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Es habe eklatante Fehlleistungen bei der Polizei gegeben

Missbrauch in Lügde: Leitender Beamter nach Pannen suspendiert

Detmold/Lügde. Nach dem Verschwinden von Beweismitteln zum massenhaften Kindesmissbrauch im nordrhein-westfälischen Lügde ist ein Streit um die Verantwortung entbrannt. Ein leitender Kriminalbeamter in Detmold wurde suspendiert.

veröffentlicht am 22.02.2019 um 17:37 Uhr

Missbrauchsfall in Lügde: Nach den Pannen in der Ermittlung wurde der leitende Beamte suspendiert. Foto: Christian Mathiesen/dpa
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Der Leiter der zuständigen „Direktion K“ habe ihn zu spät über die verschwundenen Beweismittel in dem Fall informiert, sagte der Behördenchef und Landrat Axel Lehmann (SPD) am Freitag zur Begründung. Es habe eklatante Fehlleistungen bei der Polizei gegeben. Die rot-grüne Landtagsopposition kündigte eine Sondersitzung des Innenausschusses in der nächsten Woche zu dem Thema an. Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter erhob Vorwürfe gegen die NRW-Landesregierung.

Ein Sonderermittler und mehrere Mitarbeiter des LKA sind im Einsatz, um das Verschwinden von 155 Datenträgern in der Kreispolizeibehörde Lippe mit Sitz in Detmold aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte am Freitag mit, man gehe davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar seien. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen.

„Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten“, sagte Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des BDK, dem WDR. Die Kripo sei „ausgeblutet“ und liege am Boden, es fehlten in Lippe insgesamt 75 Leute, kritisierte Fiedler. Nun zeige sich, was Personalmangel bedeute, sagte Fiedler. „Wenn der Innenminister davon redet, dass seine Großmutter das besser gekonnt hätte, kommt das bei den Kollegen, die sich da jeden Tag den Hintern aufreißen, nicht so gut an.“ NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bekräftigte dagegen am Freitag im WDR-Hörfunk den Vorwurf des Polizei- und Behördenversagens. Er sehe sich in seiner Kritik bestätigt.

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, warnte vor einer Vorverurteilung: „Das Krisenmanagement des Innenministers sollte nicht nur darin bestehen, Polizisten an den Pranger zu stellen“, sagte Mertens. „Die Behörde in Lippe hatte mal 447 Polizisten, heute sind es 359, davon sind 60 Kriminalbeamte.“ Dies sei das Resultat jahrzehntelanger Versäumnisse. Landrat Lehmann sagte, seine Behörde habe die niedrigste Polizeidichte in ganz NRW.

„Das ist ein Einzelfall. Asservate werden bei uns wie Heiligtümer behandelt“, sagte Erich Rettinghaus, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Dem widersprach der Kriminologe Prof. Thomas Feltes: Es komme durchaus häufiger vor, dass Beweismittel verschwänden.

Ob auf den verschwundenen CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolumen kinderpornografisches Material war, ist unklar, weil sie überwiegend noch nicht gesichtet wurden. Das noch vorhandene Material reiche aber aus, um die Verdächtigen zu überführen, hatte Reul gesagt.

Im Fall von Lügde sitzen Verdächtige aus NRW und Niedersachsen im Alter von 56, 33 und 48 Jahren wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert.

Zusätzlich wird auch gegen eine Polizeibeamtin und einen Beamten wegen Strafvereitelung ermittelt. Bereits 2016 sollen zwei Hinweise bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Die Beamten leiteten die Hinweise lediglich an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aus.

Am Freitag wurde zudem bekannt, dass ein Polizeianwärter mit der Sichtung des Materials betraut worden war. „Dieses Vorgehen verstößt zwar nicht gegen Dienstvorschriften, ich halte es aber trotzdem für unverantwortlich - gerade in einem derart anspruchsvollen und sensiblen Fall“, sagte Reul der „Rheinischen Post“.

Die verschwundenen Datenträger waren am 20. Dezember vergangenen Jahres zuletzt gesehen worden. Am 30. Januar wurde ihr Verschwinden bemerkt. Am Tatort des Kindesmissbrauchs, einem Campingplatz, wurde am Freitag von der Polizei ein Auto sichergestellt und der betroffene Bereich eingezäunt.

dpa



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