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Kripo ermittelt auch gegen Sachbearbeiter in Jugendämtern

Missbrauch im Wohnwagen: Wie viele Opfer gibt es noch?

DETMOLD / ELBRINXEN /BAD PYRMONT. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang. Aber die Dimension sprengt alles bisher Dagewesene – auch über den Kreis Lippe hinaus: Der Hauptbeschuldigte Andreas „Addi“ V. (56) soll sich mit einem Bekannten (33) aus Steinheim zig sexueller Übergriffe an Kindern schuldig gemacht haben.

veröffentlicht am 30.01.2019 um 19:15 Uhr
aktualisiert am 26.07.2019 um 14:41 Uhr

Juliane Lehmann

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Reporterin (Pyrmonter Nachrichten) zur Autorenseite

Die neunköpfige Ermittlungskommission „Camping“ hat bisher 23 Opfer angehört – 21 Mädchen und 2 Jungen. Daraus schließt die Kripo aktuell auf über 1000 Taten. Doch es dürften mehr sein. Noch ist erst ein geringer Teil der beschlagnahmten Daten ausgewertet. Sie haben ein Volumen von 14 Terabyte.

Als erstes Opfer gilt eine heute 18-Jährige. Sie soll den ihr vor zehn Jahren widerfahren Missbrauch im November angezeigt haben. Den Stein ins Rollen brachte aber wohl kurz zuvor die Mutter einer Sechsjährigen. Sie erstattete Anzeige nach einem Besuch ihrer Tochter in den hinter diversen Um- und Überbauten vor Blicken geschützten beiden Wohnwagen V.s auf dem Elbrinxer Campingplatz. Ihre Tochter war eine Spielkameradin von V.s inzwischen achtjähriger Pflegetochter.

Spricht man mit Menschen aus dem Umfeld, dann blieben die wohl schon seit zehn Jahren in den Wohnwagen praktizierten kriminellen Machenschaften allen verborgen. Auffallen konnte indes: Der Mann gab sich sichtlich Mühe mit vielen Kindern: Er beschaffte Pferde zum Reiten, organisierte Quad-Fahrten sowie Besuche in Schwimmbädern und Freizeitparks.

Aber es gibt auch Leute, die zumindest ein komisches Gefühl beschlich. So etwa, als V.s Pflegetochter Mitschülern Fotos von sich in aufreizender Pose gezeigt haben soll. Spürbare Folgen blieben jedoch aus. Lina-Sophie (Name geändert) wurde ihrem Pflegevater erst nach der im November 2018 erstatteten Anzeige weggenommen. Sie lebt jetzt in einer Pflegefamilie.

Fragen wirft die Rolle der Behörden auf. Wie konnte das Jugendamt Hameln-Pyrmont einen alleinstehenden Dauercamper als geeigneten Pflegevater ansehen? Und: Warum blieb ein schon 2016 eingegangener Hinweis auf Kindeswohlgefährdung folgenlos?

Staatsanwaltschaft und Kripo machten dazu bei der Pressekonferenz am Mittwoch im lippischen Kreishaus nicht viele Worte. Nur soviel: Sie ermitteln wegen des Verdachts der Fürsorgeverletzung gegen die zuständigen Sachbearbeiter. Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nannte die Umstände am Mittwoch „sehr undurchsichtig“.

Die Entscheidung, dem Camper das Mädchen auf Wunsch von dessen sehr junger, überforderter Mutter in Pflege zu geben, soll gefallen sein, weil der Mann sich zu kümmern schien und dem Kind mehr Geborgenheit zu geben versprach, als die Mutter es konnte.

„Wir hätten uns sehr gewünscht, dass es uns schon früher gelungen wäre, Risse in der Fassade zu erkennen“, hieß es am Mittwoch in einer schriftlichen Mitteilung aus dem Kreishaus in Hameln.

Nach der Unterbringung des Mädchens bei dem Mann habe ein Prüfverfahren stattgefunden. „Anschließend wurde im Januar 2017 dann ein Pflegeverhältnis für das Kind anerkannt.“ Weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das erweiterte Führungszeugnis des Mannes hätten Grund zur Beanstandung gegeben. Entscheidend seien die gute Bindung des Kindes zu ihm, sein Einsatz für das Kind und deutliche Verbesserungen des Entwicklungszustandes des Kindes gewesen. Das hätten Berichte aus den betreuenden Einrichtungen bestätigt. Auch eine Prüfung durch den Kreis Lippe im Dezember 2017 habe keine Beanstandungen oder eine Kindeswohlgefährdung ergeben.

Der Pflegevater habe „auf dem Campinggelände Freizeitaktivitäten koordiniert, war dort beliebt und in dem sozialen Umfeld eng eingebunden“. Es habe zu keiner Zeit des Aufenthaltes des Kindes bei dem Mann „konkrete Hinweise auf seelische oder sexuelle Auffälligkeiten oder Übergriffe“ gegeben.

Die ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte schriftliche Stellungnahme des Kreises Lippe liest sich etwas anders: Darin ist die Rede von einer bereits Ende 2016 beim lippischen Jugendamt angezeigten Kindeswohlgefährdung. Der Verdacht einer Verwahrlosung des Kindes habe sich vor Ort zwar nicht bestätigt. „Das Jugendamt empfahl allerdings, die Unterbringung und häusliche Situation auf Dauer zu verändern“, heißt es in dem Schreiben weiter. „Diese Einschätzung sowie der Hinweis auf eine latente Kindeswohlgefährdung wurden an die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont weitergeleitet, mit der Bitte, die Unterbringung des Kindes zu überprüfen.“ Die Rückmeldungen aus Hameln hätten „eine Verbesserung der Lebenssituation“ versichert „und lieferten keine Verdachtsmomente auf einen sexuellen Missbrauch“.



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