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Deutliche Kritik am Papst in der Affäre um Holocaust-Leugner / Kooperation vor Ort soll nicht leiden

Katholiken betonen: „Wir sind alle entsetzt“

Weserbergland (mafi/ni/ CK/dy). „Der Papst blamiert die katholische Kirche“ – dieser Schlagzeile des Magazins „Spiegel“ schließt sich Christa Bruns uneingeschränkt an. Die Vorsitzende der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ in Hameln-Pyrmont ist empört über die jüngsten Vorgänge im Vatikan, die weltweit für Kritik an der katholischen Kirchenführung sorgen. Die Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson „manifestiert alte Vorbehalte gegen die jüdische Religion, sie fördert den Antisemitismus“, ist Bruns überzeugt. Die Katholiken seien „sehr irritiert“, weiß sie aus vielen Gesprächen.

veröffentlicht am 04.02.2009 um 19:04 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 02:41 Uhr

Glaube im Wandel  Zeichnung: Haitzinger
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Das bestätigt Andreas Jungnitz, Leiter des Hamelner Schiller-Gymnasiums und seit langer Zeit engagierter Katholik: „Die Vorgänge im Vatikan sind im hohen Maße peinlich.“ Angesichts des dichten Informationsnetzes in dem Kirchenstaat „hätte die Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners nicht passieren dürfen“. Jungnitz stellt fest: „Das päpstliche Entgegenkommen aus väterlicher Güte gegenüber Williamson führt zu Unverständnis und Kopfschütteln. Der Papst muss seine Steuerungsaufgabe wahrnehmen und die Politik der Kirche korrigieren.“

Hans Georg Spangenberger, Pastoralreferent für die katholischen Kirchengemeinden im Raum Hameln und Holzminden, spricht angesichts der Wiederaufnahme von Williamson und drei weiteren erzkonservativen Bischöfen von einem „Super-GAU“. Sein Vorwurf an den Vatikan: „Man hat sich diese Leute, die dem äußersten rechten Spektrum zuzuordnen sind, vorher nicht gründlich angeguckt.“ Jetzt werde die Kirche für deren rechtes Gedankengut in Haftung genommen. Spangenberger erwartet von Rom das Eingeständnis eines Fehlers. Und die klare Aussage: „Diese Leute haben in der katholischen Kirche nichts zu suchen, denn ihre Einstellung widerspricht allen kirchlichen Positionen.“ Auch Marlies Viering, Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen in Hameln, ist überzeugt. „Wer den Holocaust leugnet, handelt gegen die katholische Lehre.“ Der Papst müsse die Wiederaufnahme von Williamson zurücknehmen. „Wir sind alle entsetzt“, schildert Viering, „dieser Fehler dürfte einem solch klugen Kopf nicht passieren.“ Der Leiter der Niels-Stensen-Schule (Katholische Grundschule) in Hameln, Thomas Krumschmidt, hätte sich umfassendere Erklärungen von Benedikt XVI. gewünscht. Die „Arbeit an der Basis“ sei aber nicht betroffen, das interreligiöse Zusammenleben etwa an der Schule – 20 Prozent der Schüler seien „andersgläubig“ – funktioniere gut, aus der Elternschaft seien bisher keine Reaktionen laut geworden.

„Die Auswirkungen

nicht bedacht“

Rudolf Thiel, seit mehr als drei Jahrzehnten Vorsitzender der katholischen Kolpingsfamilie Hameln, ist zum Thema Papst und Williamson zurückhaltend. Das sei alles von den Medien aufgebauscht, lautet sein Vorwurf. „Es bedrückt mich, dass das jetzt alles so ausgelegt wird.“ Immerhin fordert Thiel, dass sich Williamson von seinen Aussagen zur Judenvernichtung distanziert. Den Papst kritisiert Thiel nicht direkt, meint aber, die Angelegenheit schade der katholischen Kirche.

Christa Bruns
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Spangenberger
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Martin Pfeffer, Psychologe und Pfarrgemeinderat der Kirchengemeinde St. Maria Königin in Bodenwerder, wagt einen Erklärungsversuch: „Der Papst ist Wissenschaftler, es fällt ihm häufig schwer, die Realitäten des Alltags zu sehen. Es ist sehr bedauerlich, dass er die Auswirkungen auf seine Handlungen nicht bedacht hat.“ Das Kirchenoberhaupt opfere sehr viel für eine „sehr kleine, ultrakonservative Gruppe von teils unbelehrbaren Leuten“ – die Piusbruderschaft – und vernachlässige die Kontakte zur evangelischen Kirche, zum Judentum oder Islam. „Das ist ein zu hohes Opfer.“

Als Sprecher der evangelischen Kirche in Hameln-Pyrmont sagt Superintendent Philipp Meyer, es könne nicht die Intention der Christen sein, mit Holocaust-Leugnern in Verbindung gebracht zu werden. „Der Papst und seine Berater sind nicht auf der Höhe der Zeit und haben die Wirkung ihrer Handlung unterschätzt.“

Die Aufhebung der Exkommunikation eines Holocaust-Leugners „ist eine Ohrfeige für den interreligiösen Dialog“, bedauert die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hameln, Rachel Dohme. Der Oberhirte habe damit einen „groben, groben Fehler gemacht“. Die gute Zusammenarbeit mit den katholischen Kirchengemeinden im Weserbergland sieht Dohme jedoch nicht gefährdet. Es sei die katholische Kirche gewesen, die der jüdischen Gemeinde in Hameln einst ihr „erstes Zuhause angeboten“ und sie in ihren Bemühen um Kontakte über konfessionelle Grenzen hinaus unterstützt habe. Philipp Meyer und Christa Bruns hoffen ebenfalls, dass der Dialog zwischen den Religionen zumindest auf örtlicher Ebene unbeschadet bleibt. Bruns: „Wir werden nun noch fester zusammenhalten.“Gesprächsabend: Pastoralreferent Hans-Georg Spangenberger lädt ein zu einem Gespräch mit dem Titel: „Ein Spannungsfeld – Katholische Kirche zwischen Traditionalisten und Juden.“ Er findet am Montag, 9. Februar, ab 19.30 Uhr im St.-Augustinus-Gemeindehaus in Hameln (Lohstraße) statt.

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