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Leidenschaft wurde schon in der Kindheit geweckt / Vorführungen im Wisentgehege Springe

Matthias Vogelsang – der mit den Wölfen heult

Weserbergland (roh). In der einsetzenden Dämmerung wabern Nebelschwaden durch die Täler des Weserberglandes. Es ist fast ganz still auf dem Grundstück von Matthias und Birgit Vogelsang, nur ein leises Rascheln hin und wieder zeugt von der Anwesenheit der sieben Wölfe. Leise und sanften Schrittes nähert sich Matthias Vogelsang dem Gehege. Die Wölfe werden unruhig und dann – ganz plötzlich – spricht Vogelsang mit ihnen: Laut und in ungarischer Sprache begrüßt er die Tiere. Ein imposantes Schauspiel beginnt: Einige Wölfe werfen sich förmlich Vogelsang entgegen, andere warten im Hintergrund, einige knurren, andere lecken mit ihren Zungen an seinem Mund und suchen seine Nähe.

veröffentlicht am 08.02.2009 um 20:04 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 02:41 Uhr

Wolfsforscher Matthias Vogelsang bezeichnet sich als ranghöchste
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Frau als Mitglied des

Rudels akzeptiert

Außerhalb des Geheges steht die Frau des Wolfsforschers und erklärt: „Es ist Paarungszeit, und deswegen darf ich nicht mit ins Gehege.“ Sie sei zwar als Mitglied des Rudels akzeptiert, während der Paarungszeit aber werde sie innerhalb des Geheges zur Rivalin für die Fehen, die weiblichen Wölfe.

Vor 13 Jahren habe alles begonnen, berichtet Matthias Vogelsang. „Damals habe ich den ungarischen Wolfsforscher Zoltan Horkai, der seit weit mehr als 20 Jahren mit Wölfen lebt und arbeitet, kennengelernt, und es war Liebe auf den ersten Blick.“ Seine Leidenschaft für den Wolf wurde aber schon in seiner frühesten Kindheit geweckt. Über den Hund sei er zum Wolf gekommen, sagt Vogelsang. Später habe er dann den größten Teil seiner Freizeit, jeden Urlaub in Ungarn verbracht, um den rund 28 dort von Horkai gehaltenen Wölfen nahe zu sein, sie zu studieren und um das Leben in einem Rudel von seinem ungarischen Freund und Partner zu erlernen.

Mittlerweile hat sich Vogelsang nicht nur unter Wolfsfreunden einen Namen gemacht. Kürzlich habe er in Göttingen einen Vortrag über Wölfe gehalten – die Zuhörer: Schafzüchter. „Unsere Gesellschaft hat es nicht nur geschafft, den frei lebenden Wolf quasi auszurotten, nein, auch ein völlig falsches Bild vom Wolf ist entstanden und wird weiterhin kultiviert“, sagt der 46-Jährige enttäuscht. „Wölfe sind ängstliche Tiere. Natürlich sind sie Beutegreifer, Raubtiere eben, aber wenn sie eines meiden wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser, dann den Menschen. Ich nenne diese Vorbehalte das ‚Rotkäppchensyndrom‘. Sicherlich gab es im Mittelalter eine Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Wolf, aber es war beileibe nicht der Wolf, der die Wildbestände derart dezimierte, dass das Volk hungerte.“ Aber genau das sei seinerzeit in Umlauf gebracht worden: Der Wolf war Schuld an der Nahrungsknappheit.

…der Alpha-Wolf ist aber Topah. Fotos: roh
  • …der Alpha-Wolf ist aber Topah. Fotos: roh

Mit den Vorurteilen dem Wolf gegenüber räumt der Wolfsforscher auch in ganz praktischer Arbeit auf. „Im Wisentgehege Springe nehmen wir mit unseren Wölfen an mehreren Veranstaltungen teil. Unser Anliegen ist es, ein authentisches Bild des Wolfes zu liefern.“ Wie dieses Bild dann aussehen kann, erleben die Besucher bei Vorführungen von Birgit und Matthias Vogelsang im Wisentgehege. Die Menschen stehen vor dem Wolfsgehege und beobachten die scheuen Tiere. Plötzlich werden die Wölfe unruhig, rennen am Zaun entlang.

Viele Stunden am

Tag im Gehege

Und dann hört man aus der Ferne ein stetig lauter werdendes Heulen. Und urplötzlich heulen die Wölfe – wie auf Kommando, recken ihre Hälse und rufen ihren Menschenfreund herbei. Und wenn dann auch endlich die Besucher Matthias Vogelsang näher kommen sehen, dann zeigt sich auf allen Gesichtern Freude. Vogelsang: „Wir haben uns einmal mit einer kleinen Gruppe gegen 22.30 Uhr auf dem Weg zum Gehege gemacht. Als ich dann mit meinen Wölfen heulte, begann eine Besucherin zu weinen. Sie war so ergriffen, dass sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.“

Der Wolfsforscher verbringt viele Stunden am Tag im Gehege. „Ich liebe die Kälte“, sagt er und fügt an, dass er auch regelmäßig ganze Abende im Gehege verbringt und folgerichtig auch dort schläft. Wenn es darum geht, den Wolf zu erklären, Vorurteile abzubauen oder Aufklärung zu betreiben, ist Vogelsang behände mit den Worten. Wenn er aber in das Gehege geht, dann geht mit ihm eine Veränderung vor, die er so erklärt: „Es kommt darauf an, dass ich mich in die soziale Struktur des Rudels integriere. Nur so kann ich den Wölfen in dieser nahen und innigen Weise begegnen.“ Und eines gehöre auf jeden Fall dazu: mentale Stärke. Es komme nicht darauf an, den Wolf mit Körperkräften zu beherrschen, sondern seine Sprache zu sprechen. Vogelsang bezeichnet sich nicht als Alpha-Wolf, sondern als ranghöchstes Mitglied des Rudels. „Der Alpha-Wolf heißt Topah, die Alpha-Fehe heißt Kira“, sagt er. In Deutschland gibt es derzeit nur Schätzungen, was die Zahl frei lebender Wölfe angeht. Dem Vernehmen nach sollen es 45 Tiere sein. Von einer künstlichen Auswilderung, selbst unter besten Voraussetzungen für Mensch und Tier, hält Vogelsang nichts. Er meint: „Entweder kommt der Wolf zurück oder nicht. Wir werden auf jeden Fall weiterhin in Kooperation mit dem Wisentgehege für Aufklärung sorgen.“



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