Schweiz (wir berichteten). Es wurde am 14. April 2009 um 2.19 Uhr von einer automatischen Fotofalle im Pilatusgebiet aufgenommen und zeigt einen Wolfsrüden, der aus dem Wallis eingewandert ist.

veröffentlicht am 20.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:41 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Im Gespräch mit der Dewezet gesteht die Krankenschwester: „Ich habe Bockmist gebaut, ich fühle mich echt scheiße.“ Gleichzeitig schwört die Frau: „Ich habe in den letzten acht Wochen zweimal einen Wolf gesehen. Ich bin keine Lügnerin.“ Für die hätten sie aber alle gehalten, als sie von ihrer ersten Begegnung mit einem wolfsähnlichen Tier berichtet habe, sagt die Hamelnerin. „Der Wolf ist direkt vor mir zwischen Voremberg und der Hastenbecker Kreuzung über die Straße gelaufen. Das stimmt wirklich.“ Als sie ihren Bekannten davon berichtete, habe sie nur Spott geerntet. „Jeder hat sich über mich lustig gemacht. Einer habe sogar gefragt: ,Wie viel Grappa hattest du denn intus?‘.“ „Ich kassierte von da an immer wieder dumme Sprüche.“ „Na, mal wieder einen Wolf gesehen?“, hätten ihre Freunde gelästert. Das habe sie belastet. „Es ist mir tierisch auf den Nerv gegangen.“ Nach ihrer zweiten Wolfssichtung am Hellberg bei Völkerhausen will sich die 46-Jährige einem Bekannten anvertraut haben. „Der ist dann auf die Idee gekommen, den Lästermäulern ein Foto unter die Nase zu halten. Wir dachten, die glauben mir dann endlich – und die Nerverei hat ein Ende.“ Der Bekannte habe ihr erzählt, er habe ein gutes Bild in einem Tierpark gemacht. „Dass es aus dem Internet stammt, wusste ich nicht.“

Die Hamelnerin wollte eigenen Angaben zufolge auch nicht, dass das Foto weitergegeben wird. „Durch einen dummen Zufall ist es dann aber doch passiert. Meine Schwester hat einem Wolfsexperten im Saupark erzählt, dass ich einen Wolf fotografiert habe. Der wollte das Bild unbedingt anschauen – und ich habe es ihm gezeigt.“ Die ganze Geschichte habe sich immer mehr verselbstständigt. Für das, was eigentlich nur für den engen Freundes- und Bekanntenkreis bestimmt war, interessierten sich plötzlich Experten des Landes. „Ich wurde gebeten, den Leuten die Stelle zu zeigen, an der mir der Wolf begegnet war. Ich kam da nicht mehr raus. Mit so einem Rummel hatte ich doch nicht gerechnet.“ Die Öffentlichkeit habe sie nicht gesucht.

Bastian Reutlinger aus Bisperode hat den Betrug aufgedeckt. Er hat im Internet gegoogelt – und einen Zufallstreffer gelandet. „Im Netz bin ich auf das Foto aus Luzern gestoßen“, erzählt der 33-Jährige.

Noch am selben Abend wählte Reutlinger die in der Dewezet angegebene Telefonnummer einer Mitarbeiterin der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Es dauerte nicht lange, bis Dr. Egbert Strauss vom Wildbiologischen Institut der Tierärztlichen Hochschule der Presse mitteilte: „Das Foto ist vermutlich gefälscht.“

Die Wolfsexpertin Bärbel Pott-Dörfer vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz sagt im Gespräch mit der Dewezet, sie habe pflichtgemäß die Naturschutzbehörde, die Kreisjägerschaft und das Umweltministerium über die angebliche Wolfssichtung im Weserbergland informiert. „Man muss jederzeit damit rechnen, dass ein Wolf in Niedersachsen auftaucht. Insofern sei die Meldung der Hamelnerin nicht ungewöhnlich gewesen. Allerdings war Skepsis angebracht. „Dass der fotografierte Wolf völlig entspannt durchs Bild läuft und nicht in die Kamera guckt, ist merkwürdig. Und dass er kein Sommerfell hat, ist seltsam.“ Außerdem sei auf dem Bild kein junger Wanderwolf zu sehen. „Wir hatten schon eine diffuse Vorstellung davon, dass da etwas nicht stimmt, aber es war nicht belegbar.“ Recherchen in Sachsen hätten das Bauchgefühl bestätigt. Zudem seien am Ort des Geschehens weder Riss- noch Schleifspuren oder Überreste eines getöteten Tieres wie Haare oder Knochen entdeckt worden. „Das ist uns komisch vorgekommen. Die Information über den Wolf im Weserbergland sei leider viel zu früh durchgesickert. „Wir waren noch mitten in der Recherche.“ Auf die Idee, ins Internet zu schauen, ist die Behörde nicht gekommen. „Ja, wir hätten das tun können“, räumt Bärbel Pott-Dörfer ein – und fügt hinzu: „Wir können nicht an alles denken, haben ja auch noch viele andere Dinge zu tun.“

Der Krankenschwester aus Hameln, die auch sie hinters Licht geführt hat, sei sie nicht böse. „Sie tut mir einfach nur leid“, sagt Bärbel Pott-Dörfer. In einem Punkt ist sich die Expertin mit Kreisjägermeister Jürgen Ziegler einig: „Diese Frau hat allen wild lebenden Wölfen einen Bärendienst erwiesen.“

Vor einem Gericht wird sich die Hamelnerin wohl nicht verantworten müssen. „Es handelt sich schon um eine Täuschungshandlung, aber wenn die Frau nicht zur Erlangung von Vermögensvorteilen aktiv geworden ist, dann ist das nicht strafbar“, sagt Oberstaatsanwältin Irene Silinger.



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