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WDR 5-Stadtgespräch offenbart vor allem Defizite in der Unterstützung Betroffener

Missbrauch: Wenig Hilfe für die Opfer

LÜGDE. In den Minuten vor Beginn der von WDR 5 aus Lügde übertragenen Live-Sendung „Stadtgespräch“ werden die stündlichen Nachrichten des Radiosenders in den Klostersaal übertragen. In einer Meldung geht es um den Prozess gegen die Eltern des fünfjährigen Nico. Sie stehen wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vor Gericht. Beide wollen vom Leiden ihres Kindes nichts bemerkt haben.

veröffentlicht am 11.04.2019 um 23:28 Uhr
aktualisiert am 12.04.2019 um 00:50 Uhr

Eine Besucherin schildert WDR-Redakteurin Elke Vieth ihre eigenen Erfahrungen. Foto: yt
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Ein heftiger Auftakt für eine Sendung, in der auch die Frage in dem von mehr als 150 Menschen besuchten Raum steht, warum so viele so lange nichts bemerkt haben von den mutmaßlich über 1000 Sexualverbrechen, die der Dauercamper Andreas V. (56) und sein Komplize Mario S. (34) über Jahre hinweg an mehr als 50 Kindern im Alter zwischen 4 und 13 Jahren begangen haben sollen. Und: Wie Kinder geschützt werden können vor sexualisierter Gewalt.

Wirklich erhellende Antworten auf diese Fragen gibt es zwar nicht in der folgenden Stunde. Die Wortbeiträge aus dem Publikum sind auch aufschlussreicher als die meisten Statements auf dem Podium.

Aber schnell wird klar: Im Saal scheinen Welten aufeinanderzuprallen. Da sind jene, die nicht fassen können, dass Eltern nichts merken, wenn ihren Kindern solches Leid zugefügt wird. Erschüttert über das Ausmaß des Nichtwahrnehmens aufseiten der Behörden zeigt sich dagegen nicht nur Renate Blum-Maurice vom Kinderschutzbund NRW. Für sie ist klar: „Wir haben es hier nicht mit einem Nischenproblem zu tun, sondern mit einem gesellschaftlichen Problem, um das wir uns alle kümmern müssen.“

Dass es mit dem Kümmern bei den zuständigen Behörden trotz diverser Opferschutz-Versprechen und -Angebote in der Realität nicht allzu weit her ist, ist eine enttäuschende Erkenntnis aus diesem Abend. Denn wie sollen über die Taten an ihren Kindern geschockte Eltern in der Lage sein, die richtige Hilfe zu finden?! Denn offenbar werden sie nicht einmal mit ausreichend Informationen versorgt. Und was ist mit jenen Eltern die ihren zu Opfern gewordenen Kindern nicht glauben, wie mehrere erwachsene Betroffene im Publikum früher schmerzhaft erleben mussten?

Verständlich, dass in Lügde und anderswo noch immer Fassungslosigkeit herrscht über das Ausmaß der Verbrechen. Aber auch über die Ignoranz in Behörden, die diese Taten mit ermöglicht hat.

Dass es ein Fehler wäre, über das Thema zu schweigen, zeigen die Wortmeldungen einiger junger Frauen. Eine von ihnen, deren Tochter in einem anderen Fall zum Opfer wurde, schildert, der Prozess habe eineinhalb Jahre gedauert. In dieser Zeit habe ihr Kind keine Therapie bekommen. Sie appelliert an die Betroffenen, sich aus der Opferrolle zu befreien. Als sie sagt: „Hört mit dem Schamgefühl auf!“, brandet Applaus auf.

Eine direkt betroffene Auswärtige berichtet unter Tränen von ihren frustrierenden Erfahrungen. Der Pyrmonter Jens Ruzsitska, dessen Hinweise auf die mutmaßliche Pädophilie von Andreas V. 2016 von Amts wegen ignoriert wurden, kennt mehrere Opferfamilien. Er sagt: „Die Kinder erhalten die nötige Hilfe nicht.“ Derweil sitzt eine Betroffene im Saal, die sich an diesem Abend nicht zu Wort meldet. Die seit kurzem in Lügde lebende Michaela Vandieken zittert, ihr Kreislauf spielt verrückt. Sie würde am liebsten aus dem Saal rennen. Wie sie sagt, glaubte ihr Vater ihr nicht, als sie Anfang der 1990er Jahre von Andreas V.s Übergriffen an ihr berichtete. Damals war sie elf Jahre alt. Heute ist sie 39. Die eigene, lange verdrängte Betroffenheit sei ihr erst wieder klar geworden, als die Tochter ihr offenbart habe, von einem Bekannten eines der Hauptverdächtigen vergewaltigt worden zu sein. Für Michaela Vandieken ist der Besuch des „Stadtgesprächs“ ein Kraftakt. Aber sie hat ihn gemeistert. Das Schweigen hat ihr 28 Jahre lang nicht geholfen.

Die Sendung:

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/stadtgespraech/kindesmissbrauch-luegde-100.html



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