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Ehemaliges Warnamt wird zum Schauplatz martialischer Szenen / Polizei sieht keine Gefahr

Kriegsspiele am Deister

RODENBERG. Das ehemalige Warnamt III am Deister ist in den vergangenen Wochen ins Gerede gekommen. Es ist ein Relikt des Kalten Kriegs – und jetzt treibt eine Gruppe dort Kriegsspielchen. Die Polizei stuft die Vorgänge als ungefährlich ein, doch in der Bevölkerung bleiben Bedenken.

veröffentlicht am 13.06.2017 um 12:45 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 17:00 Uhr

Einer der Gefechtsstände ist fast direkt am Wanderweg zum Gasthaus Teufelsbrücke gelegen. Foto: gus

Autor:

Guido Scholl
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Passanten, die an der früheren Melde- und Bunkeranlage vorbeikommen, bietet sich ein seltsames Bild: „Gefechtsstände“ sind mit Tarnnetzen behangen, „Soldaten“ patrouillieren in militärischem Outfit, das Eingangstor ist verbogen, ab und zu stehen „Wachtposten“ dort. Doch nicht alles ist martialisch: Auch Ziegen laufen über das Gelände, Frauen mit Kindern sind dort bisweilen ebenso zu sehen. Und ein Golf-Caddy ist abseits meist mehrerer Autos mit ortsfremden Kennzeichen geparkt.

Die Unternehmergesellschaft (UG) Battlefield for Friends hat das Warnamt zu einer Spielwiese für Fans des Militärischen gemacht. Auf die Anfragen dieser Zeitung reagierte das Unternehmen zwar nicht. Doch im Internet wirbt es ganz unverhohlen damit. Demnach will Battlefield for Friends Kunden gegen Bezahlung an wehrdienstähnlichen Manövern mitwirken lassen.

Ein Laserwaffensystem werde mit Szenarien aus bekannten Computerspielen wie Battlefield und Call of Duty kombiniert. Gezielt werden auch die Freunde bestimmter TV-Sendungen ermuntert, sich einmal auf dem Battlefield (Schlachtfeld) auszuprobieren. Die beiden „Missionen“, an denen Interessierte teilnehmen können, tragen die Namen „The Beginning“ und „Operation Rainbow“. Die Anbieter werben damit, dass sie ein 27 000 Quadratmeter großes Grundstück zur Verfügung haben und bezeichnen ihr Angebot als einzigartig.

Das Haupttor ist seit einiger Zeit verbogen. Foto: gus
  • Das Haupttor ist seit einiger Zeit verbogen. Foto: gus
Auf dem Gelände treiben Unbekannte Kriegsspiele (Symbolbild). Foto: dpa
  • Auf dem Gelände treiben Unbekannte Kriegsspiele (Symbolbild). Foto: dpa

Die Facebook-Seite von Battlefield for Friends gefällt fast 18000 Usern. Auf den dortigen Fotos posieren Gruppen mit Waffen, die echtem Tötungswerkzeug täuschend ähnlich sehen. Als neueste Errungenschaft wird eine Art Panzerfaust angepriesen, die „gegen größere Fahrzeuge eingesetzt“ werden soll.

So befremdlich all dies auf Beobachter wirken mag, so gelassen bleibt die hiesige Polizei. Es handelt sich nach Einschätzung von Michael Panitz, Kommissariatsleiter in Bad Nenndorf, um reine Kriegsspiele, ähnlich früherer Trends wie „Gotcha“ und „Paintball“. Die Polizei habe die Sache im Blick, sehe aber keine widerrechtlichen Vorgänge, solange sich die Kriegsspielchen ausschließlich auf dem umzäunten Gelände abspielen. Einen rechtsradikalen Hintergrund wittere auch der Staatsschutz nicht.

Dennoch verfolgen manche Rodenberger die Entwicklung mit Sorge. „Wenn sich hier erst einmal so eine Gruppe eingenistet hat, werden wir die so schnell nicht mehr los“, meint ein Beobachter. Als bedrohlich beschreibt eine Mutter das Szenario, das sich ihr beim Spaziergang geboten habe. Andere messen dem Ganzen wenig Bedeutung bei, halten das Treiben aber zumindest für wenig sympathisch.

Die Anbieter der Kriegsspiele sind den Informationen dieser Zeitung Mieter auf dem Grundstück. Dieses hat in 2016 den Besitzer gewechselt. Der bis dahin dort ansässige Unternehmer verkaufte das Areal für einen mittleren sechsstelligen Betrag an einen Mann aus dem Weserbergland, der es nun an Battlefield for Friends vermietet.

Wie lukrativ das Geschäftsfeld der Kriegsspiele ist, lässt sich schwer einschätzen, zumal unbekannt ist, welchen Mietpreis Battlefield for Friends zahlt. Die Teilnahme an einer Mission kostet knapp 200 Euro. Bis zu 40 Mann können teilnehmen. Wie viele es an den Wochenenden, an denen die Kriegsspiele angeboten werden, wirklich sind, ist unbekannt.

Information

Einst Stätte des Schutzes

Das Warnamt bei Rodenberg war Ende der fünfziger Jahre in Betrieb genommen worden. Es handelte sich um eines von 13 Warnämtern der Bundesrepublik Deutschland. Im Kalten Krieg sollten diese Einrichtungen des Zivilschutzes im Falle militärischer Gefahren Warnungen an die Bevölkerung und an öffentliche Stellen geben. Wer wollte, konnte dort Wehrersatzdienst leisten. Anders als beim Wehrdienst, wo Rekruten mehrere Monate lang einrücken mussten, verpflichteten sich die jungen Männer an den Warnämtern für bis zu zehn Jahre und verrichteten in regelmäßigen Abständen tageweise ihren Dienst. In den neunziger Jahren wurden die Warnämter aufgelöst. Das Warnamt III verfügt außer ehemaligen Aufenthalts- und Diensträumen auch über eine Bunkeranlage.

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