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Rainer Peper lebte schon oft auf der Straße

Koks, Heroin, Crack: Ein Obdachloser aus Rinteln erzählt

RINTELN. Für viele Menschen ist es unvorstellbar: Kein eigenes Dach über dem Kopf zu haben, kein Bad, kein Bett, kein Zuhause. Nicht zu wissen, wo man morgen schläft, nicht zu wissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Obdachlosigkeit ist bis heute ein Stigma in unserer Gesellschaft und eine Falle, aus der man sich nur schwer befreien kann. Der Rintelner Rainer Peper (Name geändert) erzählt von seinem Leben als Obdachloser.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 13:43 Uhr
aktualisiert am 16.03.2018 um 15:00 Uhr

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Für viele Menschen ist es unvorstellbar: Kein eigenes Dach über dem Kopf zu haben, kein Bad, kein Bett, kein Zuhause. Nicht zu wissen, wo man morgen schläft, nicht zu wissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Obdachlosigkeit ist bis heute ein Stigma in unserer Gesellschaft und eine Falle, aus der man sich nur schwer befreien kann. Der erste Teil der Serie über Obdachlosigkeit im Weserbergland.

Wie sieht das Leben einer Person „ohne festen Wohnsitz“ (wie es im Amtsjargon heißt) wirklich aus? Wie gestaltet sich ihr Alltag und am wichtigsten: Wie verliert ein Mensch aus dem Nichts alles, was für viele andere selbstverständlich ist? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir mit Rainer Peper gesprochen. Er ist nach eigener Aussage schon fünf- bis sechsmal obdachlos gewesen. Ein Blick auf sein bewegtes Leben, das beispielhaft für eine ganze Reihe ähnlicher Biografien stehen kann.

Peper stammt nach eigener Erzählung aus einer zerrütteten Familie. Gewalt und Ablehnung des Jungen waren an der Tagesordnung. Die Eltern trennten sich, er wohnte bei seiner Mutter in Rinteln. Diese hatte oft wechselnde Partner, die ihrerseits mit Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen hatten. Die Situation zu Hause ertrug er irgendwann nicht mehr. „Mit 14 habe ich mir eine Zweitfamilie gesucht“, sagt der heute 31-Jährige, als wäre das völlig normal für ein Kind. „Eine italienische Familie aus Bückeburg hatte einen Partykeller mit angrenzendem Raum, da stand ein Bett drin.“

Dort lebte Peper die meiste Zeit, dort kam er auch schon früh mit Drogen in Kontakt. Marihuana und Alkohol bestimmten von da an seinen Tagesablauf. „Manchmal hatte ich vor 12 Uhr mein erstes Sixpack drin“, erzählt er mit Blick auf die damalige Zeit. Als Peper 16 Jahre alt wurde, hatte seine Mutter „die Schnauze voll“. Sie warf ihren Sohn nun ganz offiziell raus, er bekam mit Unterstützung des Jobcenters seine erste eigene Wohnung in Rinteln. An seinem Lebensstil änderte sich nicht viel.

Speed und andere Drogen haben Rainer Peper wiederholt die Chance auf ein besseres Leben genommen. Foto: momo

Die erste Gelegenheit zum Ausstieg aus dem Drogensumpf bot sich, als er zur Bundeswehr eingezogen wurde. Das beflügelte ihn, wie er heute noch freimütig zugibt. Doch ein Schicksalsschlag warf ihm einen Knüppel zwischen die Beine: Auf einem Manöver brach er sich das Handgelenk und wurde ausgemustert. „Krank bis ,DZE‘, also bis Dienstzeitende.“

Es grämt ihn noch heute, so der Eindruck. Nach dem Aus beim Militär versuchte der nun 19-Jährige erfolglos, eine Arbeit zu finden, und zog mangels besserer Alternativen zu seinem Vater. Dieser schmiss ihn bald raus, nachdem er bemerkte, dass sein Sohn ihn bestahl. „Das nehme ich ihm nicht mal übel, er musste das merken.“

Es war Sommer, als Peper zum ersten Mal obdachlos wurde. Er lebte ein halbes Jahr im Zelt auf einem Feld nahe Göttingen oder „im Auto, damals hatte ich ja noch meinen Führerschein“. Diese Zeit ist ihm in guter Erinnerung geblieben, oft hatte er Freunde da, man machte Lagerfeuer und konsumierte reichhaltig stimmungsaufhellende Substanzen unter freiem Nachthimmel. Im Herbst kam er erneut bei Freunden in Göttingen unter: noch immer nicht gemeldet, noch immer nicht von den schweren Abhängigkeiten losgekommen. Die nächsten Jahre waren geprägt von Drogenexzessen.

Koks, Heroin, Crack, es gibt kaum etwas, von dem Peper zeitweise nicht abhängig war. Da diese Drogen viel Geld kosten, musste Geld beschafft werden.

„Wir haben Lottobudenbesitzer ausgekundschaftet – wann bringen die ihr Geld weg, wo gehen die lang, wo kann man zuschlagen.“ Zu Monatsanfang überfielen sie in Göttingen dann die Betreiber, nahmen ihnen das Geld ab. „Einmal haben wir ein Portemonnaie mit Kreditkarten und PIN-Nummern geklaut“ – etwa 10 000 Euro Beute für ihn und seine Kumpane. Heute bereut Peper diese Taten, das merkt man ihm deutlich an.

Er ist desillusioniert, sagt heute, seine Taten damals waren „feige“. Er hat längst aufgehört, sich etwas vorzumachen und sein Tun zu rechtfertigen. Vier Jahre lebte Peper so. Er wurde unzählige Male von der Polizei erwischt. Diesem Druck hielt er nicht mehr lange stand, die Sucht, das drohende Gefängnis. Er versuchte, sich umzubringen. „Hat nicht geklappt, leider. Aus heutiger Sicht natürlich gut, sonst würden wir jetzt hier nicht sitzen“, sagt er mit einem Grinsen, das einen ausgeprägten Hang zum Galgenhumor vermuten lässt.

Danach suchte Peper endlich seine Mutter bei Göttingen auf, zu der er lange Zeit keinen Kontakt mehr hatte. „Es macht mich schon ein wenig traurig“, sagt er, wenn er über die Zeit nachdenkt, in der er seine Familie ignorierte.

Er gestand ihr alles und ging in eine Entgiftungseinrichtung, um danach eine Therapie zu besuchen. Wie auch schon beim Militär erhoffe er sich hier einen Ausstieg aus dem Leben, das er bisher führte.

„Am letzten Tag, ich habe gerade meine Zigarette geraucht, standen Beamte mit einem ,Roten‘ vor mir.“ Ein „Roter“ ist ein rotes Stück Papier, ein Haftbefehl. Die Post, die ein Freund ihm vorbeibringen wollte, kam nie bei ihm an, er verpasste eine Gerichtsverhandlung und wurde dem Haftrichter vorgeführt. U-Haft, zweieinhalb Monate. Im Alter von 24 Jahren. Er ging während der Haft zur Suchtberatung und stellte einen Antrag auf Langzeittherapie. Diese wurde ihm bewilligt. Er befand sich dann nahezu ein Dreivierteljahr in Therapie, während die Verfahren wegen seiner zahlreichen Delikte weiterliefen.

Dennoch erkannte das Gericht seine Bemühungen an. Peper wurde zu zwei Jahren auf Bewährung für bewaffneten Raub in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und illegalem Waffenbesitz verurteilt. „Manchmal im Leben habe ich unverschämtes Glück. Das war einer dieser Momente.“ Damals verstieß er gegen seine Auflagen und landete im Knast. Er riss sich erneut zusammen, wurde nach eigener Aussage im Gefängnis clean und machte eine Qualifikation zum Glas- und Gebäudereiniger – mit Bravour, wie er sagt. Er habe vom Prüfer eigens ein Empfehlungsschreiben bekommen. Nach eineinhalb Jahren kam der nun 27-Jährige unter Auflagen frei. Seitdem hat er das Gefühl, von der Gesellschaft im Stich gelassen worden zu sein. „Wenn du aus dem Gefängnis kommst, kriegst du keine Wohnung. Selbst wenn du mit Justizbeamten zu den Besichtigungen gehst. Ich habe nicht eine gefunden.“

Und auch Arbeit wollte ihm niemand geben. Der Prüfer, der die Empfehlung ausstellte, sei bekannt gewesen bei regionalen Reinigungsfirmen. „Und die wissen, dass er im Gefängnis arbeitet, also zählen die eins und eins zusammen“, so seine Erklärung.

Heute wartet Peper wieder auf einen Haftbefehl, im Herbst 2016 brach er in ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr Uchtdorf ein (wir berichteten). Kurz darauf wurde er gefasst: ein weiteres halbes Jahr Knast. Derzeit läuft die Revision, er hofft erneut auf sein unverschämtes Glück. Doch an diesem Abend sei er, mittlerweile mit Schizophrenie diagnostiziert, von einem Bekannten mit dem Tode bedroht worden. Peper verlor die Kontrolle über sich, ein klassisches Symptom von Schizophrenen, die ihre Medikamente nicht regelmäßig einnehmen. Aus finanzieller Not, die nicht zuletzt aus einer zu begleichenden Tierarztrechnung und Pepers über die Jahre angehäuften Schulden entstand, und einer ihn überkommenden Verzweiflung über seine scheinbar aussichtslose Situation, schaltete seine Ratio ab. Rückblickend sagt er: „Wäre ich nüchtern gewesen, hätte ich das im Leben nicht getan.“

Die nächsten Monate waren geprägt vom selben Muster wie zuvor. Abhängigkeiten, Couchsurfing, Schwarzarbeit auf dem Bau.

In dieser Zeit fand er eine Freundin, aus der Not heraus zogen sie zusammen, nach Volksen. „Eine Wohnung zu finden war schwer bei meiner ,Schufa‘.“ Die Wohnung, in der sie dann wohnten, sei aber eine Zumutung gewesen: Er berichtet von Ratten in den Wänden, das Dämmmaterial in Dach und Wand hätte aus leeren Bierdosen und Schutt bestanden. Dem Vermieter sei es egal gewesen: „Einmal habe ich ihm eine Ratte an den Türrahmen genagelt“, erzählt Peper, der sich noch heute mit Vergnügen daran erinnert.

Kurz vor Weihnachten 2016 wurde er dann zwangsgeräumt, sein Besitz eingelagert. Er kam erneut bei Freunden unter, seine Freundin ebenfalls. Doch auch die nächste Wohnung wurde zwangsgeräumt, die Streitereien des jungen Paares waren den Nachbarn ein Dorn im Auge.

Nun mäandert Peper erneut in Rinteln von Bekannten zu Bekannten, immer auf der Suche nach ein paar Tagen Obdach.

„Ich bin müde geworden. Ich will eigentlich nur in Ruhe irgendwo leben, ohne all den Trubel und den Ärger.“ Noch wartet er auf Post vom Gericht, ob er wieder in Haft muss. Aber wenn nicht, dann hat Peper auch schon einen Plan, wie es weitergehen soll: „Raus hier.“ Mit Freunden will er nach Brandenburg ziehen, weit weg von Rinteln, wo er nur verbrannte Erde hinterlassen hat. „In Rinteln kennen mich unfassbar viele Menschen, ohne dass ich sie kenne.“ Und jeder hat seine Meinung über ihn, oft ist die nicht gut. Und er will – hoffentlich – endlich den Absprung schaffen.



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